Wirtschaft und Staat
Ludwig von Mises. Bild Ludwig von Mises Institute.

Wirtschaft und Staat

I.

Für jede Tier- und Pflanzengattung sind die Existenzmöglichkeiten beschränkt. Daher sind die vitalen Interessen jedes Lebewesens unweigerlich denjenigen aller Angehörigen seiner eigenen Spezies entgegengesetzt. Nur der Mensch ist imstande, diesen von Natur aus unvermeidlichen Konflikt durch Zusammenarbeit zu überwinden. Dank dem Prinzip der Arbeitsteilung wird eine höhere Produktivität erreicht; diese tritt so an die Stelle der bitteren Feindschaft, die der Mangel an Nahrungsmitteln hervorruft, und sie bewirkt eine Interessengemeinschaft von Menschen mit gleicher Zielrichtung. Der friedliche Austausch von Gütern und Dienstleistungen – die Wirtschaft – wird zum Musterbeispiel zwischenmenschlicher Beziehungen. Gegenseitige Abmachungen der Beteiligten treten an die Stelle der Gewalt, der Berufung auf das Gesetz des Stärkeren.

Die Schwäche dieser Methode zur Lösung der Grundprobleme der Menschheit – und tatsächlich ist es die einzig mögliche Methode – liegt in der Tatsache, dass ihr Funktionieren von der vollen und unbedingten Mitwirkung aller menschlichen Lebewesen abhängt und dass die Verweigerung dieser Zusammenarbeit durch einzelne ihr Funktionieren beeinträchtigt.

Um gewaltsame Störungen zwischenmenschlicher Beziehungen auszuschalten, gibt es nur eines: zu noch gewaltsameren Massnahmen zu greifen. Einzelnen oder Gruppen gegenüber, die zur Gewalt greifen oder die ihren vertraglich eingegangenen Verpflichtungen nicht nachkommen, hilft nur die Gewaltanwendung. Ein Wirtschaftssystem aufgrund freiwilliger Vereinbarung kann nicht funktionieren ohne die Rückendeckung durch Straf- und Zwangsmassnahmen gegen jene, die sich nicht an die Regeln des gemeinsamen Abkommens halten wollen. Die Wirtschaft benötigt also die Hilfe des Staates.

Die Wirtschaft im weitesten Sinne des Wortes umfasst alles freiwillige und spontane Handeln der Menschen. Sie ist das Betätigungsfeld menschlicher Initiative und Freiheit, und sie ist der Boden, auf dem aller menschliche Fortschritt gedeiht.

Der Staat, als Schutzmacht der Wirtschaft gegen jede zerstörerische Gewaltanwendung, besitzt machtvolle Straf- und Zwangsmassnahmen: ein System von Befehlen und Verboten. Seine bewaffneten Diener sind bereit, diesen Gesetzen Nachachtung zu verschaffen. Was immer der Staat unternimmt, wird von den ihm Unterstellten ausgeführt. Staatsmacht zwang die Bürger, Pyramiden und andere Denkmäler, Spitäler, Forschungsstätten und Schulen zu errichten. Beim Anblick dieser Werke lobt das Volk ihre Schöpfer. Unbeachtet freilich bleiben die Werke, die durch die Macht des Staates zerstört wurden oder die nie erbaut werden konnten, weil die Regierung die Mittel wegsteuerte, die von einzelnen Bürgern bereitgestellt wurden.

Gegenwärtig kennt die Begeisterung des Volkes und seiner Herrscher für die Planwirtschaft – oder die «Gemeinwirtschaft», wie man es heute nennt – sozusagen keine Grenzen. Kaum jemand wagt Einwände zu erheben, wenn irgendeine Ausweitung der Staatsgewalt – schmackhaft gemacht durch die Bezeichnung «öffentlicher Sektor der Wirtschaft» – vorgeschlagen wird. Nur das offenkundige finanzielle Fiasko fast aller verstaatlichten oder von Gemeindebehörden verwalteten Betriebe verlangsamt den Prozess der Sozialisierung der Unternehmen oder bringt ihn auf manchen Gebieten beinahe zum Stillstand. In diesem Zusammenhang spielen die Erfahrungen mit der amerikanischen Postverwaltung in der heutigen Sozialphilosophie und Wirtschaftspolitik eine wichtige Rolle. Ihre wohlbekannte Leistungsschwäche und ihre enormen Betriebsdefizite widerlegen die volkstümlichen Auffassungen vom Erfolg staatlicher Betriebsführung.

Es ist unmöglich, ehrlicherweise die Sache der Gewalt gegenüber der freiwilligen Zusammenarbeit zu verteidigen. Daher haben die Befürworter der Gewalt ihre Zuflucht zu dem Trick genommen, die Gewaltmethoden und die Gewaltandrohung als «gewaltlos» zu bezeichnen. Das zeigt sich am deutlichsten bei den Gewerkschaften. Im wesentlichen besteht ihr Vorgehen darin, durch Gewaltmassnahmen verschiedener Art1 oder durch die Androhung solcher Massnahmen die Unternehmen davon abzuhalten, Leute zu beschäftigen, die der Gewerkschaft nicht angehören. Sie erreichten ihr Ziel ohne weiteres, indem sie dem militärischen Begriff der «Streikposten» eine «friedliche» Nebenbedeutung beilegten. Und doch bedeutet er, und zwar genau in der von ihnen angewandten Form, die Bereitschaft, zu töten und gewaltsam zu zerstören.

Der grundlegende Gegensatz zwischen gegenseitigem Übereinkommen einerseits und Gewalt und Zwang anderseits kann durch blosses…

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»