«Wir melden uns bei Bedarf bei Ihnen»

Tausende Freiwillige bieten ihre Hilfe an. Die Hilfesuchenden muss man aber erst mal finden.

 

Nicht die Diebe haben die Migros heimgesucht, sondern die Hamsterkäufer. In der Krise beweist sich der Charakter, das wusste schon der ehemalige deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt. Doch bald äusserte sich auch eine andere Seite des Charakters in der Krise, eine helfende, eine unterstützende Seite: Viele melden sich, um Einkäufe für die Risikogruppe zu tätigen oder einsamen Seniorinnen und Senioren in einem Telefonat Unterhaltung zu bieten. «Schon jetzt gibt es Enkel, die ihren Grosseltern einen Podcast aufnehmen, damit sie nicht einsam sind», sagte etwa Bundeskanzlerin Merkel in einer Fernsehansprache.

Ich möchte mithelfen und stosse auf ein gewaltiges Angebot ­dezentraler Hilfsstrukturen: Auf der Homepage hilf-jetzt.ch, die die Vernetzung der Freiwilligen schweizweit koordiniert, zählt man mittlerweile über 635 aktive Hilfsgruppen. Via Einladungslink trete ich dem WhatsApp-Gruppenchat «Corona Help – Zürisee» bei. Doch in knapp zwei Wochen passiert sehr wenig. Keine Anfrage, keine Vermittlungen: Ist in der Risikogruppe überhaupt bekannt, dass man hier auf ein Netz von 75 willigen Helfern ­zurückgreifen könnte?

Zwei Mal starten die Administratoren der Gruppe einen Aufruf, man könne ja auch selbständig dem See-Spital Horgen seine Hilfe anbieten. Gesagt, getan: Ich offeriere als Quereinsteiger ohne Erfahrung im Pflegebereich meine Unterstützung. Wie bei einer Bewerbung soll ich meinen Lebenslauf und meine Zeugnisse einreichen. Nach wenigen Stunden erhalte ich eine Antwort: Man sei «überwältigt von der grossen Anzahl Bewerbungen» und werde sich «bei Bedarf» in Zukunft bei mir melden. Auch die ­Gemeindeverwaltungen zeigen sich nun aktiv: Was gebraucht wird, wird sofort von ihnen vermittelt. In Wädenswil kann in wenigen Stunden eine Unterkunft für einen jungen Mann gefunden werden, der zuvor ein Zimmer in der Wohnung einer älteren Frau untermietete. In Wollerau findet man ­bereits vor meiner Direktanfrage ausreichende Unterstützung fürs ortsansässige Alterszentrum. «Danke für die Bereitschaft und Ihr Angebot, Herr Belser, wir melden uns bei Bedarf bei Ihnen.»

Ich suche weiter: Der Detailhändler Migros hat gemeinsam mit der Organisation Pro Senectute die «Amigos»-App lanciert. Die Risikogruppe kann hier Einkäufe in Auftrag stellen, die ihnen von freiwilligen Helfern direkt nach Hause geliefert werden. Ich melde mich an und definiere ein grosszügiges Liefergebiet. Offene Aufträge gibt es vorerst in der gesamten Region keinen einzigen, wie ein hungriger Löwe warte ich auf meine Beute. Nach einem Tag klingelt plötzlich mein Handy: eine offene Lieferung für einen Pensionär aus Wilen bei Wollerau. Ich stürze mich auf die App, möchte mir erst einmal die Einkaufsliste angucken, doch bereits nach wenigen Sekunden verschwindet der Auftrag schon wieder vom Screen. Ein anderer Helfer war flinker.

Beim zweiten Versuch zögere ich nicht mehr und schnappe zu. Drei Erdbeerjoghurts, fünf Clementinen, … Ich erledige den Einkauf, bezahle mit meiner Kreditkarte und deponiere die Esswaren in einer Papiertüte vor dem Haus des Bestellers. Der ältere Herr öffnet die Tür und bedankt sich herzlich à la Social Distanc­ing, winkend strahlt er mir aus der Distanz entgegen. Der Pensionär zeigt sich sehr dankbar, er sei selber zwar gesund, wolle sich aber an die Anweisung des Bundesrats halten und bleibt aus Überzeugung zu Hause. Wie bei Uber bewerten wir uns gegenseitig: 5 Sterne! Die Zahlungsabwicklung organisiert die App: Ich erhalte den Einkaufsbetrag plus ein Trinkgeld von 5 Franken einige Tage später auf mein Bankkonto überwiesen. So effizient und unkompliziert kann Helfen also sein!

Was ich in den vergangenen Wochen gelernt habe? Es gibt Aufgaben, die kein Staat dieser Welt organisieren und gewährleisten kann: Wenn sich zum Beispiel Herr Meier nach mehreren ­Wochen in Selbstisolation einsam fühlt, kann ihn der Staat nicht trösten. Und doch habe ich sie entdeckt, die Menschlichkeit: Zahlreiche freiwillige Helfer im ganzen Land wollen unbedingt mit­anpacken. Sind bereit, auch wenn sich der Bedarf nach ihnen ­(vorerst) in Grenzen hält. Und vielleicht…

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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