Wie mit Zähnen in eine Glasscheibe genagt

Das Monstrum, so scheint es, hat auch einmal klein angefangen. Es zeigt sich anfangs karg, bescheiden, mit schlichtem Humor, mit «John und Joe»: zwei traurigen Gestalten, die an Stan Laurel und Oliver Hardy erinnern, sich gegenseitig beklauen und den Beklauten vom Geklauten auf einen Pflaumenschnaps einladen. Die Tragik ihres kümmerlichen Lebens wird verstärkt durch die naive Komik ihrer Handlungen und die Wortspiele ihrer lapidaren Gespräche. Sie geben einen ersten, leichtverdaulichen Einstieg in das dramatische Werk der in Neuchâtel lebenden Autorin Agota Kristof, das der Piper-Verlag unter dem Titel «Monstrum» herausgibt. Das gleichnamige Stück – ebenso leichtverständlich in den Dialogen, aber weitaus wuchtiger in der Handlung – schildert die unvermeidliche Selbstvernichtung einer Gesellschaft durch Anbetung falscher Götzen und die bilderstürmende Gegenreaktion. In seiner archaischen Brutalität erinnert es an Eugene O’Neills «Emperor Jones»; hier wie dort bricht die knapp unter der Oberfläche lauernde Gewaltbereitschaft unausweichlich durch, sobald Menschen sich zu Sklaven einer Idee oder Überzeugung machen. Dieses Thema zieht sich wie ein roter Faden durch die Stücke Kristofs. «Die Epidemie» und «Die Strasse» ähneln – um einen weiteren Vergleich zu bemühen – Cormac McCarthys blutigen Geschichten aus dem texanisch-mexikanischen Grenzgebiet, wo das Gesetz des Stärkeren die Hoffnungslosigkeit des Schwächeren erbarmungslos entlarvt und kein Held, kein Ritter, kein Sheriff herbeieilt, um die Not zu lindern. Die Karikatur «Eine Ratte huscht vorbei» schliesslich zeigt auf einer zweigeteilten Bühne das Umschlagen von kultivierter Gediegenheit in zähnefletschende Feindschaft, sobald die Menschen sich nicht mehr mit Hilfe eingeschliffener Verhaltenskodizes, Kleiderregeln und Prestige-symbole abgrenzen können, sondern zusammengepfercht auf Wasser und Brot gesetzt sind.

Man ist versucht, das wiederkehrende Bild der Brutalität und der ihr ausgelieferten Opfer auf Agota Kristofs eigene Geschichte zurückzuführen. Die gebürtige Ungarin (geb. 1935) floh gegen ihren Willen mit Ehemann und vier Monate alter Tochter aus ihrer Heimat, während des Volksaufstands 1956, der so verheissungsvoll begonnen hatte, bevor er von den Panzern des Warschauer Pakts niedergewalzt wurde. Als Flüchtling begann Kristof ein neues Leben in Fontainemelon, als Arbeiterin in einer Uhrenfabrik, und sie hasste diesen Job. So liesse sich erklären, dass in all ihren Dramen die Opferperspektive im Vordergrund steht. Nie zeigt Kristof strahlende Sieger, ihre Figuren kämpfen gegen Ohnmacht und Hilflosigkeit, ausgedrückt in einer äusserst reduzierten Sprache.

Auch hier lässt sich vermuten, dass Kristof ihre eigene Situation in der Schweiz reflektiert. Sie schreibt auf Französisch, das sie mit 21 Jahren in fremdem Umfeld neu lernen musste, und man kann sich vorstellen, dass sie tagtäglich die Grenzen ihrer Ausdrucksfähigkeit, ihre sprachliche Unterlegenheit erlebte. Ihr dramatisches Personal zeigt eine ähnliche Spracharmut, kann keine Gefühle ausdrücken und lässt jegliche spritzige Lebendigkeit vermissen, mit der Gespräche sprühen, dahinplätschern, aufkochen, versanden, Wellen schlagen, dümpeln oder wirbeln. Die Figuren sprechen formelhaft, schematisch und trocken, ihre Wortwahl ist simpel, die Syntax schlicht.

Es ist die Ausdrucksweise von Personen, die in der Sprache nicht zuhause sind, diese nicht als Ausdruck innerer Bedürfnisse benutzen können. Kristof bedient sich so der angelernten Sprache mit grosser Finesse, zeigt die fehlende Emotion, die Unfähigkeit zum Ausdruck von Zuneigung. Die Dialoge sind bitter, hart, nervenaufreibend und geprägt von einem beissenden Sarkasmus, als würden sie mit Zähnen in eine kalte Glasscheibe genagt. Es sind die Dialoge von Verlorenen, die nicht wissen, wie man aufgibt, sondern die immer weiterkämpfen, obwohl sie allgegenwärtig erleben, dass sie hoffnungslose Verlierer sind.

Agota Kristof: «Monstrum». München: Piper, 2010

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Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»