Wie können Schriftsteller kommunizieren?

Seit Jahrzehnten herrscht, mindestens noch im anspruchsvollen Teil der Schweizer Literaturszene, viel Ratlosigkeit und zunehmend die Idylle. Eine Erschöpfung bis hin zum Vorwurf der Kulturlosigkeit macht sich breit, eine Abwanderung der Leserschaft, die, ganz wie im ­Detailhandel auch, im Ausland sucht, was das Inland nicht bietet. Wie dagegen anschreiben?

Wie können Schriftsteller kommunizieren?

Ezra Pound hat es für James Joyce getan, Thomas Hürlimann soeben für seinen Freund Botho Strauss. Niemand aber kommt Adolf Muschg zu Hilfe, der als «Schweizer International-Dichter» hingerichtet und derart bösartig missverstanden wird, dass er zur Verteidigung seines Löwensterns selbst zur Feder greifen muss.

Kaum ein Schriftsteller hat ein Interesse daran, einem anderen zu helfen. Stattdessen sprechen viele von ihnen gern über tote Vorgänger, um den eigenen Ruhm zu mehren. Über den Nachwuchs äussern sie sich selten und höchst zögerlich, geht es doch immer nur um das eigene Werk, die eigene Bedeutung, den eigenen Erfolg.

Die Kritiker haben einen anderen inneren Kompass, eigene, in vielen Jahren gebildete Prioritäten und sehen sich nicht ungern bezeichnet als «Literaturpäpste», Grosskritiker oder erhabene Verwalter ihrer eigenen Vorstellungen von Literatur. Nicht selten kommt es unter ihnen zu Hahnenkämpfen, wo man sich gegenseitig der Nachlässigkeit oder, schlimmer noch, der Fahrlässigkeit bezichtigt. Dies gilt aber nur für die höchste Anspruchsstufe der Kritik, während man darunter nach allen Seiten schielt, um mit der eigenen Meinung nicht den Anschluss an die der anderen Kollegen zu verlieren.

Wer als Autor von den Medien geliebt wird, wie derzeit Sibylle Berg mit ihrem Toto, der sie erst ganz zur Schriftstellerin gemacht hat, wo sie doch zuvor literarisch nur auf allen Hochzeiten tanzte, darf jenen auf harter Arbeit beruhenden «Sieg des Zufalls» für sich in Anspruch nehmen, den schon mancher beklagte oder sich daran erfreute. Die Berg, aus Weimar stammend und in Zürich lebend, eine Art weiblicher Voltaire im Kleinformat, von der Müdigkeit des sterbenden europäischen Intellekts umfangen, hat mit ihrem Toto aus Vielen Dank für das Leben eine Figur geschaffen, die als Gegenpol zu Voltaires Candide kein schlechtes Bild abgibt. Sie ist ein Einzelfall im helvetischen Literaturbetrieb. Sibylle Berg ist es gelungen, sich im und für diesen zu inszenieren. Ihr Erfolg ist kein Zufall, sondern geschickte Arbeit im Spannungsfeld eines Literaturmarktes, der sich inmitten der widerstreitenden Interessen von Schriftstellern, Verlegern, Kritikern und Buchhändlern bewegt. Nicht jeder Autor muss so geschickt wie die Berg sein. Allerdings sollte sich tatsächlich jeder Autor die Frage stellen, wie er angesichts solcher Abhängigkeiten in einer Gegenwart grösster Veränderungen kraftvoll kommunizieren soll, um nicht übersehen, überhört, ungelesen zu bleiben. Denn nur so können die hiesigen Schriftsteller wieder an Qualität und Erfolg ihrer Konkurrenz auf dem Weltmarkt anschliessen.

Die Globalisierung der Literatur

Die Globalisierung, bisher dem westlichen Schriftsteller zum Vorteil, der von seinen Armeen während 500 Jahren ebenso um den Globus getragen wurde wie es die religiösen Katechismen und menschlichen Krankheiten sieghaft erlebten, hat nun eine Umkehrbewegung ausgelöst, die den europäischen Schriftsteller in die Defensive bringt, ist dieses Europa doch zur Weltprovinz verkommen – und die Schweizer Literatur führt selbst darin ein eher kümmerliches Dasein.

Von einem lebendigen literarischen Biotop, einer echten «Szene» zu sprechen, klingt deshalb ziemlich verwegen. Pro Helvetia, deren einstiger Direktor Pius Knüsel sogar einen Überdruss an zu viel geförderter Kultur verlauten liess, bleibt nur als staatliche Förderinstitution in Erinnerung, die das Bild der Schweiz in den intellektuellen Teilen der Weltöffentlichkeit gegen die Pockenkrankheit des eigenen Finanzplatzes unzulänglich zu schützen sucht. Immerhin, könnte man meinen, reicht es zu einer aus Steuermitteln subventionierten Weltläufigkeit. Auch der Einzug ins Schweizerische Literaturarchiv, wo über 200 Nachlässe von Schweizer Schriftstellern der Analyse harren, erfolgt meist spät und hat oft mehr die Funktion einer Ehrenversicherung, die den einkommensschwachen
Literaten etwas Sicherheit im beginnenden Alter bietet. Die Neuzugänge aus den Reihen der Gegenwartsschriftsteller dürften indes allzu zahlreich nicht sein.

In Zeiten tumultartiger Veränderungen ist die Schweiz nämlich nicht mehr der Ort, von woher Welterklärungen erwartet werden, viel eher aber aus dem benachbarten Österreich oder von der Technischen Hochschule Karlsruhe,…

«Jeden Monat frische Denküberraschungen! Eine gehaltvolle und elegant gestaltete Zeitschrift.»
Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
über den «Schweizer Monat»