Wie wir unsere Standpunkte finden

Zu vielen Themen haben wir zwar eine Meinung. Doch sie zu begründen, fällt uns meist nicht ganz so leicht. Mehr als uns lieb ist, müssen wir uns auf unsere Emotionen verlassen oder uns auf Autoritäten berufen. Überlegungen, unter welchen Bedingungen das nicht so schlimm sein muss und warum wir gar nicht anders können.

Wir vertreten Meinungen und besitzen Standpunkte. Doch wie finden wir diese? Gab es eine Zeit, vielleicht in jüngeren Jahren, in der wir keine besassen und uns daher auf den für sie einschlägigen Märkten informieren mussten, um schliess­lich, nach Abwägung des Für und Wider, diejenigen auszuwählen, die uns am besten gefielen? Oder ist es nicht vielmehr so, dass wir uns schon immer auf irgendwelchen Standpunkten vorfinden, ohne uns jemals bewusst für sie entschieden zu haben? Wachsen wir nicht meist hinein in das, was für uns gilt, und zwar in faktischen wie auch in moralischen Angelegenheiten – und versuchen erst im nachhinein zu begründen, was wir als unseren Standpunkt bezeichnen und als unsere Meinungen vertreten?

Als Beispiel kann Monsieur Rouget aus einem Lehrbuch der Sozialwissenschaften herhalten, eine Figur, mit der dort demonstriert werden soll, wie Erklärungen in diesen Wissenschaften funktionieren. Monsieur Rouget ist Franzose, 24 Jahre alt, blond und Arbeiter in einer grossen Fabrik. Er wählt die Kommunistische Partei. Warum? Die Antwort des Lehrbuches lautet: erstens, Monsieur Rouget ist ein junger Mann, der als Arbeiter in einer grossen Fabrik beschäftigt ist und in einem Gesellschaftssystem lebt, in dem die Kirche eine erhebliche Rolle spielt. Zweitens, die Wahrscheinlichkeit, dass junge, in einer grossen Fabrik beschäftigte Arbeiter für eine linke Partei stimmen, liegt zwischen 0.60 und 0.70, und in den Systemen, in denen die Kirche eine gewisse Macht hat, stimmen mehr Männer als Frauen für die Linke. Drittens ist es deshalb hochwahrscheinlich (Wahrscheinlichkeitswert um 0.80), dass Monsieur Rouget für eine Partei der Linken stimmt (A. Prezworski & H. Teune: «The Logic of Comparative Social Inquiry»).

Monsieur Rouget wählt also «links» – und drückt damit seinen linken Standpunkt aus –, weil dies in der sozialen Gruppe üblich ist, zu der er gehört. Die Argumente, die er für seinen Standpunkt beibringt, wären daher wohl ebenfalls die allbekannten seiner sozialen Gruppe. Wären wir bereit, solch eine statistische und allein den äusseren Umständen verpflichtete Erklärung als Begründung für unseren eigenen politischen Standpunkt zuzulassen? Wohl kaum. Die Begründung passt nicht in unser Bild des modernen, aufgeklärten Menschen, der in einem reflektierten Akt der freien Entscheidung zu seinem Standpunkt und zu seinen Meinungen findet.

Vergleichbares Unbehagen verspüren wir bei der Autoritäten- oder Despotenbegründung; dass etwas Gültigkeit habe oder wahr sei, weil Gott oder ein von ihm eingesetzter Herrscher es so gesagt oder gewollt habe, ist eine Begründung, der wir heutzutage ablehnend gegenüberstehen. Und dennoch sind wir ihr nicht völlig entronnen. Denn es ist ja durchaus nichts Ungewöhnliches, sich in einer Debatte, sei es privat oder öffentlich, auf einen Nobelpreisträger oder eine andere Koryphäe zu berufen – und damit eine moderne Variante der voraufklärerischen Autoritätenbegründung anzuwenden. Was bliebe uns auch anderes übrig? Etwa in der Klimadebatte, wenn wir selbst keine Fachleute sind, deren tägliches Brot die Klimaforschung ist?

Hat der durch die Menschen verursachte CO2-Ausstoss nun den Klimawandel verursacht oder nicht? «Ja» meint eine Mehrheit, «nein» eine Minderheit der wissenschaftlichen Laien, zu denen auch fast alle Politiker zählen. Und die Begründung? Die jasagende Mehrheit beruft sich auf das in Genf ansässige Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), das in seinen Berichten den aktuellen Stand der Klimaforschung zusammenfasst; eine Referenz, die für manche noch an Ansehen gewonnen hat, seit das IPCC gemeinsam mit dem ehemaligen US-Vizepräsidenten Al Gore den Friedensnobelpreis des vergangenen Jahres erhalten hat. Die neinsagende Minderheit verweist dagegen auf ebenfalls bekannte Wissenschafter und Publizisten, deren Glaubwürdigkeit gerade deshalb hoch sei, weil sie nicht im IPCC vertreten seien. In beiden Fällen liegen Autoritätenbegründungen vor. Und wehe, sollte zusätzlich ein Austausch vermeintlich wissenschaftlicher Argumente versucht werden. Dann endet das Ganze fast immer in Bullshit. Wer weiss schon, was beim Treibhauseffekt physikalisch abläuft, was machen wir mehr als im besten Fall referieren, im schlechtesten nachplappern, wenn wir vom Einfluss des Golfstroms oder der Sonnenflecken auf die Erwärmung, von Temperaturstatistiken und diversen Eis- oder Warmzeiten reden, um unsere jeweilige Position zu begründen?

«Der ihn selbst betreffende Umstand, den der Bullshit-Redende verdrängt, liegt darin, dass die Wahrheitswerte seiner Behauptungen für ihn nicht von zentraler Bedeutung sind; wir müssen erkennen, dass seine Absicht weder darin besteht, die Wahrheit zu berichten, noch sie zu verbergen», so beschreibt es der Philosoph Harry G. Frankfurt in «On Bullshit». Das Buch wurde 2006 unerwartet zum Bestseller, wahrscheinlich auch deshalb, weil fast jeder, der es las, die anderen darin wiedererkannte, sich selbst aber zu den Ausnahmen zählte. Doch auch wenn wir uns eingestehen, dass wir in Sachen Klima wissenschaftlich keine Ahnung haben (und weder jemals das Protokoll von Kyoto aufgeschlagen, noch je auch nur eine Zeile der Zusammenfassung des jüngsten Berichts des IPCC gelesen haben), fühlen wir uns dennoch nicht ganz wohl dabei, dass wir uns dann in unserer Meinungsfindung wohl auf Autoritäten verlassen müssen. Sieht das nicht so aus, als ob wir nicht selbst denken könnten?

Es liesse sich an dieser Stelle einwenden, es sei nur klug, sich bei komplexen Themen auf glaubwürdige Experten zu berufen. Schliesslich ist unser Leben zu kurz, um auf jedem Feld eigene Erfahrungen und eigenes Fachwissen zu sammeln. Doch dieser Einwand treibt das Problem nur eine Spiralwindung weiter. Denn wie kommen wir zu dem Standpunkt, der uns dem einen und nicht dem anderen Experten Gehör schenken lässt? Sind wir hier nicht wieder im Fahrwasser einer Monsieur-Rouget-Begründung, nach der eine solche Entscheidung mit der jeweiligen sozialen Schicht oder dem beruflichen Umfeld zusammenhängt?

Um die Eigenständigkeit der Entscheidungen zu retten, bliebe noch der Ausweg, sich von der Dominanz des Verstandes zu verabschieden und sich den Emotionen zuzuwenden. Was übrigens durchaus dem Zeitgeist entspräche, ist doch in der Wettervorhersage immer häufiger von «gefühlter Temperatur» und in den politischen Nachrichten von «gefühlter Inflation» die Rede, die für unser Verhalten ausschlaggebender zu sein scheinen als die mit dem Thermometer gemessenen beziehungsweise dem Handwerkszeug der Statistiker errechneten Werte.

Vor allem bei politischen Diskussionen fällt es uns schwer, einen ruhigen Kopf zu bewahren. Mehr als bei wissenschaftlichen Fragen scheinen sich hier die Emotionen einzumischen und unsere Meinungen zu lenken. Unterschiedliche politische Standpunkte sind mit unterschiedlichen Situationen verknüpft, in denen sich der einzelne am stärksten entrüstet. Mehr Sozialleistungen, mehr Umverteilung und mehr Staat wird vor allem derjenige fordern, der von Empörung ergriffen ist, weil er nach 20 Jahren in derselben Firma gekündigt wird und nun Arbeit verrichten muss, für die er sich überqualifiziert und unterbezahlt fühlt. Weniger Staat und mehr Deregulierung fordert eher derjenige, in dem die Wut aufsteigt, wenn seine Firmengründung an gesetzlichen Barrieren scheitert. Die Erinnerung an solche Situationen stellt die Weichen dafür, welche empirischen Daten, welche Informationen und welche Argumente wir zukünftig ernst nehmen und angesichts welcher Themen uns unsere Logik und unser Einfühlungsvermögen komplett verloren gehen. Diese emotional geprägten Positionen durch blosse Fakten ändern zu wollen, ist fast immer ein vergebliches Unterfangen. Emotionen, und zwar die erwähnten negativen ebenso wie die positiven – so lässt sich mit Blick auf die Ausgangsfrage zusammenfassen – fixieren unsere Meinungen lange bevor die Argumente beginnen. Ehe wir uns für einen Standpunkt entscheiden können, befinden wir uns schon auf einer abschüssigen Bahn in seine Richtung.

In dieser desolaten Situation verliert manch einer leicht die Nerven und neigt zu dogmatischen Antworten. Er vertraut entweder darauf, dass Logik und Vernunft auf Dauer doch alles durchdringen und kontrollieren und dann zu dem einzig wahren und richtigen Standpunkt führen würden. Oder er behauptet, dass allein Unwissenheit und Willkür einen Zustand wirklicher Freiheit ermöglichten und unser einziges Wissen das Wissen unseres Nichtwissens sei. Doch damit lassen sich die praktischen Probleme des Alltags kaum lösen. Als sozial handelnde Wesen brauchen wir Standpunkte, ansonsten lässt sich nur schwerlich Verantwortung übernehmen. Was also tun?

«Vorsicht», «Skepsis», «Interesse am Konkreten», und dies in der «richtigen Mischung», das sind Stichworte, die dogmatische Antworten vermeiden helfen. Die «richtige Mischung» kann verhindern, dass eine der beiden Antworten – uneingeschränkter Rationalitätsglaube oder programmatisch eingestandenes Unwissen – dominiert. Erst sie verhindert, dass die Vorsicht zur Lähmung, die Skepsis zum Nihilismus und das Interesse am Konkreten zu einer detailversessenen Blindheit wird. Dafür braucht es Erfahrung und das Eingeständnis, dass insbesondere unser politischer Standpunkt immer auch mit den Lebensumständen zusammenhängt (also Erklärungen vom Typ «Monsieur Rouget» ihre Berechtigung haben), dass er von unseren Emotionen geprägt ist und dass er nie frei von Willkür sein wird.

Das alles bedeutet, dass wir unsere Standpunkte am besten mit Hilfe einer paradoxen Doppelstrategie gewinnen. Für den wissenschaftlichen Standpunkt heisst das: nichts als wissenschaftliches Wissen zu akzeptieren, es sei denn, es stünden Autoritäten dahinter – aber auch zugleich: es nicht als Wissen hinzunehmen, nur weil es von Autoritäten gedeckt ist. Sowie für den politischen Standpunkt: sich zu den eigenen politischen Erfahrungen und Emotionen als guten Gründen für unsere Meinungen zu bekennen – aber auch zugleich: sie nicht als gute Gründe hinzunehmen, nur weil es unsere eigenen politischen Erfahrungen und Emotionen sind. Unter diesen Umständen ist Freiheit kein abstraktes und dogmatisches Programm, sondern eine gelebte Freiheit des konstruktiven Zweifels.

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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