Wie die Amerikaner auf Kosten anderer leben

Barack Obama ist das Gesicht eines neuen, fairen Amerika. Glauben jedenfalls blauäugige Europäer. Falsch. Die USA sind daran, die Kosten der aktuellen Finanzkrise zu sozialisieren wie schon oft in der jüngeren Geschichte.

Der Aufbau des weltweiten Finanz- und Wirtschaftssystems führt dazu, dass die USA mehr konsumieren und ausgeben können, als sie verdienen. Über globale Finanzkrisen werden dann die Kosten periodisch sozialisiert. Ob das System gut funktioniert oder nicht, ist vor allem eine Frage der Perspektive. Es wird jedenfalls kaum in Frage gestellt – nicht einmal in Krisenzeiten.

Dabei hätten die Amerikaner selbst wohl Mühe, in einem solchen asymmetrischen System zu leben, wenn nicht sie es wären, die den Ton angeben. Wir erinnern uns aus dem Geschichtsunterricht an den Aufstand der Amerikaner gegen die Briten: Die Verdoppelung der drückenden Schuldenlast der britischen Krone auf nahezu 132 Millionen Pfund nach dem Franzosen- und Indianerkrieg (1754–1763) bzw. dem Siebenjährigen Krieg (1756–1763) veranlasste das Mutterland Grossbritannien, die Einkünfte aus Nordamerika zu erhöhen. Die Krone sah es als legitim an, die Kolonien an den Kosten für die Stationierung der Truppen zum Schutz der Siedler in Nordamerika zu beteiligen. Die weitreichende Verzollung des Konsums in den Kolonien stellte eine substantielle Einnahmequelle dar. Am 16. Dezember 1773 drangen Bostoner Bürger, verkleidet als Indianer, in den Hafen ihrer Stadt ein und warfen die Teeladungen dreier vor Anker liegender Schiffe der englischen Ostindischen Kompanie ins Wasser. Dieser Akt zivilen Ungehorsams markiert den Beginn der amerikanischen Revolution und die fiskalische Abnabelung vom Mutterland. Die «Neuengländer» waren nicht mehr bereit, die kostspielige Kriegspolitik Grossbritanniens auf dem Weg zu Ruhm, Macht und Weltherrschaft mitzufinanzieren.

Zurück zur Gegenwart: wir pflegen gemeinhin das positive Bild vom liberalen Amerika. So sehr Positivprädikate auf gesellschaftliche Bereiche zutreffen mögen, so irreführend sind sie, wenn es darum geht, die Ursachen der gegenwärtigen Finanzkrise auszuloten. Die im 20. Jahrhundert vollzogene Liberalisierung des Welthandels führte die Nationen dazu, ihre Märkte zu öffnen, um durch Handel ihren Wohlstand zu mehren. Während sich dabei die Produktivität vieler Volkswirtschaften erhöhte, verbuchten die USA Jahr für Jahr ein Leistungsbilanzdefizit, was unter anderem bedeutet, dass sie mehr importierten als exportierten. Der dadurch bedingte Überhang an Dollars im Ausland hätte eigentlich zu einer ausgeprägteren Abwertung der Währung führen müssen, die jedoch dank der Funktion des Dollars als Reservewährung, der Attraktivität und Aufnahmefähigkeit der amerikanischen Wirtschaft für Investitionen und der Liquidität des amerikanischen Finanzsystems abgemildert wurde.

Die anfallenden ausländischen Dollarguthaben wurden nicht oder nur teilweise in die jeweiligen nationalen Währungen repatriiert; der Rest wurde als Reserve gehalten und entsprechend sowohl zinstragend wie liquide angelegt. Die Finanzierung des amerikanischen Leistungsbilanzdefizits erfolgte so durch Wertpapierkäufe ausländischer Zentralbanken und Investoren, durch ausländische Direktinvestitionen, durch ausländische Kredite an amerikanische Kreditnehmer, sowie in Form von Barguthaben und Geldmarktanlagen von Zentral- und Geschäftsbanken.

Wie nahm diese Politik ihren Anfang? Die kostenintensive Kriegswirtschaft am Vorabend des Ersten Weltkriegs setzte dem auf Preisstabilität ausgerichteten, wenn auch nicht perfekten System des Goldstandards ein abruptes Ende und leitete gleichzeitig das neue Zeitalter des Papiergeldes ein. Die meisten europäischen Staaten waren nach dem Ersten Weltkrieg aufgrund ihrer negativen Leistungsbilanz auf Kapitalimporte aus den USA angewiesen. Deutschland wurde zum grössten Nettoschuldner der Welt und musste zum Bedienen der Reparationszahlungen Kredite in den USA aufnehmen. Die Reparationszahlungen wiederum wurden von Frankreich und Grossbritannien zum Tilgen eigener Kriegsschulden an die USA weitergeleitet. In dieser Form kamen die Deutschland gewährten Kredite samt Zinsen der europäischen Siegermächte nach Amerika zurück. Hohe Goldreserven der USA ermöglichten eine grosszügige Kreditvergabe an europäische Länder zur Finanzierung von Investitionsvorhaben. Mit der Gründung des amerikanischen Zentralbank-systems (Federal Reserve System) 1913, dem Dollar-Recycling in Europa und einer Politik hoher Zinsen stellten die USA die Weichen für ihre ökonomische Vormachtstellung.

Die Ereignisse von 1929 und die Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre führten zum Ende dieses Systems. Kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde 1944 unter dem Namen «Bretton Woods», mit Blick…

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
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