Will die Schweiz weniger Zuwanderung, muss sie produktiver werden
In der Schweiz begründet man die hohe Zuwanderung gerne mit dem eigenen wirtschaftlichen Erfolg. Das ist nicht falsch, blendet aber einen besorgniserregenden Trend aus: Der Vorsprung der Schweiz ist geschmolzen. Die hohe Immigration ist zum Teil eine Folge des schwachen Produktivitätswachstums.
Seit Jahren debattiert die Schweiz über das Verhältnis mit der Europäischen Union und vor allem die Personenfreizügigkeit. Aus gesellschaftlicher und staatspolitischer Sicht kann man darüber mit nachvollziehbaren Gründen unterschiedlicher Meinung sein. Allerdings hört man immer wieder irritierende Aussagen, dass die Europäische Union wirtschaftlich im Niedergang sei und die Schweiz deutlich besser dastehe. Es stimmt zwar, dass die Schweiz pro Kopf und kaufkraftbereinigt eine über fünfzig Prozent höhere Wirtschaftsleistung erzielt. Vor einigen Jahrzehnten war der Abstand aber noch deutlich grösser.
Gemäss der Long Term Productivity Database hat das Schweizer Bruttoinlandsprodukt pro Kopf seit 1980 nur um rund vierzig Prozent zugelegt (siehe Grafik). In den Ländern, die heute zum Euroraum gehören, lag das Wachstum bei etwa achtzig Prozent und in den Vereinigten Staaten sogar bei mehr als hundert Prozent. Vor der Jahrtausendwende, also vor Einführung der Personenfreizügigkeit, war das Wachstum der Schweizer Wirtschaft besonders bescheiden. Je nach Datenquelle und Zeitpunkt von Datenrevisionen können diese Wachstumsraten etwas variieren, das Muster bleibt aber gleich.
Vor allem grosse EU-Länder haben Schwierigkeiten
Woher aber kommt der Eindruck eines Europas im Niedergang? Es stimmt, dass einige Länder gegenwärtig schwächeln. Deutschland leidet unter hausgemachten Strukturproblemen wie einer zu grossen Bürokratie und einer schlechten Infrastruktur. Auch andere grosse Länder wie Frankreich und Italien kämpfen schon länger mit einer Wachstumsflaute, die auf ähnliche Fehler zurückzuführen ist.
In der Schweiz vergleichen wir uns oft mit diesen grossen direkten Nachbarländern und ihren Problemen. Allerdings gibt es in der Europäischen Union auch mittelgrosse Länder, die der Schweiz ähnlich sind – etwa Dänemark, Schweden, Finnland, Österreich, die Niederlande oder Belgien. Diese haben sich (vielleicht mit Ausnahme Österreichs) solide und teilweise besser als die Schweiz entwickelt. Zusammen mit der Schweiz zählen sie üblicherweise auch zu den besonders innovativen Ländern. Was man bei uns zudem oft vergisst, ist das regelrechte Wirtschaftswunder in den mittel- und osteuropäischen Ländern, aus denen Polen oder die baltischen Länder besonders hervorstechen.
Besorgniserregend ist, dass das Wachstum der Schweizer Wirtschaft pro Kopf trotz besserer Rahmenbedingungen nicht höher ist, und das schon seit einigen Jahrzehnten und ohne eindeutigen Zusammenhang mit der Personenfreizügigkeit. (Wenn, dann hat sich die Schweizer Wirtschaft seit Einführung der Personenfreizügigkeit eher besser entwickelt – zumindest, wenn man die makroökonomischen Daten betrachtet.)
Die Zuwanderung ist auch hausgemacht
Eine berechtigte Frage ist zweifelsfrei, ob die Personenfreizügigkeit und die derzeit hohe Zuwanderung in die Schweiz gesellschaftlich zu verdauen seien. Die hohe Zuwanderung ist einerseits auf die innovativen Unternehmen in den exportorientierten Sektoren zurückzuführen. Sie ist aber teilweise auch hausgemacht. So haben die Stimmbürger vergangenes Jahr beschlossen, eine 13. AHV-Rente einzuführen und das ordentliche Rentenalter bei 65 Jahren zu belassen. Dafür mag es gute Gründe geben. Aber es ist klar, dass diese Entscheidungen den Zuwanderungsdruck anheizen, da die Zahl der erwerbstätigen Personen beschränkt wird. Es gibt auch einen indirekten Effekt über die Finanzierung. Die AHV steht gegenwärtig auch dank der Zuwanderung finanziell besser da als in der Vergangenheit befürchtet. Die höheren Rentenleistungen können in der Zukunft leichter über eine hohe Zuwanderung finanziert werden und machen so die Immigration in den Arbeitsmarkt indirekt wünschenswerter.
Auch in anderen Bereichen haben wir politisch beschlossen, den Zuwanderungsdruck indirekt zu erhöhen. So ist die Beschäftigung in der öffentlichen Verwaltung deutlich gestiegen. Spitalschliessungen stossen immer wieder auf vehementen Widerstand – die Spitaldichte der Schweiz ist nach wie vor hoch, was den Arbeitskräftebedarf erhöht. Auch für diese Entwicklungen gibt es jeweils nachvollziehbare Gründe. Doch es besteht kein Zweifel, dass die Schweizerinnen und Schweizer damit auch eine hohe Zuwanderung in Kauf nehmen. Das wiederum legt den – etwas provokativ formulierten – Schluss nahe, dass die Bevölkerung trotz häufiger Klagen über die Zuwanderung am Ende eigentlich ganz zufrieden damit ist.
Die Zuwanderung liesse sich zumindest etwas verringern, wenn das Produktivitätswachstum – gemessen als reales Bruttoinlandsprodukt pro Arbeitsstunde – steigen würde. Dabei könnten wir erst noch unseren Wohlstand vermehren. Besonders in den vergangenen Jahren wurde das Produktivitätswachstum der Schweizer Wirtschaft stark durch die Pharmabranche getrieben, während die Zuwächse in vielen übrigen Branchen oft nur moderat waren.
Ein Gedankenexperiment verdeutlicht, wie sehr das bisher schwache Produktivitätswachstum (wenn auch von einem hohen Niveau aus) den Bedarf an Arbeitskräften erhöht hat. Seit 1980 war das Produktivitätswachstum in der Schweiz gering. Wäre nun die Produktivität in der Schweiz seit 1980 in jedem Jahr lediglich um 0,1 Prozentpunkt stärker gewachsen, bräuchten wir heute rund 250 000 Vollzeitstellen weniger, um das gleiche Bruttoinlandsprodukt zu erwirtschaften. Mit etwas mehr Produktivitätswachstum könnten wir uns also Zuwanderung oder eigene Arbeitsstunden sparen. Wichtig ist zu betonen, dass diese Produktivitätsgewinne nicht durch mehr Stress und eine Verdichtung der Arbeit erzielt werden sollten, sondern etwa durch eine bessere Organisation und den zielgerichteten Einsatz neuer Technologien.
«Die Bevölkerung ist trotz häufiger Klagen über die Zuwanderung am Ende eigentlich ganz zufrieden damit.»
Die intensive Diskussion über die Personenfreizügigkeit und das Verhältnis zur Europäischen Union verschleiert, dass das Produktivitäts- und Pro-Kopf-Wachstum der Schweizer Wirtschaft schon seit langem nur moderat ist. Die hohe Zuwanderung wird gegenwärtig etwas gar leichtfertig für alle möglichen Probleme wie hohe Wohnkosten oder überfüllte Züge verantwortlich gemacht. Wir sollten uns mehr an der eigenen Nase nehmen.

Die Schweizer Wirtschaft zeigt sich zwar immer wieder sehr resilient, gerade auch während Krisen wie der Finanzkrise oder der Pandemie. Die wirtschaftliche Dynamik wurde in den vergangenen Jahren aber massgeblich durch die Pharmabranche getrieben und ist sonst nur moderat. Für diese tragende Branche könnten angesichts der US-amerikanischen Politik mit sinkenden Medikamentenpreisen und weniger Importen aus der Schweiz härtere Zeiten anbrechen. Das Erfolgsmodell Schweiz ist nicht in Stein gemeisselt.
Betrachtet man die wirtschaftliche Entwicklung pro Kopf, steckt die Schweiz im Umfeld einer schwächelnden Weltwirtschaft und nun auch noch hoher Zölle bereits in einer Stagnation. Das wirtschaftliche und politische Erfolgsmodell Schweiz kann nur fortbestehen, solange wir wohlhabender sind als die meisten anderen Länder. Unabhängig von der Debatte um die Zuwanderung sollten wir uns mehr Gedanken darüber machen, wie wir die Produktivität erhöhen und eine drohende Stagnationsphase vermeiden können.