Willenskraft als Muskel

Wer die Willenskraft trainiert, hat Ausdauer, ist belastbar und trifft die besseren Entscheidungen, sagt der amerikanische Sozialpsychologe Roy Baumeister. Ein Gespräch über Kreativität, Selbst-kontrolle und die Frage, warum sich Männer trotz viel Willenspotential einfacher ablenken lassen als Frauen.

Willenskraft als Muskel

Herr Baumeister, ich nehme an, dass Sie sich trotz des grossen Temperaturunterschieds zwischen Florida und Zürich rasch ans hiesige Klima gewöhnt haben. Das zwinglianische Ambiente an der Limmat müsste Ihnen als Verfechter von Selbstbeherrschung und Willenskraft sehr behagen?

Da ich heute von Lissabon kam, war der Klimaschock moderat (lacht). Es gibt übrigens den eigentümlichen Befund, dass ein kühleres Klima die Selbstkontrolle steigert. Wahrscheinlich hängt das damit zusammen, dass das Überleben in kühleren Gefilden eine grössere Herausforderung darstellt und also mehr Willenskraft erfordert. So genau weiss das niemand. Sicher ist jedoch: Selbstkontrolle ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für ein langfristig gutes und erfolgreiches Leben.

Sie plädieren folglich dafür, jetzigen Verlockungen zugunsten von späteren Gewinnen zu widerstehen. Die Zukunft aber ist ungewisser denn je – wäre da nicht «carpe diem» das angezeigte Motto?

Die Leute reagieren nach verschiedenen Mustern auf unsichere Aussichten. Laut Studien haben reiche Menschen die Tendenz, Sparbemühungen und Vorsichtsmassnahmen zu verstärken, während ärmere Leute der Unsicherheit eher mit dem Motto «Zum Teufel mit der Zukunft» trotzen und die Gegenwart zu geniessen versuchen. Obwohl ich nicht aus reichem Elternhaus stamme, glaube ich, dass es immer besser ist, sich für die Zukunft zu rüsten. Unsere ganze Spezies tut das, und zwar besser als jedes andere Tier: Das Vorausdenken ist eine spezifisch menschliche Qualität.

Die vorsorgende Ameise gehört also ins Reich der Fabeln?

Definitiv. Ein Eichhörnchen vergräbt seine Nuss im Herbst nicht mit der Absicht, sich für den Winter etwas Gutes zu tun, sondern aus spontaner Freude am Nussvergraben. Tiere haben keinen Sinn für die Zukunft. Für die Entwicklung der menschlichen Spezies aber war das vorausschauende Planen zentral. Man denke nur an den Ackerbau: Anstatt irgendeinen Samen sofort zu essen, haben unsere Vorfahren begonnen, ihn zu pflanzen, zu bewässern, zu warten – um später reiche Ernte einzufahren. Die Idee, auf späteren Lohn zu setzen, war für unsere Kultur enorm wirkungsmächtig.

Selbstkontrolle als evolutionäre Notwendigkeit?

Weniger Notwendigkeit als Instrument: Selbstkontrolle ist ein Mittel, das uns die Evolution gab, um unsere Lebensfähigkeit in unserem Umfeld zu steigern. Selbstkontrolle ist jene Fähigkeit, die uns die Anpassung an ein regelhaftes Leben ermöglicht. Das soziale Leben, unsere menschliche Kultur, ist voller Regeln – Kultur funktioniert ja nur, wenn die Spielregeln eingehalten werden. Und dank der Willenskraft zur Selbstbeherrschung haben wir uns so entwickelt, dass wir in der Lage sind, diese Regeln zu befolgen; also in ein Restaurant zu gehen, ohne dem Tischnachbarn in den Teller zu greifen, pünktlich zur Arbeit zu erscheinen, uns regelmässig zu waschen…

Sind das nicht Automatismen? In der Komfortzone, in der sich zumindest der westliche Mensch eingerichtet hat, scheint Selbstüberwindung bestenfalls den Stellenwert eines narzisstischen Accessoires zu haben: Man beisst sich durch einen Marathon oder eine Diät, um seine Selbstzufriedenheit zu steigern.

Von Automatismus kann keine Rede sein. Wenn man mir die Wahl liesse, über den schlechten Witz meines Chefs entweder zu lachen oder keine Miene zu verziehen, würde ich automatisch letzteres tun. Aber oft habe ich keine Wahl. Und deshalb lache ich, wenn es sein muss! Unser Unbewusstes weiss nicht unbedingt, was gut ist für uns. Deshalb kommt der Willenskraft die Aufgabe zu, die automatischen Reaktionen zu übersteuern und uns die Möglichkeit zu geben, bewusst anders zu reagieren. Solche Kraftakte vollbringen wir nicht nur beim Marathonlaufen, sondern jeden einzelnen Tag, und zwar dutzendfach.

Wie führt diese Selbstkasteiung zu einem besseren Leben?

Nur schon die Lebensdauer ist mit der Selbstkontrolle verbunden: Selbstbeherrschtere Menschen leben nachweislich länger als Leute, die sich schlechter im Griff haben. Deutlich sieht man das bei gläubigen Menschen. Von ihrer Religion dazu angehalten, die Gelüste zu zügeln, verfügen sie über eine substanziell höhere Lebens­erwartung als Leute, die sich Genüssen…

«Der Entkalker fürs Hirn:
Nicht links, nicht rechts –
einfach intelligent!»
Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
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