Wir leben in einem Entwicklungsland

Wenn man die Meldungen zur wirtschaftlichen Entwicklung in der Schweiz über die letzten Jahre anschaut, dann ist man manchmal nicht sicher, ob man sich in einem der reichsten Industrieländer oder vielleicht doch eher in einem Entwicklungsland befindet. Auf der einen Seite ist da von einem der weltweit höchsten Bruttonationaleinkommen pro Kopf, einem international führenden Finanzplatz, […]

Wenn man die Meldungen zur wirtschaftlichen Entwicklung in der Schweiz über die letzten Jahre anschaut, dann ist man manchmal nicht sicher, ob man sich in einem der reichsten Industrieländer oder vielleicht doch eher in einem Entwicklungsland befindet. Auf der einen Seite ist da von einem der weltweit höchsten Bruttonationaleinkommen pro Kopf, einem international führenden Finanzplatz, von international erfolgreichen Konzernen und von enormen Auslandsinvestitionen die Rede. Aber dann gibt es andere Meldungen, die einen zweifeln lassen, ob wirklich alles mit rechten Dingen zugeht. So sind wir offenbar zu arm, um Geld in die Entwicklung unserer Bergregionen zu investieren. Händeringend versucht man ausländische Investoren davon zu überzeugen, bei uns doch etwas Entwicklungshilfe zu leisten. Und was war man froh, als der Grossinvestor Samih Sawiris aus dem reichen Ägypten sich bereit erklärte, etwas Geld in die arme Schweiz zu stecken, und ein Grossprojekt mit Hotels und Luxuswohnungen für Andermatt präsentierte! Ja man war so dankbar, dass man als Zückerchen für Sawiris sogar gewisse Gesetze (Lex Koller) ausser Kraft setzte, um damit der wirtschaftlichen Entwicklung des Urserentals eine Chance zu geben.

Aber nicht nur für die Entwicklung der Bergregionen, sondern auch beim Aufbau neuer Industrieanlagen fehlt es offensichtlich an finanziellen Mitteln. Eine ungeheure Euphorie herrschte deshalb im freiburgischen Galmiz, als der US-Pharmakonzern Amgen vor einigen Jahren bekanntgab, dort ein neues Werk zu errichten, das über tausend neue Arbeitsplätze geschaffen hätte. Endlich war wieder eine so dringend benötigte Investition in Sicht, und natürlich war die Regierung auch in diesem Fall bereit, gesetzliche Hindernisse (Zonenplan) grosszügig zu umgehen. Dumm nur, dass Umwelt- und Landschaftsschutzverbände gegen das Vorhaben protestierten, so dass es Amgen schliesslich vorzog, das Werk in Irland statt in der Schweiz zu errichten. Die Enttäuschung und die Wut über diese verpasste Jahrhundertchance waren gross. Denn wann wird je wieder einmal ein Investor tausend Arbeitsplätze schaffen in einem Land, in dem die Arbeitslosenquote eine der weltweit geringsten ist?

Und schliesslich sind offenbar nicht wenige Schweizer Gemeinden darauf angewiesen, reiche Ausländer als Bewohner und damit als Steuerzahler zu gewinnen, um sich wirtschaftlich entwickeln zu können. So verfiel die Gemeinde Wolfhalden im Kanton Appenzell Ausserrhoden zu Beginn des neuen Jahrtausends in eine Art Trance, als bekannt wurde, dass der ehemalige Formel-1-Weltmeister Michael Schumacher beabsichtigte, sich dort eine Luxusvilla zu bauen. Endlich sah man eine Chance, aus dem Jammertal der Armut aufzusteigen. Doch dann wurde Wolfhalden seine blühende Zukunft von «engstirnigen» Umweltschützern und Grünen mit Einsprachen zunichte gemacht, welche die sture Haltung vertraten, auch ein Michael Schumacher müsse sich an die Gesetze halten. Etwas mehr Glück scheint jetzt das thurgauische Kemmental mit dem ebenfalls aus Deutschland stammenden Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel zu haben. Dieser hat sich inzwischen tatsächlich im Thurgau niedergelassen, weil ihm ein grosszügiges Umzonungsmanöver den Bau eines eigenen Swimmingpools erlaubte.

Nicht nur in Andermatt, Galmiz und Wolfhalden, sondern auch in vielen andern Gemeinden möchte man gerne mit der grossen Kelle anrühren und sich mit Luxusressorts, Grossunternehmen und Luxusvillen schmücken. Nur die Risiken für solche Investitionen sollen bitte schön Ausländer übernehmen, denn für Schweizer sind sie zu hoch. Sie investieren lieber im Ausland, wo das schnelle Geld lockt. So waren gewaltige Summen für hochriskante Investi-tionen in verbriefte Hypothekarkredite aus den USA vorhanden, die jetzt zu einem grossen Teil bereits vernichtet sind. Die Diagnose für ein solches Verhalten lautet: Schizophrenie.

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»