Wir sind alle Berlusconi

Berlusconis Abtritt von der Politbühne ist kein Grund zum Jubeln. Gedanken zu einem italienischen Epos.

Wir sind alle Berlusconi

Sic transit gloria mundi. So vergeht der Ruhm der Welt. Mit diesem Zitat hatte Silvio Berlusconi kürzlich die Nachricht vom Tod seines Freundes Gaddafi kommentiert. Vielleicht hat er sich im Augenblick seines Abtritts – verlassen von allen, nachdem er das Land mit der wohl schlechtesten Regierung der italienischen Geschichte an den Rand des Bankrotts geführt hatte – an diesen Satz zurückerinnert. Wie jedes Epos gelangt auch das berlusconische zu seinem Ende. Es ist wohl so: Nur wenige Männer verlassen die Bühne der Geschichte, weil sie erkennen, dass ihre Zeit abgelaufen ist. Berlusconi gehört sicher nicht zu ihnen. Der Leader hat die italienische Politik der letzten 20 Jahre im Guten wie im Schlechten charakterisiert; nun beschränkt er sich darauf, eine jener Zeichentrickfiguren zu spielen, die in der Luft weiterwandeln, weil sie nicht bemerkt haben, dass der Boden unter ihren Füssen verschwunden ist. Er ist gefallen – aber das ist kein Anlass, den Champagner zu entkorken. Wenn wir glauben, dass sich mit seinem Ende für Italien eine Epoche des Fortschritts und des Wohlstands auftut, so hiesse das, ein weiteres Mal die Gelegenheit zu verpassen, aus Fehlern zu lernen.

Wenn wir die nächsten Jahre nicht mit dem Abbauen von Schutt verbringen wollen, muss die erste Aufgabe von uns «Überlebenden» in einer ehrlichen Auseinandersetzung mit dem berlusconischen Erbe bestehen. Wie die italienische Geschichte lehrt, dürften wir nun aber zuerst einer radikalen damnatio memoriae beiwohnen, an deren Ende kein einziger Italiener mehr zugeben wird, Berlusconi gefolgt zu sein. Wir riskieren damit, ein weiteres Mal nichts zu ändern, und zu akzeptieren, dass, wer immer Berlusconi ablöst, nichts anderes macht, als sich in ein Führungsschema einzufügen, an das sich die Italiener schon auf fatale Weise gewöhnt zu haben scheinen. Die Lektion, die sich ins kollektive Gedächtnis Italiens eingeschrieben hat, ist schmerzhaft, aber auch vieldeutig genug, um politisch instrumentalisiert zu werden: Die einfachste Lösung liegt darin, die Geschichte von Berlusconi in jene eines aussergewöhnlichen, teuflisch listigen Mannes zu verwandeln, in eine nicht wiederholbare Anomalie, die als Frucht des Machtvakuums nach dem Ende der sogenannten Ersten Republik gediehen ist. Eine solche Lesart hätte jedoch desaströse Auswirkungen, weil sie uns für die wahren Gründe seines Aufstiegs blind machen und die Basis für das Auftreten einer noch aussergewöhnlicheren und abnormeren Erscheinung legen würde.

Der Fehler, den die italienischen und europäischen Linksintellektuellen in den letzten Jahren wiederholt begingen, wird in philosophischen Lehrbüchern gewöhnlich unter dem Namen «ethischer Intellektualismus» gefasst. Diese Ansicht geht davon aus, dass die Italiener, wenn sie nur die wahre Geschichte von Berlusconi gekannt hätten, wenn sie nur informiert gewesen wären über seine Vergehen, über die Akteninhalte seiner mehr als zwanzig Prozesse, über seine zwielichtigen Beziehungen zu verurteilten Mafiosi, über seine bizarren sexuellen Gewohnheiten – dass die Italiener ihm dann das Vertrauen entzogen und ihm entsetzt den Rücken gekehrt hätten. Leider – so diese Ansicht weiter – ist in Italien aber die Information ganz in seinen Händen, und folglich wurde die Bevölkerung eingelullt in einer Art Medien-Trance. Doch: Nichts irriger als das. Die Italiener wissen alles. Nichtsdestotrotz haben sie Berlusconi während Jahren fortwährend demokratisch zu ihrem Regierungsoberhaupt gewählt. Sie wissen, dass seine Vergangenheit als Unternehmer so brillant wie schmutzig ist; sie wissen, dass er seinen Erfolg genau jener politischen Kaste der Ersten Republik schuldet, gegenüber der er sich als Neuheit angepriesen hat; sie wissen, dass er nur dank der Bravour seiner Anwälte und Tausender von Schlupflöchern im italienischen Recht in keine Verurteilung verstrickt ist; sie wissen, dass er Mittel aller Art benutzt hat, um an der Macht zu bleiben; sie wissen, dass sein moderater Katholizismus ebenso wie seine Familienliebe nur eine Fassade ist, hinter der sich die Eskapaden eines alten Lebemannes verbergen.

Pseudo-Kapitalismus

Statt die bereits ganze Bibliotheken füllende Geschichte von Berlusconi ein weiteres Mal en détail darzulegen, ist es sinnvoll, Genealogie im Sinne Nietzsches zu betreiben: Es geht darum zu verstehen, welche historischen und sozialen Bedingungen den Erfolg einer solchen Figur möglich gemacht, wenn nicht gar hervorgebracht haben. Auf diese Weise können wir im Gegenlicht ein Bild nicht nur vom Italien der letzten 30 Jahre, sondern auch von den entscheidenden ökonomischen und psychologischen Dynamiken dieser Epoche entwickeln.

In der Tat ist Berlusconi das perfekteste Produkt jener Form von Pseudo-Kapitalismus, die wir heute in unseren westlichen Gesellschaften erleben. Er ist nicht ein Grossindustrieller, dessen Vermögen aus Familienaktivitäten stammt, sondern ein «postmoderner» Unternehmer, der zu schnellem Erfolg gekommen ist, weil er das Potenzial von Kommunikationsmitteln und Öffentlichkeit erkannt und ausgeschöpft hat. Obwohl er in den 70er-Jahren im Bauwesen angefangen hatte, ist das, was ihn zur Sua Emittenza (die erste in einer langen Serie von ihn betreffenden Anreden) gemacht hat, von brüchigerer Konsistenz. Sein Imperium hat sich rasch auf Fernsehen und Kino, auf Werbeagenturen, Verlage, Sport und Finanzdienstleistungen ausgedehnt. Als Berlusconi am 26. Januar 1994 seine berühmte «discesa in campo», seinen «Einstieg in den politischen Ring» ankündigte (natürlich im Fernsehen), löste er aufseiten der linken Kräfte Skepsis, Verwunderung, Ironie aus: Es schien der Schachzug eines Mannes zu sein, der verzweifelt versuchte, dem aufziehenden Schmiergeld-Sturm zu entkommen, der als sogenannter «Tangentopoli-Zyklon» die privilegierten politischen Akteure hinweggefegt hat. In Tat und Wahrheit hat das Ende der traditionellen Parteien in der italienischen Politik, die nicht mehr fähig waren, eine ihnen unverständliche Gesellschaft zu repräsentieren, zum vollwertigen Auftritt einer neuen Generation von Italienern auf der Bühne der italienischen Geschichte geführt. Dieser Wandel war bereits seit 20 Jahren im Gange, doch hat ihn der für die Parteien der Nachkriegszeit typische Konservatismus sträflich unterschätzt, indem er am Glauben festhielt, die Verwaltung der öffentlichen Sache sei für alle Ewigkeit eine Angelegenheit zwischen Democrazia Cristiana (DC) und Partito Comunista (PC).

In «Forza Italia», der Bewegung – nicht Partei! –, die Berlusconi zur Unterstützung seiner Kandidatur gegründet hatte, gab es keine Referenzdenker, weder von der Linken noch von der Rechten; es gab kein Leitwerk zu lesen, keine ökonomische Theorie anzuwenden, keine Utopie zu realisieren. Es war noch nicht einmal klar, welches die Basiswählerschaft der Bewegung hätte sein können (abgesehen natürlich von Berlusconi selbst). Vielmehr präsentierte sich Berlusconi in der Öffentlichkeit mehrmals als völlig postmoderner Leader, der, flapsig und pragmatisch, die Bühne der Geschichte betritt, nachdem die grossen ideologischen Diskurse des 20. Jahrhunderts definitiv überwunden sind. In der politischen Vision, die er den Italienern während fast einem ventennio eingetrichtert hat, sind seine «Erzfeinde» die Kommunisten – diese alten Überbleibsel eines Politkrieges vergangener Zeiten, die noch nicht eingesehen haben, dass sie definitiv von der Geschichte überholt wurden. Seine Regierung hingegen war eine «Regierung des Machens» und als solche gefeit vor all dem «ideologischen Palaver», das von der unbeweglichen Welt des Kalten Krieges geerbt wurde. Aus seiner Sicht unterschied er sich deshalb von anderen politischen Leitfiguren, weil er die Leute liebte, weil er sie verstand; weil er wie sie etwas hat anpacken müssen, um sich selbst zu verwirklichen. Das alles permanent behindert von den sogenannten «starken Gewalten» des Staates, die einzig an ihrer Selbsterhaltung interessiert seien, derweil die Linke ihn, Berlusconi, hasse, weil er der Verwirklichung ihrer totalitären Wahnträume im Wege stehe.

Metaphysischer Hintergrund

Zur wirksamen Verbreitung dieses Selbstbildes reichte das Fernsehen allerdings nicht aus. Als nötig erwies sich auch ein stiller, von allen akzeptierter metaphysischer Hintergrund. In der Tat haben alle politischen Leader das Bedürfnis gehabt, ihr eigenes Handeln in einem Prinzip oder einer Ursache wurzeln zu lassen, das ihnen Legitimation verschafft und sie in den Augen ihrer Bürger, Wähler oder Untertanen glaubwürdig erscheinen lässt. Wir sprechen hier nicht von demokratischem Konsens, dessen Bezug zur Ursache ein bloss empirischer ist, sondern von jenen unbestrittenen und unbestreitbaren Elementen, die einem Leader jenes Ansehen garantieren, das ihm im Namen einer Macht zu sprechen erlaubt – einer Macht, die er repräsentiert, die sich aber nicht mit seiner Person deckt. Dieses Ideal wurde abwechselnd mit dem Erbfolgerecht oder mit göttlichem Willen identifiziert, mit der Revolution, dem Volk, der Nation, den christlichen oder islamischen Werten – oder mit jeder anderen Instanz, die im jeweiligen Leader ihren bestmöglichen Ausdruck findet. Die erste, einleuchtende Konsequenz aus diesem privilegierten Leader-Ursache-Bezug ist, dass sich dem Ideal selber (und folglich all jenen, die es anerkennen) widersetzt, wer sich dem Repräsentanten des Ideals entgegenstellt. Diesem Ideal einen Namen zu geben, ist im Fall von Berlusconi nicht schwierig: es ist der Pseudo-Markt (analog zum Pseudo-Kapitalismus), dessen «Wahrheit» über Umfragen ermittelt wird. Der Markt ist, anders gesagt, stets auf Berlusconis Seite. Er hat äusserst luzide eine Art «Theologie des Marktes» skizziert, die sich dann dank ihm ungehindert als Wahrheitskriterium des ganzen politischen Diskurses festgesetzt hat. Genau deswegen ist – Ironie des Schicksals – seine Herrschaft zusammengebrochen, als der Markt seinen Propheten verstossen hat, als allen klar wurde, dass diese dunkle Gottheit Berlusconi und dem Land, das er regiert hat, ihre Gunst entzogen hat.

Wie jede Religion, die sich ernst nimmt, bedurfte indes auch der Berlusconismo einer Gemeinde. Die unglaubliche Popularität und der Konsens, derer er sich erfreut hat (und derer er sich unter anderen ökonomischen Vorzeichen noch immer erfreuen würde), lassen sich nur vor dem Hintergrund dessen erklären, was Pasolini Ende der 60er Jahre als «anthropologische Mutation» definiert hat: ein Ausdruck, der die Veränderungen beschreibt, welche die jungen Italiener im Zuge ihres Kontakts mit der damals jungen Konsumgesellschaft erfahren haben. In jenen Jahren, in denen der aktuelle Ex-Premier seine unternehmerische Karriere begann, hat Pasolini ans Licht gebracht, dass sich die radikale Verwandlung der Italiener nicht über Institutionen, offizielle Diskurse, kulturelle Werte oder die Identitätswurzeln des Volkes durchgesetzt hatte. Sie setzte und setzt sich über die «Lektionen der Dinge» durch. Damit sind nicht die Objekte gemeint, mit denen wir uns umgeben und die sich in den letzten 50 Jahren multipliziert und transformiert haben, sondern die Zeichen, die sie tragen. Jedes Ding spricht, sendet Signale aus – und diese Zeichen sagen, wo man geboren ist, auf welche Art man lebt, und, vor allem, wie man seine Geburt und sein Leben auffassen soll.

Gewiss, die Sprache der Dinge, von der Pasolini spricht, war vor und unabhängig von Berlusconi verändert worden: Seine Meisterschaft gründet aber auf der Fähigkeit, eine Sprache nach seinem Abbild zu verbiegen. Er hat verstanden, durch die Veränderung des Fernsehens die ganze italienische Realität und dadurch die Italiener selbst zu verändern. Gegenüber der pädagogischen Sprache des Fernsehens ist jeder andere Diskurstyp machtlos, scheint jede andere Position nur von einer subjektiven Laune diktiert. Anders als die Politiker der Linken weiss Berlusconi tatsächlich gut, wie die Italiener gemacht sind: er ist es, der sie mit über 30 Jahren täglicher Schule gebildet hat. Aus diesem Grund ist die (juristische, politische oder private) Wahrheit in bezug auf ihn völlig machtlos: Sie scheint vom wütenden Ressentiment derjenigen diktiert, die durch seinen Aufstieg zur Macht entthront worden sind.

Berlusconi: Symptom, nicht Krankheit

Es wäre jedoch ein grundlegender Fehler, Berlusconi als Hauptproblem eines Italiens zu betrachten, das sich einer tiefen Auflösung der sozialen Formen, einer rasanten ökonomischen Verarmung und einem internationalen Glaubwürdigkeitsverlust gegenübersieht. Er ist das Symptom, nicht die Krankheit. Machen wir uns nicht die falsche Hoffnung, dass sich mit dem Untergang von Berlusconis Stern auf magische Weise auch alle Mechanismen auflösen, die ihn hervorgebracht haben. Er ist lediglich Katalysator und Beschleuniger von Tendenzen und Prozessen, die in der italienischen Gesellschaft ohnehin schon im Gange waren; Prozesse, denen er einen Namen und eine politische Richtung zu geben verstand. Die Optimisten feiern in der Hoffnung, dass dies der Beginn einer tiefen Erneuerung des Landes sei. Ich aber fürchte, dass wir uns an Berlusconis Lektion noch eine Weile erinnern werden.

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Werner Kieser, Unternehmer,
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