Wie rund ist der Ball?

Von der brasilianischen Seleção keine Spur: wenn es nach der englischen Komikertruppe Monty Python ginge, müssten sich im WM-Final Griechenland und Deutschland gegenüberstehen. So will es einer ihrer Sketches, der ein denkwürdiges Spiel zeigt: Platon, Aristoteles & Co. gegen eine deutsche Elf mit philosophischen Himmelsstürmern wie Hegel und Nietzsche. Wer gewinnt? Natürlich die Griechen. Die […]

Von der brasilianischen Seleção keine Spur: wenn es nach der englischen Komikertruppe Monty Python ginge, müssten sich im WM-Final Griechenland und Deutschland gegenüberstehen. So will es einer ihrer Sketches, der ein denkwürdiges Spiel zeigt: Platon, Aristoteles & Co. gegen eine deutsche Elf mit philosophischen Himmelsstürmern wie Hegel und Nietzsche. Wer gewinnt? Natürlich die Griechen. Die Meisterdenker beider Teams schlendern gedankenversunken über die grüne Wiese, bis eine Minute vor Spielende Archimedes eine Erleuchtung hat: Heureka! Er schnappt sich den Ball an der Mittellinie, es folgt eine wilde Passhuberei durch die gegnerische Platzhälfte, bis Sokrates den Ball souverän ins deutsche Tor köpft, das von Leibniz nicht wirklich gehütet wird – 1:0. Endstand.

Gewiss, an der Weltmeisterschaft in Brasilien sind leichtfüssigere Akteure am Werk. Dennoch enthält das Szenario der Komiker ein Fünkchen Wahrheit: Fussball und Philosophie sind – Heureka! – wesensverwandte Disziplinen.Glauben Sie nicht? Denken Sie nur mal an tiefsinnige Sätze wie jene des ehemaligen deutschen Bundestrainers Sepp Herberger: «Der Ball ist rund» oder «Ein Spiel dauert 90 Minuten». Darüber lässt sich ein Leben lang nachdenken, ohne dass je die Aussicht bestünde, zu einer Konklusion zu kommen. Das ist Philosophie pur.

Fussballtrainer sind also Denker, die sich durch einen gezielten Einsatz der Logik ihre Freude an der Wahrheit nicht verderben lassen, und Philosophen wie Camus, Heidegger oder Derrida sind verhinderte Fussballpraktiker, die trotz geschliffener Formulierungen niemals an ihre Vorbilder heranreichen. Heidegger meinte: «Das Spiel schart die Menschen zusammen, doch so, dass ein jeder ausgerechnet sich selber vergisst.» Ein solcher gedanklicher Vorstoss ist zu umständlich und trifft das Wesen des Fussballspiels nicht, geht mithin knapp am Tor vorbei. Keine Frage: Herberger verstand mehr von Fussball als Heidegger und war auch der bessere Philosoph.

Dass der Ball rund ist, ist eine unbezweifelbare Gewissheit, die gilt, solange es Bälle auf dieser Welt gibt. Es ist deshalb nur konsequent, dass Herberger im Land der Dichter und Denker viele Schüler gefunden hat. Wie Sokrates, der einst sein Wissen gesprächsweise an Platon weitergab, der wiederum alles aufschrieb, um es für die Nachwelt zu erhalten, hat auch Herbergers Fussballphilosophie ihre Schüler gefunden: die Herbergersche Prosa durchdringt die Ausdrucksweise der ernst zu nehmenden Vertreter zeitgenössischen Fussballs. Andreas Brehme, einer meiner Helden: «Das Unmögliche möglich zu machen wird ein Ding der Unmöglichkeit.» Matthias Sammer: «Das nächste Spiel ist immer das nächste.» Lothar Matthäus: «Ich hab gleich gemerkt: Das ist ein Druckschmerz, wenn man
draufdrückt.»

Otto Rehhagel, auch für viele Nichtgriechen ein Visionär des modernen Fussballs: «Wenn er das Tor getroffen hätte, wäre der Ball drin gewesen, aber er hat vorbeigeschossen.»

Ein Scherz? Keineswegs. Fussballlehrer in ganz Europa setzen sich ausdrücklich mit der philosophischen Tradition des Abendlandes auseinander. Der italienische Trainer Giovanni Trapattoni in einer filmreifen Konferenz mit dem Kantischen Begriff des «Dinges an sich», den er aus sportlicher Sicht scharf kritisiert: «Fussball ist Ding, Dang, Dong. Es gibt nicht nur Ding.» Legendär auch Erich Ribbecks Aushebelung der Dialektik, indem er nachwies, dass der Objektbegriff des deutschen Philosophen Hegel sich nicht aufheben lässt: «Grundsätzlich werde ich versuchen zu erkennen, ob die subjektiv geäusserten Meinungen subjektiv sind oder objektiv. Wenn sie subjektiv sind, werde ich an meiner objektiven Linie festhalten. Wenn sie objektiv sind, werde ich überlegen und vielleicht die objektiv subjektiv geäusserten Meinungen der Spieler mit in meine objektiven einfliessen lassen.» Alles klar? Falls nicht, vertrauen Sie einfach mir, einem langjährigen Fussballer, wenn ich noch einmal Otto Rehhagel zitiere, der alle Philosophie- und Fussballgeschichte gleichermassen auf den Punkt brachte: «Die Wahrheit liegt auf dem Platz.» Recht hat er. Freuen wir uns auf eine erkenntnisreiche WM in Brasilien!

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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