Wirtschaft ≠ Fabrik

Wer über die Wirtschaft spricht wie über eine Schraubenfabrik, verpasst die Herausforderungen der Zukunft. Überlegungen zur mythologisierten Produktivität.

Wirtschaft ≠ Fabrik
Olivia Kühni, photographiert von Michael Wiederstein.

Moses Abramovitz, so sollte er es viele Jahre später erzählen, war sehr im Stress, als er 1955 eine ganz erstaunliche Entdeckung machte. Der damals 43jährige Ökonomieprofessor in Stanford sollte für eine Konferenz mit Kollegen ein Arbeitspapier vorbereiten zum Wirtschaftswachstum in den USA – und er hatte noch genau 30 Minuten Zeit. «Mir stockt noch immer der Atem, wenn ich daran zurückdenke», schrieb er später in der humoristischen Offenheit, für die er bekannt war. Abramovitz rechnete sich blitzschnell durch die gesammelten Daten – und konnte nur Momente später nicht glauben, was er da sah. So viele Bücher zu Arbeit und Kapital, von Adam Smith über Karl Marx bis hin zu seinen modernen Kollegen – und dann das!

Wenn wir heute über Wirtschaft nachdenken, tun wir das allzu oft wie Fabrikbesitzer. Wir sitzen im virtuellen Kontor und rechnen. Auf der einen Seite der Input, auf der anderen der Output. Als Ziel die Produktivität: grösstmöglichen Profit für eingesetzte Arbeitskräfte und Maschinen. Wir betrachten die Produktlinien und schauen, was sie bringen.

Produktlinie «Industrie A»: 420 Franken pro Arbeitsstunde
Produktlinie «Industrie B»: 240 Franken pro Arbeitsstunde
Produktlinie «Industrie C»: 82 Franken pro Arbeitsstunde

Wir freuen uns über die Effizienz von Produktlinie «Industrie A». Wir schlagen vor, mehr Arbeitskräfte dort einzusetzen statt in «Industrie B». Und wir prüfen die Alternativen für «Industrie C»: Effizienz steigern, outsourcen, einstellen. Was nichts Anrüchiges hat und völlig richtiges Denken ist. Für einen Fabrikbesitzer.

 

«Ein Mass für unsere Ahnungslosigkeit»

Aber nicht für eine ganze Volkswirtschaft. Abramovitz entdeckte nämlich folgendes: Die zusätzliche Arbeit und das zusätzliche Kapital pro Kopf, das die Amerikaner in den vergangenen 80 Jahren in ihre Wirtschaft gesteckt hatten, waren nur für rund 10 Prozent des Pro-Kopf-Wachstums in diesem Zeitraum verantwortlich. 10 Prozent. Mit kaum einem Konzept beschäftigten er und seine Kollegen sich intensiver als mit der Produktivität von Arbeit und Kapital, und nun kam er, Abramovitz, auf diese mickrige Wirkung. «Ich spürte, dass das hier etwas Neues, Erstaunliches und Wichtiges war», erzählte er später.

Der Ökonom stellte sich also vor seine Kollegen und sagte einen Satz, den man nie wieder vergessen sollte: Die restlichen knapp 90 Prozent seien «a measure of our ignorance» – das Mass für die Ahnungslosigkeit seiner Zunft angesichts dieses komplexen Systems. Wir können bis heute nicht ganz genau ausrechnen, wie langfristiges Wohlfahrtswachstum entsteht. Aber wir wissen heute besser – dank gut dokumentiertem Wursteln, Scheitern und Bessermachen in der Geschichte der Menschheit –, wie wir seine Entstehung begünstigen können.

 

Eine lilafarbene Wolke

So wie im Fall von William Henry Perkin. Der war 18 Jahre alt, als er 1856 in London ein kleines bisschen die Welt verbesserte. Der junge Mann arbeitete seit wenigen Monaten als Assistent bei einem bekannten Chemiker. Als der Lehrmeister auf Auslandsreise zog, spielte Perkin den Zauberlehrling: Er nahm heimlich Töpfe und Substanzen mit nach Hause und tüftelte an der Lieblingsaufgabe seines Chefs, den Teerstoff Anilin zu oxidieren und so Chinin zu gewinnen, das die Mücken von den Landsleuten in British India fernhalten sollte. Heraus kam aber kein Chinin. Heraus kam ein stinkender schwarzer Klumpen.

Perkin war neugierig und hatte die Musse wohlhabender junger Männer, und so löste er den Klumpen in Alkohol. Die Stoffe reagierten in einer leuchtenden hellvioletten Farbe. Eine lilafarbene Wolke! Und, wie sich alsbald herausstellte, ein wunderbarer synthetischer Farbstoff – viel günstiger zu gewinnen als Naturfarbe. Perkin hatte Glück. Weil er einen Bruder hatte, der gut organisieren konnte, und einen Vater, der ihm etwas Geld lieh. Weil er mitten in die Zeit der englischen Industrialisierung geboren war. Er hatte ausserdem Glück, dass einige andere junge Männer einige Jahre zuvor ziemlich wütend durch die Strassen Nordenglands gezogen waren. 

«Chant no more your old rhymes about bold Robin Hood,

His feats I but little admire,

I will sing the Achievements of General Ludd

Now the Hero of Nottinghamshire.»

Die Textilarbeiter und ihr erfundener Held Ludd hatten sich eine Generation vor Perkin gegen das Elend in den Fabriken gewehrt. Sie hatten damit unter vielen anderen dafür gesorgt, dass die Kinder, die später Perkins Arbeiter werden sollten, zur Schule gingen. Und somit wie Perkin selber auch ein winziges Mosaikstückchen dazu beigetragen, dass viele Jahre später in Basel am Rhein zunächst Farb- und Chemie-, dann Pharmaunternehmen entstehen konnten, die heute Medikamente gegen Osteoporose, ADHD oder Alzheimer herstellen. Sowie, eine Art romantischer Gruss an die Perkin-Vergangenheit, ein bekanntes Gel gegen Mückenstiche.

 

Das Rezept

Was genau gehört aber nun – jenseits von Zufall, Erfindergeist und Glück – zu den von Abramovitz ausgerechneten 90 Prozent? Die Antwort ist gleichermassen simpel wie unübersichtlich: Komplexität. Wohlstand und Wachstum entstehen zwischen den Fakten. Es ist das Zusammenspiel von tausenden individuellen Ideen, ökologischen oder sozialen Zufällen und politischen Entscheiden, die Menschen voranbringen. Und nie findet dieser Fortschritt linear statt, sondern in Schüben: «Fortschritt, das ist der Taumel von einem Irrtum zum nächsten», schrieb einst Henrik Ibsen.

Was begünstigt in dieser Komplexität das produktive «Vorwärtswursteln»? Eine kleine, natürlich unvollständige Liste: 

 

1. Vielfalt

Das Wichtigste überhaupt ist, dass möglichst viele Menschen mitmachen dürfen. «Ideen müssen sich paaren», sagt «Economist»-Kolumnist und Autor Matt Ridley. Ein grösserer kreativer Genpool erweitert die Möglichkeiten. Das bedeutet: Religionsfreiheit, Wirtschaftsfreiheit und Meinungsfreiheit, keine privilegierte Aristokratie, keine Zwangsarbeit und keine Kasten. Aber auch: hervorragende, möglichst für alle zugängliche Schulen und Universitäten. Lehrer und andere Menschen, die die Freude am Nachdenken und Forschen fördern – und zwar unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Religion oder Hautfarbe.

All dies, so sagt es Ökonom Daron Acemoğlu, sind realpolitische Entscheide, keine Utopien. Acemoğlu hat erfolgreiche und gescheiterte Staaten in hunderten Jahren Geschichte und in allen Erdteilen angeschaut. Sein Fazit: es braucht Kampf. Immer. «Diese Institutionen entstehen nicht von alleine», schreibt er. «Sie sind das Ergebnis bedeutender Konflikte zwischen bestehenden Eliten, die sich gegen Wachstum und Wandel stellen, und denen, die die ökonomische und politische Macht dieser Eliten einschränken wollen.»

 

2. Infrastruktur

Weil Wirtschaft als Netzwerk funktioniert, braucht es das, was der Autor Jeremy Rifkin eine «gemeinsame Plattform» nennt. Also: Energienetze, Kommunikationsnetze, Transportwege, gemeinsame Standards. Das grösste Wachstumspotential liegt genau hier: zwischen den Fabriken. Das ist der Grund, warum die Welt sich gerade noch drastischer und schneller verändert als während der letzten industriellen Revolution. Man könnte sagen: letztes Mal haben wir die Fabriken effizienter gemacht und sie vernetzt. Jetzt machen wir die Netzwerke selbst besser: den Austausch von Information, den Transport, den Einsatz von Energie. Das «Internet of Things», vielfach zitiert, meint genau dies: weil Produktionsmaschinen, Güter und Menschen ständig angeschlossen sind, produzieren wir heute um ein Vielfaches ressourcensparender als je zuvor. Genau darum ist es so gefährlich, Wirtschaft wie eine einzelne Fabrik zu sehen: Das Innere der Werkhalle ist längst nicht mehr da, wo die Musik spielt.

 

Die Umsetzung

Es muss Schluss damit sein, das komplexeste aller sozialen Systeme, die Wirtschaft, als eine Art Fliessband zu verstehen. Wir sollten uns von ungeahnten Möglichkeiten überraschen lassen – wie einst Abramovitz –, statt politische Entscheide zu fällen, die die Zukunft verbauen, bevor sie überhaupt begonnen hat. Die Schweizerinnen und Schweizer haben mit der direkten Demokratie ein einzigartiges Mittel zur Mitbestimmung in dieser Hinsicht. Was also ist in der Schweiz, möglicherweise, zu tun?

 

1. Dafür sorgen, dass möglichst viele Menschen mitmachen

Das bedeutet offenere Grenzen jeglicher Art – im Dienstleistungssektor, auf dem Arbeitsmarkt, an den Universitäten. Es bedeutet den Abbau von Privilegien. Es bedeutet aber auch: Investitionen. Unter anderem, so die jüngsten Empfehlungen der OECD, müsse die Schweiz mehr für Bildung insbesondere im Vorschulalter ausgeben – weil sich oft bereits hier entscheidet, wer Freude an und Zugang zu Wissen findet – und kluge junge Menschen aus ärmeren und ungebildeten Familien besser finanziell unterstützen. Ausserdem schlägt sie vor, mehr Geld für Kinderkrippen auszugeben, Hürden für entsprechende private Initiativen abzubauen und mehr zu tun, um Müttern, oder überhaupt Eltern, die Teilnahme am öffentlichen Leben zu erleichtern.

 

2. Investitionen in Wandel

Ohne die Eisenbahnen, Strassen und Stromnetze, die Menschen wie Alfred Escher in der Schweiz oder Theodore Roosevelt in den USA gebaut haben, wären unsere Gesellschaften heute nicht dort, wo sie sind. Die nächste grosse Revolution wird ähnlich wagemutige Infrastrukturprojekte brauchen. Wenn kommt, was sich im Silicon Valley und in China abzeichnet – dezentrale Produktion und Konsum von erneuerbarer Energie, komplett ans Internet angeschlossene und miteinander kommunizierende Fabrikmaschinen, Güter und Konsumenten, der Kauf von Zugang statt permanentem Eigentum –, hat die Schweiz einiges an Umbauarbeit vor sich. Und somit, in den Worten Acemoğlus, «bedeutende Konflikte» mit bestehenden Eliten, einige wütende singende Ludditen, einiges an Schmerz und unvermeidlich: politische Entscheide.

 

Nichts davon sieht, wer die Wirtschaft betrachtet wie eine einzelne Schraubenfabrik. Ein Land ist keine Schraubenfabrik. Das Leben ist keine Schraubenfabrik. Nun ja, genau betrachtet: heutzutage ist eigentlich nicht einmal mehr eine Schraubenfabrik wirklich eine Schraubenfabrik.

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»