Wie man am sichersten nicht auf den Mond fliegt

Meine ersten Erfahrungen mit Marktwirtschaft und Kapitalismus habe ich während meiner Studienzeit gemacht. Damals wohnte ich in einer kleinen Studenten-WG zusammen mit Frank Pahl. Frank studierte Medizin, hatte schon mit Mitte 20 graues Haar und besass überhaupt für sein Alter ein äusserst reifes, seriöses Auftreten, weshalb er von allen nur «Herr Pahl» genannt wurde. Sein […]

Wie man am sichersten nicht auf den Mond fliegt
Vince Ebert, photographiert von Michael Zargarinejad.

Meine ersten Erfahrungen mit Marktwirtschaft und Kapitalismus habe ich während meiner Studienzeit gemacht. Damals wohnte ich in einer kleinen Studenten-WG zusammen mit Frank Pahl. Frank studierte Medizin, hatte schon mit Mitte 20 graues Haar und besass überhaupt für sein Alter ein äusserst reifes, seriöses Auftreten, weshalb er von allen nur «Herr Pahl» genannt wurde. Sein Studium finanzierte er sich im wesentlichen, indem er Porsche-Bremsscheiben über Kleinanzeigen in Automagazinen verkaufte. Ursprünglich kam Herr Pahl aus Stuttgart und arbeitete schon während seiner Schulferien regelmässig bei dem Zuffenhausener Konzern am Band. Dort lernte er zufällig den Bremsscheibenzulieferer des Sportwagenherstellers kennen und beschloss fortan, einen kleinen, privaten Vertrieb von exklusiven Kfz-Teilen aufzubauen.

So ergab es sich, dass neben uns zweien noch drei Tonnen Bremsscheiben in unserer bescheidenen, 50 Quadratmeter grossen Behausung lagerten. Bis an die Decke stapelten sich die chromglitzernden, innenbelüfteten Monsterdinger. Ab und an, wenn Herr Pahl wieder ein «Schnäppchen» gemacht hatte, lag ein riesiger Seitenschweller oder ein überdimensionierter Heckflügel in unserer Badewanne. «Der ist praktisch schon verkauft. In zwei, drei Tagen können wir das Bad wieder benutzen», beschwichtigte mein Mitbewohner mich dann immer.

War Herr Pahl auf «Kundenterminen», musste ich als menschlicher Anrufbeantworter den Telefondienst übernehmen. Internet und E-Mail gab es noch nicht, und so klingelte bei uns pausenlos das Telefon. Kein Wunder, denn Herr Pahl hatte keine Lager- und Personalkosten und konnte die Bremsscheiben 20 Prozent unter dem Marktpreis anbieten. Sportwagenfahrer aus ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz riefen bei uns an und gingen selbstverständlich davon aus, dass sie einen professionellen Händler an der Strippe hatten und keine Studenten-WG, deren Geschäftsführer ein durchgeknallter Medizinstudent war. Das Geschäft florierte, und innerhalb von kurzer Zeit baute sich Herr Pahl einen festen Kundenstamm auf. Eines Tages nahm er mich jedoch beiseite und sagte so beiläufig wie möglich: «Wenn in nächster Zeit jemand anruft, den du nicht kennst, sag bitte, ich wäre nicht da, und du wüsstest nicht, wo ich in den nächsten Tagen zu erreichen bin…» Dann verschwand er.

Ich für meinen Teil malte mir panisch aus, wie zwei Herren mit dunklen Sonnenbrillen vor der Tür stehen und mir erst mal den kleinen Finger brechen würden, bevor ich einwenden könnte, dass ich gar nicht Herr Pahl sei und auch sonst von nichts, von rein gar nichts wüsste.

So weit kam es zum Glück nicht. Wahrscheinlich auch deswegen, weil Frank, als er nach ein paar Tagen wieder auftauchte, aus unerfindlichen Gründen das Bremsscheibenbusiness verliess, um sich künftig dem Vertrieb von Beluga-Kaviar zu widmen, den er in der Weihnachtszeit «Von Studenten für Studenten» am schwarzen Brett der Mensa anbot. Aber das ist eine andere Geschichte…

Frank «Porsche» Pahl ging sein Leben unorthodox, furchtlos und stets chaotisch an. Seine Familie hatte wenig Geld und konnte ihn deshalb nicht bei der Finanzierung seines Studiums unterstützen. Also wurde er kreativ und nahm jede Möglichkeit wahr, selbst Geld für seine Ausbildung zu verdienen. Bot sich eine gute Gelegenheit, nutzte er sie. Er wollte aus eigener Kraft sein Studium erfolgreich abschliessen. Um dieses Ziel zu erreichen, war er extrem flexibel und anpassungsfähig. Er plante nicht viel, sondern machte! Und er hatte kein Problem damit, kleinere, mitunter abstruse Geschäftsideen zu entwickeln, sie wieder über den Haufen zu werfen und danach neue Chancen zu ergreifen, um seinem Ziel näherzukommen. «Übertriebene Planung ersetzt nur den Zufall durch den Irrtum», sagte er einmal zu mir. Erst später erfuhr ich, dass er diesen Spruch von Albert Einstein geklaut hatte.

Ich gebe zu: Damals habe ich Frank ein wenig belächelt, mein Leben verlief so ganz anders als seins. Ich schaute nicht nach links und rechts, studierte schnell und effizient, wollte zielstrebig in der Wirtschaft Karriere machen…