Wie haltet ihr’s mit dem Konservatismus?

Diese Frage stellen sich Liberale in Europa und den USA aktuell wieder vermehrt – die politische Realität zwingt sie dazu. Aber: eine Antwort ist nicht möglich, ohne zu eruieren, was Konservatismus überhaupt ist. Eine Untersuchung.

Wie haltet ihr’s mit dem Konservatismus?
Francis Cheneval, zvg.

Friedrich von Hayek bezeichnete den Konservatismus in seinem Buch «Die Verfassung der Freiheit» (1960) als legitime, wahrscheinlich notwendige und sicher weit verbreitete Oppositionshaltung gegenüber Veränderung. Diese und ähnliche Begriffsbestimmungen anderer Autoren mündeten beim amerikanischen Politikwissenschafter Samuel Huntington schon 1957 in die Kernaussage, der Konservatismus sei eine «positionsabhängige Ideologie» des Status quo. Damit ist gemeint, dass Konservative ihren jeweiligen politischen und gesellschaftlichen Zustand bevorzugen. Das wiederum bedeutet, dass der Konservatismus abgesehen von der Bejahung des Bestehenden eine Lehre ohne Zwecke ist. Wenn die gesellschaftliche Entwicklung also in die «falsche» Richtung läuft, hat der Konservatismus kein alternatives Ziel zu bieten. Er mahnt nur zum Innehalten oder Bremsen. So jedenfalls sah es Hayek – und er sagte dem Konservatismus deshalb im Namen der Freiheit den Kampf an. Denn es kommt Liberalen nicht nur auf die Geschwindigkeit, sondern auch auf die Richtung der gesellschaftlichen Veränderung an – und diese sollte immer auf Freiheit hin angelegt sein. In diesem emanzipatorischen Unterfangen ist der Konservatismus für den Liberalismus ein unzuverlässiger Partner. Hayek bezeichnete ihn deshalb an anderer Stelle als «politisch prinzipienlosen Opportunismus».

 

Mani Matters Uhr

Eine vollständige Bestimmung des Konservatismus scheint damit aber noch nicht gewonnen. Deshalb der Reihe nach. Die Bewahrung bestehender Verhältnisse soll gemäss Konservatismus nicht um jeden Preis geschehen, die Beweislast liegt aber auf Seiten der Veränderer – und sie ist immer grösser als gemeinhin angenommen. Konservatismus ist deshalb keine Fundamentalopposition gegen Veränderung, sondern eine Haltung, die dem Wandel eine bestimmte Qualität geben will; eine Lehre, die, wenn es die Umstände gebieten, für abgesicherte, wohl bedachte Reformen eintritt und die institutionelle Bestände nicht zugunsten idealistischer Wolkenschieberei preisgibt. Es ist ferner, wie auch Hayek konzediert, nicht der Fall, dass Konservative keine genuinen Moral- und Wertvorstellungen hätten. Sie können aber nur eine besondere, keine allgemeine Geltung beanspruchen. Darin liegt gerade der Ehrenpunkt konservativer Werte: Die sprichwörtliche Uhr, die der Berner Troubadour Mani Matter in seinem Lied erfunden hat und die immer nach zwei Stunden stehenbleibt, müsste nach rationalen Kriterien durch eine leistungsfähigere ersetzt werden. Aber Konservative halten Mani Matters Bildsprache entsprechend Personen, Dinge oder auch Institutionen in hohem Wert, weil sie mit ihnen durch eine besondere eigene Geschichte verbunden sind. Die partikularen Werte sind zwar als solche nicht verallgemeinerbar, aber alle können nachvollziehen, dass eine selbst erfundene Uhr für den Erfinder besonderen Wert hat und dass deshalb allen das freie Uhrenerfinden erlaubt sein soll; übrigens auch dann, wenn dabei nicht der höchste Gesamtnutzen punkto Uhrenqualität herausschaut.

Klar wird also: Damit Menschen mit unterschiedlichen partikularen Wertungen in einer politischen Gemeinschaft zusammenleben können, braucht es liberale Prinzipien. Eine allgemeine Idee der individuellen Freiheit müssen Konservative folglich ins Auge fassen, wenn sie unterschiedliche partikulare Wertungen schützen wollen. Angenommen, sie tun dies, worin besteht dann noch der Unterschied zum Liberalismus? Auch bei freiheitsliebenden Konservativen obsiegt schliesslich die Einsicht, dass radikale Umwälzungen im Namen abstrakter Ideen meist nur Unordnung produzieren und hinter den Zustand zurückfallen, den sie überwinden. Diese kontraproduktive Logik gilt in den Augen der Konservativen auch für Massnahmen im Namen der Freiheit. Die aus «liberaler» Motivation unterstützten Kriege und Revolutionen im arabischen Raum etwa, die statt Freiheit vornehmlich Gewalt, Chaos und Unterdrückung gebracht haben, sind ein Schulbeispiel, das diese konservative Haltung bestätigt. Kriegerische Gewalt, eine über Nacht eingesetzte revolutionäre Regierung oder rationalistisches politisches Engineering vermögen in den seltensten Fällen tragfähige Institutionen zu schaffen. Eingespielte, reformistisch über eine grosse Dauer gewachsene Institutionen sind in den Augen der Konservativen auch dann wertvoll, wenn sie die Freiheit nur unvollkommen schützen. Logisch stimmige Utopien hingegen sind auch dann noch wertlos, wenn sie Vollkommenheit versprechen.

Hayek weiss den Sinn konservativer Autoren für historisch gewachsene Ordnungen durchaus zu würdigen, aber diese Haltung…