Wie man eine
Rechtschreibreform durchsetzt

Man kann hundert Millionen Menschen nicht zu neuen Schreibweisen zwingen, man kann sie aber zum Mitmachen überreden. Die Geschichte der Reform von 1996 ist ein Lehrstück geschickter Propaganda und vorauseilenden Jasagertums.

 

Pläne für eine Reform der deutschen Rechtschreibung gingen seit je von Volksschullehrern aus. Durch die «emanzipatorische» Didaktik der 1970er Jahre erhielten sie neuen Schwung: «Unterprivilegierten» Kindern und Wenigschreibern sollte das Fortkommen erleichtert werden. Weil Schriftsteller, Wissenschafter und Journalisten sich stets gegen eine Veränderung ihres in Jahrhunderten ausgereiften Handwerkszeugs gestellt hatten und dabei einen Grossteil der lesenden Bevölkerung an ihrer Seite wussten, waren bisherige Reformbestrebungen mehrfach gescheitert.

Im Vorfeld der Reform von 1996 stand nach diesen Erfahrungen fest, wie vorzugehen war: Man musste die Schüler als Geiseln nehmen, um dann mit dem unwiderstehlichen Argument «Unsere Kinder schreiben schon reformiert» den Dingen ihren Lauf zu lassen. Dazu genügte es, eine Handvoll Ministerialbeamte zu gewinnen. Die flankierende Propaganda arbeitete mit dem bewährten Mittel: Falsche Behauptungen aufstellen und wiederholen, bis sie geglaubt werden. Das beste Beispiel: «Die bisherigen Rechtschreibregeln werden von 212 Duden-Regeln auf 112 verringert, die Komma-Regeln von 52 auf 9.» Die Duden-Richtlinien lassen sich zwar nicht mit dem Erlass der Kultusminister vergleichen, aber die Rechnung stimmt auch so nicht. Die Neuregelung ist umfangreicher als die entsprechenden 171 (nicht 212) Duden-Richtlinien, und die neue Kommaregelung umfasst wie die alte zehn DIN-A4-Seiten. Nur die neue Numerierung der Paragrafen täuscht eine verminderte Regelzahl vor. Dazu schrieb die Dudenredaktion in einer internen Anweisung: «Die inhaltlich falsche, aber politisch wirksame Formel ‹aus 212 mach 112› muss auch im Duden ihren angemessenen Ausdruck finden.»

Diese Propaganda setzte sich auch nach der handstreichartigen Einführung der Reform fort. So behaupteten die Reformbetreiber, die Reform habe «nachweislich deutliche Erleichterungen gebracht». Einen solchen Nachweis gibt es nicht und kann es nicht geben. Das «Mogeldiktat», mit dem 1997 bewiesen werden sollte, dass Schüler nach der Neuregelung weniger Fehler machen würden, erwähnen wohlweislich selbst Reformbefürworter nicht mehr, derart indiskutabel wurde dabei methodisch vorgegangen. Allzu bekannt ist dagegen die stete Abnahme der Rechtschreibleistungen deutschsprachiger Schüler sowie ein orthografisches Durcheinander in Druckmedien. Dass die Reform durch ihren ­Inhalt und durch die angerichtete Verwirrung ihren Anteil dazu beigetragen hat, ist nachgewiesen.

Die Reformbetreiber schieben den Kritikern die Schuld zu: Durch die von ihnen erzwungenen Revisionen sei die heutige Verunsicherung entstanden. Dagegen genügt der Hinweis, dass die Reformer zugleich mit der Reform einen Sammelband mit dem erstaunlichen Titel «Zur Neuregelung der deutschen Ortho­graphie. Begründung und Kritik (!)» herausbrachten. Darin artikulierten sie ihre Unzufriedenheit mit dem eigenen Werk und versäumten auch nicht, die Verantwortung für verschiedene Mängel den jeweiligen Kollegen zuzuweisen. Dass die Reformgegner noch vieles andere mit Recht kritisierten, bestätigten die von Deutschland, Österreich und der Schweiz mit der Umsetzung der Neuregelung betrauten Gremien1 durch zahllose Rückbaumassnahmen. Nur: Diese Korrekturen und Reparaturen wurden niemals als solche benannt. Stattdessen sprechen die Reformer von «Präzisierungen», «Anpassungen», «Arrondierungen» oder dem «Glätten von Unebenheiten».

Viele Menschen glaubten, die Reformschreibung sei für jeden Bürger verbindlich, darunter auch etliche mit erheblichem öffentlichem Einfluss. Der Allgemeine Deutsche Automobilclub begründete die Umstellung seiner Mitgliederzeitschrift – bis 2019 mit einer Auflage von über 13 Millionen Exemplaren auflagenstärkste Zeitschrift Europas – damit, dass laut Bundesverfassungsgericht «die neue Rechtschreibung Pflicht und die bisherige Schreibweise nicht mehr zulässig sei». Das stellt den Inhalt des Urteils auf den Kopf, das zwar die Einführung der neuen Rechtschreibung an Schulen nicht beanstandete, aber unmissverständlich schrieb: «Personen ausserhalb des Schulbereichs sind rechtlich an die neuen Regeln nicht gebunden; sie sind vielmehr frei, wie bisher zu schreiben.» Einen ähnlichen Putativgehorsam zeigten das «Deutsche Ärzteblatt», «Bild der Wissenschaft», «DIE WELT», «Geo» und viele andere. Noch bemerkenswerter als der sachliche Irrtum ist seine Voraussetzung: dass der Staat überhaupt befugt sein könnte, in die Sprache der ganzen Gesellschaft einzugreifen.

Die FAZ widersetzte sich jahrelang, bis sie nach entsprechender Bearbeitung durch den Vorsitzenden…

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