Wie wirkt die Geldpille?

Spendende Menschen sind glückliche Menschen. Wo endet das Eigeninteresse und wo beginnt die Weltverbesserung? Und was kommt heraus, wenn ein Grossunternehmer, ein Verhaltensökonom und ein Sozialinvestor nach Antworten auf diese Frage suchen?

Wie wirkt die Geldpille?
Klaus Tischhauser, photographiert von Philipp Baer.

Geld und seine Wirkung, Ethik und Investieren – beginnen wir mit der Gretchenfrage, Herr Tischhauser. Sie sind CEO eines weltweit
führenden Vermögensverwalters im Mikrofinanzbereich. Sind Sie Kapitalist, Weltverbesserer oder wandelndes Wunder: ein Kapitalist, der es gut meint mit der Welt?

Klaus Tischhauser (KT): Unsere Firma ist der lebende Beweis dafür, dass man die beiden Dinge zusammenbringen kann. Wir investieren, und zwar gegen Rendite. Von daher kann man sagen: Wir sind Kapitalisten. Zugleich steht in unseren Statuten, dass der Zweck unserer Firma die Bekämpfung der Armut ist – und deshalb investieren wir nur in Entwicklungsländern und auch nur in Sektoren, die entwicklungsrelevant sind, und in Businessmodelle, die ärmeren Leuten mit unternehmerischem Instinkt etwas bringen. Es handelt sich dabei um Investments, die Renditen und Erfolg bringen, und das ist entscheidend. Denn hätten wir keinen Erfolg, könnten wir auch den Firmenzweck nicht verfolgen. Die beiden Seiten gehören also untrennbar zusammen.

Herr Schmidheiny, dieses Geschäftsmodell ist ein relativ junges. Sie sind demgegenüber ein Unternehmer von altem Schrot und Korn. Wie nehmen Sie mit Ihrer Firma Verantwortung wahr?

Thomas Schmidheiny (TS): Wir verfolgen kein vergleichbar globales Ziel, sondern wirken traditionell mit konkreten Massnahmen in unserem direkten Umfeld. Mein Grossvater hatte eine Zementfabrik in der Ostschweiz und war in dieser Gegend ganz natürlich die Ansprechperson für Leute, die Not litten oder eine Ausbildung absolvieren wollten. Mir selbst ist die Bedeutung der unternehmerischen Verantwortung aufgegangen, als ich vor 25 Jahren ein Zementwerk in Mexiko führte und dort wegen der hohen Kindersterblichkeit alle paar Wochen an einer Beerdigung teilnehmen musste. Durch diese Erfahrung habe ich begonnen, die Verantwortung viel breiter abzustützen und in einem Dreieck zwischen Profit und Verantwortung im sozialen wie im ökologischen Bereich zu denken. Im Grundsatz sehe ich es noch immer so, dass Kapitalisten Leute sind, die mit Kapital Arbeit geben, etwas aufbauen und Leute ausbilden und mitziehen.

Das sind schöne Darstellungen, in der Bevölkerung scheint aber der Eindruck zu dominieren, dass der Kapitalismus uns zu egoistischen Personen macht. Herr Fehr, Sie erforschen als Verhaltensökonom die Zusammenhänge zwischen Gesellschaft und Wirtschaft. Wie sieht die Sache aus Sicht der Wissenschaft aus?

Ernst Fehr (EF): Als empirischer Wissenschafter würde ich zunächst sagen: Das ist eine viel zu pauschale Behauptung, die zudem nirgends belegt ist. Es gibt vielmehr Studien, die in die genau entgegengesetzte Richtung deuten und darauf hinweisen, dass Marktwirtschaft die Menschen nicht egoistischer, sondern kooperativer macht. Man hat festgestellt, dass Gesellschaften, die stärker in den Markt integriert sind, deutlich stärker ausgeprägte Fairness-Normen aufweisen als beispielsweise Stämme im peruanischen Dschungel, die das Gros ihrer Bedürfnisse durch Selbstproduktion und nicht durch Einkäufe auf dem Markt befriedigen. Das leuchtet insofern ein, als ein Markt die Dinge vergleichbar macht, und wenn die Dinge vergleichbar werden, wird auch klar, wer wie viel an einem Tausch gewinnt – und automatisch beginnt der Fairness-Gedanke eine grössere Rolle zu spielen.

Sie beschäftigen sich ganz grundsätzlich mit der Frage, wie sich gegebene Kontexte auf Verhaltensweisen auswirken. Können Sie uns sagen, wie ein Grosskonzern sein Umfeld gestalten muss, um ethisch faires Verhalten zu fördern?

EF: Zentral ist das, was man heute «Business Culture» nennt – die herrschende Geschäftskultur beeinflusst die Verhaltensweisen über die individuellen Anreize hinaus. Und diese Kultur zu gestalten, ist eben auch eine Verantwortung der Unternehmer oder CEOs. Ein Beispiel: wenn sich Oswald Grübel im Jahr 2010 hinstellt und fordert, dass jetzt mehr Risiken eingegangen werden müssen, um den «Return on Capital» wieder auf 20 Prozent zu steigern, dann strahlt diese Aussage auf das ganze Unternehmen aus. Einige Leute sind ja dann auch tatsächlich höhere Risiken eingegangen, was freilich nicht im Sinne des Unternehmens war… Natürlich sind auch Anreizsysteme ein…

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