Wir Sklaven der Vergangenheit
«Wir vertreiben die Kulaken aus den Kolchosen» (Propagandaplakat aus dem Jahr 1930)

Wir Sklaven der Vergangenheit

Es ist falsch, mit dem Massstab der Gegenwart auf die Vergangenheit zu blicken. Statt über die Geschichte zu richten, sollten wir unseren eigenen Nachfahren nicht allzu viele Gründe zu geben, uns dereinst zu verurteilen.

Vor 100 Jahren, als in Moskau die Kommunisten an die Macht kamen, verlor die Familie meiner Grossmutter alles. Die Maschinenfabrik in der Nähe von Kiew wurde verstaatlicht, das stattliche Wohnhaus konfisziert. Die Familie flüchtete mittellos in die Schweiz, von wo sie einige Generationen zuvor ausgewandert war.

Die Fabrik existiert bis heute, sie wurde nach dem Ende der Sowjetunion reprivatisiert. Hätte die russische Revolution nie stattgefunden, wäre sie vielleicht noch immer im Besitz der Familie, womöglich zusammen mit weiteren Unternehmen. Gut möglich, dass ich, statt mein Leben als einfacher Lohnarbeiter in der Schweiz zu fristen, als Teil der russischen Oligarchie um die Welt jetten, wilde Partys auf meiner Jacht feiern und englische Fussballclubs zusammenkaufen würde. Kein Zweifel: Der sowjetische Staat hat mir enormen Schaden zugefügt, und es ist sicherlich nicht zu viel verlangt, wenn mir die russische Föderation als Rechtsnachfolgerin eine angemessene Entschädigung für das mir widerfahrene Unrecht bezahlt.

Dies zumindest entspräche der Logik, mit der Aktivisten in den USA Reparationen vom Staat fordern, weil ihre Vorfahren von Afrika nach Amerika verschifft und versklavt worden waren. Die damalige Ungerechtigkeit, so die Argumentation, sei der Grund, dass heute Afroamerikaner in vielen Bereichen schlechter dastehen.

Allerdings könnte man das Argument auch umdrehen: Die Nachfahren von afrikanischen Sklaven in den USA sind im Durchschnitt deutlich wohlhabender als die Nachfahren von Afrikanern, die nicht versklavt wurden. Haben Letztere also ebenfalls Anspruch auf eine Entschädigung? Wenn ja, von wem?

Beunruhigende Selbstgerechtigkeit

Mit dem Massstab der Gegenwart auf die Vergangenheit zu blicken, entspricht dem Zeitgeist. In verschiedenen Ländern wurden jüngst Statuen vom Sockel gestossen oder beschädigt, weil die Personen, die sie darstellen, Rassisten und Imperialisten waren oder sich sonst in einer Weise verhalten hatten, die aus heutiger Sicht nicht opportun ist. Auch Kulturgüter wie der Film «Vom Winde verweht», der aus dem Programm des Streamingdienstes HBO entfernt wurde, werden nicht von Symbolpolitik verschont. In der Schweiz hat man es auf den «Mohrenkopf» abgesehen.

Zwar wird durch solche Gesten kein einziger Arbeitsplatz für Afroamerikaner geschaffen und nicht ein Rassist zu einem Engel der Toleranz umerzogen. Doch davon scheinen sich die Aktivisten nicht beirren zu lassen. Man wird den Verdacht nicht los, dass es vielen vor allem darum geht, zu zeigen, dass sie auf der richtigen Seite stehen. Und sich der Illusion hinzugeben, dass das nicht mehr Sichtbare nie stattgefunden hat.

Was beunruhigt, ist die Selbstgerechtigkeit, mit der man glaubt, endgültig festlegen zu können, was richtig und gerecht ist, und mit diesem Kompass anschliessend über die Vergangenheit urteilt. Jene Regierungen und Bewegungen, die sich zu Richtern über die Vergangenheit erklärten und aus dem Blick schafften, was nicht in ihr Weltbild passte, sind als Vorbilder eher schlecht geeignet.

Wir können es nicht ändern: Die Vergangenheit verfolgt uns überall, wir entrinnen ihr nicht. Wir verdanken unseren Vorfahren das Leben und zahlreiche Annehmlichkeiten, für die wir nichts leisten mussten: Schulbildung, Strassen oder demokratische und rechtsstaatliche Institutionen. Natürlich gibt es auch Relikte aus der Vergangenheit, die negative Folgen haben für unser Leben. Etwa ein fehlkonstruiertes Vorsorgesystem, in das die junge Generation deutlich mehr einzahlen dürfte, als sie dereinst beziehen wird. Ist das gerecht? Der Vergangenheit ist das egal. Sie ist einfach da. Wir können sie nicht ändern. Was wir hingegen können, ist, die richtigen Lehren aus ihr ziehen und das Beste aus den jetzigen Voraussetzungen machen.

Dies erfordert allerdings, dass wir uns mit den vergangenen Geschehnissen auseinandersetzen und sie zu verstehen versuchen. Frühere Wert- und Gerechtigkeitsvorstellungen unterscheiden sich diametral von den heutigen. Als Bürger des britischen Empires hatte Winston Churchill eine ganz andere Sicht auf den Kolonialismus als wir heute. Ist irgendetwas gewonnen, wenn wir ihn als «Rassisten» verurteilen? Martin Luther war ein übler Antisemit in einem von Antisemitismus verseuchten Europa. Daran vermögen wir nichts zu ändern, und wenn wir alle reformierten Kirchen niederbrennen.

Anna Göldi: hingerichtet, aber rehabilitiert

Vor einigen Jahren gab es eine Kampagne, um Anna Göldi, die «letzte Hexe» Europas, die 1782 in Glarus hingerichtet worden war, offiziell zu rehabilitieren. Der Kanton kam der Forderung 2008 nach und hob das damalige Urteil auf. Der toten Anna Göldi nützt das zwar nichts mehr, aber das spielte keine Rolle. Es gehe darum, ein «Zeichen zu setzen», betonten die Befürworter der Rehabilitation. Bloss, was für ein Zeichen? Dass frühere Gerichtsurteile jeder modernen Gerechtigkeitsauffassung oft diametral widersprachen, ist auch ohne offizielle Entschuldigung offensichtlich. Sie aufzuheben, macht weder die damaligen Ereignisse ungeschehen noch trägt es zu ihrem Verständnis bei.

Aus der Vergangenheit zu lernen, hat der Menschheit Fortschritt gebracht (oder zumindest einige Dummheiten verhindert). Wer jedoch mit Massnahmen in der Gegenwart die Fehler früherer Jahrhunderte zu korrigieren glaubt, unterliegt einem Irrglauben. Anstatt Richter über die Geschichte zu spielen, sollten wir uns besser darauf konzentrieren, unseren eigenen Nachfahren nicht allzu viele Gründe zu geben, uns dereinst zu verurteilen.

«MONAT für MONAT
eine sinnvolle Investition.»
Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
über den «Schweizer Monat»