Wie viel Freiheit darf es sein?

Besuch in einer Schule, in der es weder Stundenpläne noch Noten gibt.

«Freiheit ist etwas Grosses», sagt Karin Escher, Koleiterin der Freien Schule Bergmeilen.1 «Freiheit ist nicht einfach.» Man müsse damit umzugehen lernen – nicht nur Kinder, auch Erwachsene müssten das. Diese Aussage erfreut sich auf dem Kontinent des Humanismus und der Aufklärung breiter Zustimmung. Umstritten dabei ist etwas anderes: wie genau am besten geübt wird. Wie viel Anleitung, welche Grenzen, wie viel Rückmeldung brauchen junge Menschen, um Freiheit zu lernen?

Die Kinder der Freien Schule Bergmeilen treffen sich in einem wunderbaren alten Schulhaus, freistehend auf einer Wiese hoch über dem Zürichsee. Zwei Reihen Fenster blicken hinab zu den Ufergemeinden. Die Kinder sitzen im Kreis im Chindsgiraum. Dessen hintere Wand ist ein Einbauschrank, von oben bis unten ordentlich bestückt mit beschrifteten Bastelkisten und Spielboxen, zur Seite steht ein Spielzelt. Es ist Montagmorgen, und in der Mitte des Raums führt ein für heute eingeladener Berufsmusiker gerade vor, wie man aus einem Plastikschlauch eine improvisierte Trompete baut. «Ich will auch mal, ich will auch!», ruft ein Junge, «was kostet das?», ruft ein Mädchen. Im Mittelalter spielten seine damaligen Kollegen das Clarino, erzählt der Gast; der Name sei noch heute zu erkennen in der Klarinette. Während der Trompeter spricht, köcheln in der Kochnische Eier, die später nicht nur gegessen, sondern auch genutzt werden, um etwas über Eier zu lernen. «Kitchen» steht auf einem Zettel hinter dem Topf an der Wand.

Rechnen, Musik, Geschichte, Englisch – alles üben die Kinder an diesem Morgen. Oder vielmehr: sie können es üben, sofern sie wollen. Wer möchte, kann den Raum verlassen, hinübergehen in das zweite grosse Zimmer, das voller Bücher, Lego und Experimentierkästen ist, ausgestattet mit Wandtafeln und einem grossen Tisch, und tun, wozu er oder sie Lust hat. Das irritiert mich. Im Wortsinn: es bringt mich zum Nachdenken. Fokus, Konzentration, Durchhaltevermögen – die Fähigkeit, seinen Geist klar und ganz auf etwas zu richten, dabei Leere und Langeweile auszuhalten – macht Menschen nachweislich nicht nur klug. Sondern auch zufrieden, weshalb buddhistische Mönche das ebenso jahrelang üben wie Nachwuchskünstler oder Forscher. Ist es nicht gerade das, wozu Schule und Erziehung anleiten sollten – durchhalten? Ein Kind erfahren lassen, dass es Frustration aushalten und sich damit auf sich selbst verlassen kann? Oder züchtet man auf diesem Weg Menschen heran, die ausharren und funktionieren können – aber nicht wissen, was sie eigentlich wollen und brauchen?

Gerade um sich allenfalls später hinter Bücher setzen und sich konzentrieren zu können, müsse ein Kind in seinem Tempo reifen können, sagt Escher. Darum mache die Jahrgangseinteilung der Standardschule wenig Sinn, ebenso der für alle zwingend gleichzeitige Übertritt in die Oberstufe, der vor allem für Buben oft zu früh komme. «Das Hirn muss erst zahlreiche Verknüpfungen bilden, und dazu müssen Kinder spielen, sich bewegen und ausprobieren können.» Tatsächlich liefert die Hirnforschung der letzten Jahrzehnte nicht nur Belege dafür, dass Konzentration zufrieden macht. Sondern auch dafür, dass Kinderhirne stark umgebaut werden, die von Teenagern noch einmal, und dass sie in unterschiedlichen Phasen Bestimmtes brauchen und aufnehmen – und anderes keinen Anker findet.

Nach den Sommerferien beginnen 14 Kinder das Schuljahr im knorrigen Haus zwischen den Wiesen. Ihre Schulgelder – 1450 Franken monatlich für Kindergartenkinder, 1800 für Primarschüler – reichen laut Escher nur dank Extraengagement des Teams. Dieses sei auf der Suche nach Sponsoren: Google beispielsweise. Denn dort gelte auch, was in Bergmeilen gilt: mit Freiheit umgehen können ist essenziell für das Navigieren in einer komplexen Welt.


1 Die Freie Schule Bergmeilen lädt zum Tag der offenen Tür am Samstag, 16. September, 11–16 Uhr. Mehr: www.fsbergmeilen.ch


Olivia Kühni
ist stv. Chefredaktorin dieser Zeitschrift. Sie lebt in Zürich.