Wir spielen immer…

Der Zug nach Bukarest hält auf freiem Feld, weil jemand den Lokführer bestochen hat. Denn die meisten Reisenden wollen nicht bis in die Hauptstadt des seit kurzer Zeit kommunistischen Rumänien weiterfahren, sie wollen zum «Heiligen», einem Wundertäter, der sie von ihren Gebrechen erlösen soll. Später, so erfahren wir von der Erzählerin, hat man an der wilden Haltestelle eine Rampe errichtet und ein richtiger Bahnhof soll folgen, denn «der Heilige lohnte sich für das Dorf, und das Unglück der Leute war dauerhaft». Ein Zustand, an dem das kommunistische Regime erst recht nichts zu ändern versteht.

Wir befinden uns in der ersten Hälfte von Catalin Dorian Florescus neuem Roman, der nach seiner Heldin Zaira benannt ist. Der Autor, selbst als Halbwüchsiger mit seinen Eltern von Rumänien in die Schweiz emigriert, debütierte im Jahre 2001 mit dem autobiographischen Buch «Wunderzeit». «Zaira» ist Florescus vierter Roman und sein bislang ambitioniertestes erzählerisches Unterfangen. Und wir können sagen, es ist gelungen.

1928 wird Zaira in eine Gutsbesitzerfamilie hineingeboren. Sie bleibt das einzige Kind ihrer Mutter, die bald nach der Geburt aus der Provinz ins mondäne Bukarest flüchtet. So wird das Mädchen von der Grossmutter erzogen. Seine wichtigste Bezugsperson aber wird sein grosser Cousin Zizi, der kleine Theaterstücke für das einsame Kind inszeniert, in denen sich Realität und die Phantasiewelt der Commedia dell’Arte vermischen.

Auch Jahre später, Zaira ist längst eine berühmte Marionettenspielerin geworden, zehrt sie von diesen Erlebnissen. Aber der Reihe nach. Während die Zeit des Zweiten Weltkriegs noch glimpflich überstanden wird, ist das Schicksal des Gutes mit der Machübernahme durch die Kommunisten besiegelt. Auch Zaira wird nicht glücklich. Sie heiratet ihren Jugendfreund Paul, doch die Ehe scheitert. In dem Marionettenspieler Traian trifft sie die Liebe ihres Lebens. Mit ihm ist sie übrigens in jenem Zug unterwegs, der die Bedürftigen zu ihrem Wunderheiler bringt. Traian bekommt in Bukarest einen Kulturpreis überreicht und hält vor den versammelten Funktionären eine Rede, in der er die magische Kraft des Theaters beschwört: «Sie waren ein Kind, Sie wussten noch nichts von der Schwere der Welt. Von der Schwere, die Ihre Eltern vielleicht bedrückte. Die Welt war gut, und das Theater hob sie für ein oder zwei Stunden aus den Angeln. Das Tolle daran ist: Alles war wahr. Fiktion kannten Sie nicht. Kunst kannten Sie nicht. Es war, wie es war, es war das Leben selbst.» Worte, die auch Zaira als wahr empfindet. Dass Traian seine Kunst auch mit einer verhängnisvollen Liebe zum Alkohol bezahlt, weiss sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Später, Zaira hat eine Tochter von Traian, ist aber mit einem anderen Mann verheiratet, gelingt es ihr, Rumänien zu verlassen und in die USA auszuwandern. Auch hier kann sie sich behaupten, doch das Glück, das sie beim kindlichen Theaterspiel empfunden hat, stellt sich wieder nicht ein. Zumal sie am Ende des Romans, als Siebzigjährige, erfahren muss, dass ein nicht unbeträchtlicher Teil ihrer Wirklichkeit Täuschung gewesen ist.

Doch obwohl die Kraft der Fiktion sich an dieser Stelle von ihrer bösartigen Seite zeigt, liest sich Florescus Roman als ein gewaltiges Plädoyer für das Erzählen, für die Geschichten, von denen nicht selten unsere Existenz abhängt. Und er lehrt uns gleichzeitig, irdischen Glücksversprechungen zu misstrauen. In diesem auch sprachlich stimmigen Buch ist Florescus von der Kritik oft gelobte Fabulierkunst ganz bei sich.

vorgestellt von Joachim Feldmann, Recklinghausen

Catalin Dorian Florescu: «Zaira». München: C. H. Beck, 2008.

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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