Wie man die Armen nicht zu Opfern macht
Gut gemeinte Entwicklungspolitik scheitert oft, weil sie die Handlungsfähigkeit, das Wissen und die informellen Institutionen der Armen verkennt. Es ist an der Zeit, die natürlichste Allianz neu zu begründen: jene zwischen Kapitalismus und den Armen.
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Vor etwa zwanzig Jahren führte ich als Anthropologiestudentin eine kleine Untersuchung durch. Ich wollte wissen, wie Viertklässler in der Grundschule sich Arme und Reiche vorstellen. Die Aufgabe war einfach: Die Kinder sollten zeichnen, wie sie sich eine arme und eine reiche Person vorstellten. Die Ergebnisse waren frappierend. Die Gesichter der Armen strahlten echte Güte aus, mit warmen, aber traurigen oder tränenreichen Augen. Ihre Kleidung war schlicht, oft geflickt. Die Gesichter der Reichen dagegen wirkten durch und durch böse, mit kalten, hinterhältigen Blicken. Ihr Äusseres trug alle sichtbaren Zeichen des Wohlstands: schwere goldene Ketten, teure Anzüge, grosse Diamantringe. Lange bevor die Kinder Geld, Märkte oder Arbeit verstanden, hatten sie bereits ein Muster gelernt: Armut steht für Güte, Reichtum für Misstrauen.
Als ich diese Untersuchung Anfang der 2000er-Jahre durchführte, erholte sich Serbien gerade vom Regime Slobodan Milosevics und seiner sozialistischen Vergangenheit. Das Land rang darum, liberale Märkte und demokratische Institutionen aufzubauen. Die damals verbreiteten Vorstellungen, die auch an Kinder weitergegeben wurden, waren noch tief in einer sozialistischen Doktrin verhaftet, die Reichtum verachtete und den Reichen misstraute, während sie mit den Armen sympathisierte. Als ich später in die Schweiz zog, erwartete ich eine andere Haltung – eine Gesellschaft, in der Reichtum nicht verachtet, sondern geschätzt wird. Ich irrte mich. Auch hier werden Reiche von weiten Teilen der Bevölkerung ähnlich wahrgenommen. Der Unterschied liegt woanders: Während sich in Serbien kaum jemand für die Armen interessiert, abgesehen vom staatlich propagierten Fürsorgesystem, sind die Armen in der Schweiz selbst zum Projekt geworden. Sie gelten als Schutzbefohlene, um die man sich kümmern muss, die man für ihr Unglück kompensiert oder denen man beibringt, wie sie ihr Leben besser zu führen hätten.
«Während sich in Serbien kaum jemand für die Armen interessiert, abgesehen vom staatlich propagierten Fürsorgesystem, sind die Armen in der Schweiz selbst zum Projekt geworden. Sie gelten als Schutzbefohlene, um die man sich kümmern muss, die man für ihr Unglück kompensiert oder denen man beibringt, wie sie ihr Leben besser zu führen hätten.»
Zwei verbreitete, aber falsche Überzeugungen
Warum gilt der Kapitalismus, obwohl er nachweislich Lebenserwartung, Lebensbedingungen und den Wohlstand ganzer Nationen weltweit verbessert hat, nicht als natürlicher Verbündeter der Armen? Warum werden Märkte als Instrumente ihrer Knechtung wahrgenommen und nicht als Mittel ihrer Befreiung?
Das Kernproblem liegt in zwei weitverbreiteten Überzeugungen, die sich ebenso fest in den Köpfen von Viertklässlern wie von Erwachsenen eingegraben haben. Die erste lautet, der Kapitalismus verachte die Armen. Die zweite, die Armen müssten sich verändern, um in eine kapitalistische Ordnung zu passen. Beide Annahmen sind falsch. Und beide blicken von oben auf die Armen herab. Sie finden ihren Ausdruck in zwei scheinbar konsensfähigen Projekten: Entweder sollen die Armen vor den Übeln des Kapitalismus geschützt werden, oder man will ihnen beibringen, wie sie sich an die kapitalistische Wirtschaft anzupassen haben.
Im Folgenden konzentriere ich mich auf die zweite Gruppe von Projekten, wie sie vor allem von globalen Programmen der Entwicklungszusammenarbeit gefördert wird. Sie versuchen, die Armen neu zu erfinden, indem sie ihnen zahllose Ratschläge geben, wie sie das, was sie bereits tun, ausweiten oder wertschöpfender gestalten könnten, um besser in die kapitalistische Ordnung zu passen. In den meisten Fällen zeugen diese Programme von einem frappierenden Mangel an Wissen über die Armen selbst. Das erklärt, warum sie so oft im grossen Stil scheitern.
Die Bedeutung einer langfristigen Perspektive
Aus meiner langjährigen Forschungserfahrung mit Armen, die an Programmen der Entwicklungszusammenarbeit teilnehmen, lassen sich einige zentrale Einsichten festhalten:
Erstens: Arme können Kapital bilden. Sie wissen, wie das geht. Was ihnen jedoch oft fehlt, ist eine langfristige Perspektive, die es ihnen ermöglicht, ihr Leben oder ihre Geschäfte auch durch wiederkehrende Krisen hindurch zu tragen. Fehlt diese Perspektive, werden abrupte, mitunter unerwartete Kurswechsel wahrscheinlicher. Orte oder bestehende Tätigkeiten werden aufgegeben, Kontinuität – die für jeden Fortschritt entscheidend ist – geht verloren. Die wichtigste Frage lautet daher nicht, ob Arme wirtschaftlich handeln können, sondern wie sie eine langfristige Perspektive aufbauen und aufrechterhalten können.
«Arme können Kapital bilden. Was ihnen jedoch oft fehlt, ist eine langfristige Perspektive, die es ihnen ermöglicht, ihr Leben oder ihre Geschäfte auch durch wiederkehrende Krisen hindurch zu tragen.»
Zweitens: Arme, die kleine Geschäfte betreiben, sind in der Regel Überlebensunternehmer. Entwicklungsprojekte verwechseln ihre Widerstandsfähigkeit jedoch häufig mit Unternehmergeist. Dass Menschen Widrigkeiten geschickt meistern, macht sie noch nicht zu Unternehmern im eigentlichen Sinn. Sie handeln aus Notwendigkeit, bis sich eine bessere Gelegenheit bietet – meist in Form von Migration in wohlhabendere Städte oder in westliche Länder. Der Versuch, diese Menschen in Unternehmer zu verwandeln, führt daher meist zum Scheitern.
Drittens: Informelle Netzwerke und kulturell geprägte Formen des Handelns, auch im Geschäftlichen, sind essenziell als Systeme der Unterstützung sowie des Wissens- und Informationsaustauschs. Für viele Arme sind sie das einzige tragfähige System, da sie von formellen Netzwerken und institutioneller Hilfe ausgeschlossen sind. Reformerische Projekte betrachten genau diese informellen Netzwerke und Praktiken jedoch oft als korrupt oder schädlich. Die Eingliederung in formelle institutionelle Strukturen gilt als einzig gangbarer Weg. Selten wird bedacht, dass eine rigide Umsetzung solcher Reformen einen enormen Verlust an Wissen und Erfindungsreichtum bedeuten kann. Gerade die Bewahrung dieser Ressourcen könnte neue Kapitalbildung und Innovationen ermöglichen. Es braucht mehr Toleranz gegenüber informellen Netzwerken und gewachsenen Praktiken der Armen – und eine bessere Abstimmung mit formellen Institutionen.
Viertens: Arme wissen, wohin sie wollen und was sie anstreben. Sie verfügen über eigene Handlungsfähigkeit. In vielen Projekten, die ihr Wohlbefinden fördern sollen, wird diese jedoch nicht anerkannt – meist deshalb, weil sie nicht zur Vision passt, die andere für sie entworfen haben.
«In vielen Projekten, die ihr Wohlbefinden fördern sollen, wird diese jedoch nicht anerkannt – meist deshalb, weil sie nicht zur Vision passt, die andere für sie entworfen haben.»
Würde und Handlungsfähigkeit
Der Kapitalismus ist nie deshalb erfolgreich gewesen, weil man Menschen gesagt hätte, was sie zu tun haben, sondern weil er ihnen ermöglicht hat, es zu versuchen und ihr Leben nach eigenen Vorstellungen zu gestalten. Statt die Armen verändern zu wollen und ihnen beizubringen, wie sie „mehr Wert aus ihrem Leben schöpfen“ sollen, wäre es weit wichtiger, die täglichen Beschränkungen zu beseitigen, mit denen sie konfrontiert sind.
Diese Beschränkungen abzubauen ist die wichtigste und zugleich edelste Aufgabe eines globalen Kapitalismus. Wer den Armen helfen will, sollte identifizieren, wo diese Hindernisse liegen, und im konkreten Einzelfall dazu beitragen, sie zu überwinden. Bevormundung und gut gemeintes Verhätscheln helfen den Armen nicht weiter. Der Abbau von Zwängen hingegen schon.
Darin liegt die Chance, die natürlichste Allianz neu zu begründen – jene zwischen Kapitalismus und den Armen. Im Kern beruht sie auf der Anerkennung ihrer individuellen Würde und ihrer Handlungsfähigkeit.