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«Willenskraft kann man trainieren, wie man Muskeln trainieren kann»
Evelyne Binsack auf dem Gipfel des Allalinhorns, zvg.

«Willenskraft kann man trainieren, wie man Muskeln trainieren kann»

Wer resilient sein will, muss sich selber finden, sagt die Extremsportlerin Evelyne Binsack. Das gilt am Mount Everest ebenso wie in der Wirtschaft.

Evelyne Binsack, Sie haben als erste Schweizerin den Mount Everest bestiegen, waren am Süd- und am Nordpol. Was braucht es, um derart Aussergewöhnliches zu leisten?

Zum einen braucht es eine grundlegende Basis von physischen Voraussetzungen, also die Ausdauer und die Muskulatur. Zum anderen braucht es mentale Vorbereitung. Wie reagiere ich, wenn etwas schiefläuft? Auf welche Ressourcen kann ich zurückgreifen, wenn etwas schiefläuft? Wer bin ich, wenn etwas schiefläuft? Halte ich den Druck aus? Halte ich die Einöde aus, die Kälte, die Distanzen? Auf meiner Südpolexpedition habe ich 15 Kilogramm Körperfett verloren, das verändert einen. Die Finanzierung spielt ebenfalls eine Rolle: Für meine Antarktisexpedition beispielsweise setzte ich 80 Prozent meines Vermögens ein. Das sorgt für zusätzlichen Stress und Ängste.

 

Was war das Härteste auf diesen drei Expeditionen? Die Anstrengung? Die Kälte? Die Einsamkeit?

Alles zusammen. An einem Tag ist es die Kälte. An einem anderen Tag fühlt man sich vielleicht körperlich nicht so fit. Beim Mount Everest war es das Schwierigste, den Second Step, eine anspruchsvolle Kletterpassage, zu bewältigen. Das war technisch das Schwierigste, aber die Technik ist nur ein Aspekt unter vielen.

 

Sie haben auch privat schwierige Situationen erlebt, wie Sie im Buch «Grenzgängerin» schreiben. Insbesondere, als Sie sich von einem Unfall zurückkämpfen mussten und gleichzeitig Ihre Beziehung in die Brüche ging. Wann war Ihre Resilienz mehr gefragt: auf Expeditionen oder in solchen persönlichen Krisen?

Um den Südpol zu erreichen, braucht es Willenskraft. Meine Willenskraft konnte ich in dieser persönlichen Krise jedoch nicht anwenden, es brauchte dafür eine andere Kraft: Geduld. Einerseits hat es mich fasziniert, dass ich Zeit in Anspruch nehmen musste, andererseits war ich total resigniert, dass mir meine Willensstärke hier nichts nützte. Ich bin ein Mensch, der auf das Wort anderer vertraut. Als ich merkte, dass mein damaliger Lebenspartner nicht ehrlich zu mir war, fiel mein ganzes Menschenbild zusammen. Ich musste andere Strategien entwickeln, um aus dieser Krise herauszukommen.

 

Welche Lehren haben Sie daraus gezogen?

Dass man grundsätzlich sich selber vertrauen darf und mit sich selber im Reinen sein darf. Es ist schön, wenn ein anderer Mensch einen unterstützt, wenn ein anderer Mensch einen für eine gewisse Zeit begleitet. Aber wirklich vertrauen kann ich eigentlich nur mir selber.

 

Was sagen Sie jemandem, der in seinem Alltag resilienter werden möchte?

Man muss bei sich selber anfangen, sich selbst wahrnehmen, akzeptieren und vertrauen. Resilient zu werden ist eigentlich ein Weg der Selbstfindung. Das mag esoterisch tönen. Aber viele Menschen stehen sich selbst im Weg, weil sie sich mit anderen Personen vergleichen und wie diese werden wollen, anstatt die eigenen Gaben und Fähigkeiten herauszuschälen und richtig einzusetzen.

 

Haben Sie Tipps, die jeder in seinem Alltag einbauen kann? Jeden Morgen Liegestütze machen oder kalt duschen vielleicht?

Das ist natürlich sehr individuell. Wenn ich einen Vortrag habe, gehe ich am Morgen meistens eine Stunde rennen. Dann bin ich zufrieden und bereit für den Rest des Tages. Aber ich habe keine Routine. Jeder Tag ist anders. Wenn ich als Bergführerin unterwegs bin, muss ich vorher nicht noch joggen gehen.

Evelyne Binsack, zvg.

Aber Sie machen jeden Tag Sport?

Ja, Bewegung tut mir gut.

«Wirklich vertrauen kann ich eigentlich nur mir selber.»

Vorsätze zu fassen ist einfach, darum sind Fitnesscenter immer voll zu Beginn des Jahres. Dranbleiben ist schwieriger. Wie gelingt das?

Damit ein Vorsatz funktioniert, muss man sich mit ihm identifizieren können. Die meisten Menschen sind Kopien von irgendetwas und probieren, etwas umzusetzen, was ihnen jemand anderes vorgelebt hat. Sie machen sich kaum Gedanken, wer sie sind und wo sie hinwollen. Ein «Couch Potato», der sich vornimmt, dreimal pro Woche ins Fitnesstraining zu gehen, wird das nur schaffen, wenn er eine Philosophie dazu entwickelt. Er muss ein übergeordnetes Ziel haben. Dreimal in der Woche ins Fitnesscenter zu gehen ist kein Ziel.

 

Was wäre denn ein Ziel?

Das ist individuell. Vielleicht möchte jemand einen Marathon laufen oder eine Bergtour machen. Das Fitnesstraining kann ein Mittel auf dem Weg zu diesem Ziel sein. Wichtig ist zudem, sich zu fokussieren.

 

Das heisst?

Jemand, der mit regelmässigem Training beginnen und gleichzeitig mit Rauchen aufhören möchte, wird ziemlich sicher scheitern. Man weiss aus der Willensforschung, dass wir nur einen Vorsatz aufs Mal umsetzen können.

 

Also lieber kleine Schritte machen und diese dafür konsequent umsetzen.

Wenn ich etwas verändern möchte in meinem Leben, muss ich mit kleinen Schritten beginnen und diese wiederholen, bis sie zur Gewohnheit werden. Willenskraft kann man nicht bis zum Gehtnichtmehr abrufen. Sie ist, wie Resilienz, eine mentale energetische Ressource, also eine Energie, die vom Kopf abgerufen wird.

 

Fehlt es unserer wohlstandsgesättigten Gesellschaft an Resilienz? Sind wir zu wehleidig?

Ich bin nicht in Wohlstand aufgewachsen. Mein Vater war ein einfacher Arbeiter. Alles, was ich erreichte, habe ich aus eigener Kraft auf die Beine gestellt – natürlich mit Hilfe von anderen. Heute sind die Voraussetzungen vielleicht andere.

«Jemand, der mit regelmässigem Training beginnen und gleichzeitig mit Rauchen aufhören möchte, wird ziemlich sicher scheitern.»

Die Jungen der Generation Z haben den Beinamen «Schneeflocken» erhalten. Viele von ihnen wirken wenig widerstandsfähig und können schlecht mit Kritik umgehen.

Das ist schon so. Ich habe eine Ausbildung gemacht zum Mentaltrainer. Da gab es eine junge Teilnehmerin, die sagte: «Ich nehme schon Kritiken entgegen, aber nur positive.» Eine andere brach den Kurs ab, nachdem sie einmal eine Kritik erhalten hatte. Das fand ich schon interessant bei einem Kurs, in dem es um mentales Training geht.

 

Sie halten regelmässig Referate und geben auch Workshops für Firmen. Was verbindet den Extremsport mit der Unternehmenswelt?

Etwas, was in beiden Welten wichtig ist, ist Fokus. Man muss auf ein Ziel fokussieren. Ich habe oft erlebt, dass Manager etwa mit Mitte fünfzig zusammengebrochen sind. Das hat meistens damit zu tun, dass sie Anfang des Jahres den Mitarbeitern sagen: Letztes Jahr haben wir 5 Prozent mehr Umsatz gemacht, aber wir dürfen nicht einschlafen – dieses Jahr müssen wir 10 Prozent wachsen! Doch aus meiner Erfahrung als Sportlerin weiss ich: Der Körper kann nicht jedes Jahr 10 Prozent mehr Leistung erbringen. Man muss dann mit anderen Ressourcen arbeiten: zum Beispiel Erfahrung oder einer gewissen Gelassenheit.

 

Interessant ist ja, dass viele, die als Sportler Erfolge feiern, später auch in der Wirtschaftswelt erfolgreich sind. Man denke an den ehemaligen Axpo-CEO Heinz Karrer, der ein erfolgreicher Handballer war, oder Digitec-Gründer Marcel Dobler, der zweifacher Bob-Schweizer-Meister ist. Ist das Zufall oder gibt es Talente, die einen sowohl sportlich als auch unternehmerisch erfolgreich machen?

Es gibt viele Parallelen. Ein Sportler ist es gewohnt, Durststrecken zu überwinden. Er weiss, wie man Willenskraft aufbaut, denn Willenskraft kann man trainieren, wie man Muskeln trainieren kann. Wichtig ist auch die Arbeit im Team: Auf einer Bergexpedition zeigt sich wahre Führungsstärke. Auch Einzelsportler können Höchstleistungen nur mit Unterstützung von anderen erreichen.

 

Sie waren unter anderem auch als Helikopterpilotin und Filmemacherin tätig. Sind Sie sehr vielfältig begabt oder ist Ihnen einfach schnell langweilig?

Langweilig war mir nie. Das Leben hat mir immer mal wieder Neues geboten. Was mich auszeichnet, ist die Fähigkeit, das Neue in mein Leben zu integrieren, und die Neugier, Neues zu erforschen und zu entdecken. Man muss bereit sein, Chancen wahrzunehmen, und darf sich nicht zu schade sein, in einem neuen Bereich ein völliger Anfänger zu sein.

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