Wie der Nationalfonds Max Frisch entlarvt

Publikationen aus Bern haben es in sich. Da wäre zum Beispiel das Forschungsmagazin «Horizonte», das vom Schweizerischen Nationalfonds herausgegeben wird und mit einem Skandal aufwartete: Der «Schweizer Nationaldichter» wird des kolonialistischen Denkens überführt (Dezember 2011, Nr. 91, S. 22 f.). Wenn der Schweizerische Nationalfonds könnte, so würde er wohl gerne die schweizerischen «Nationaldichter» ernennen. Da […]

Publikationen aus Bern haben es in sich. Da wäre zum Beispiel das Forschungsmagazin «Horizonte», das vom Schweizerischen Nationalfonds herausgegeben wird und mit einem Skandal aufwartete: Der «Schweizer Nationaldichter» wird des kolonialistischen Denkens überführt (Dezember 2011, Nr. 91, S. 22 f.).

Wenn der Schweizerische Nationalfonds könnte, so würde er wohl gerne die schweizerischen «Nationaldichter» ernennen. Da er aber nur Subventionen zu Zwecken der Forschung vergibt, hält er sich vornehm zurück. An seiner statt lässt er dies durch seine Forscher tun. Im besagten Text heisst es, dass nach Jeremias Gotthelf, Gottfried Keller und Friedrich Dürrenmatt nun Max Frisch im Jubiläumsjahr neu als «Nationaldichter» inthronisiert wurde – womit der Text ihn natürlich selbst inthronisiert hat. «Nationaldichter» – was ist denn das? Die Auswahl des Nationalfonds scheint etwas einseitig, es werden da nur deutschsprachige Nationaldichter genannt. Die andern Landesteile sind quantité négligeable und haben bestenfalls Regionaldichter vorzuweisen, die aber eben nicht unter das Förderprogramm des Nationalfonds fallen.

Wenn der Nationalfonds indirekt «inthronisiert», so dürfte er kaum uneigennützige Zwecke verfolgen. Je höher der Sockel, desto tiefer der Sturz und desto lauter der Aufprall: Will der Nationalfonds die exorbitanten Resultate seiner Forscher noch grösser machen, indem er Frisch erhöht, so dass die Forschungsleistung in noch grellerem Licht aufscheint? Und nebenbei fällt auch etwas für die Institution ab, die derart grossartige Forschung ermöglicht?

Der Nationalfonds verlangt in seinen Forschungsgesuchen die Darlegung der «Methoden, mit denen die Forschungsziele erreicht werden sollen». In den Augen des Nationalfonds ist «die» Methode wie eine Mechanik, die zwingend zum geforderten Forschungserfolg führt. Nun geht es also darum, wissenschaftlich formuliert, eine «kritischere Auseinandersetzung» mit dem Grossschriftsteller zu führen. Welcher Methode befleissigt sich eine sprachwissenschaftliche Arbeit? Das ist das Einfachste der Welt, dafür stehen seit etlichen Jahren einige französische Philosophen wie Derrida, Foucault usw. Pate: Es sind die dekonstruktivistischen und postkolonialistischen Methoden, die eine neue Deutung von Frisch erlauben. Dabei wird sich, wie es heisst, zwingend zeigen, dass «Frischs Texte (…) oftmals hinter die Kritik zurück(fallen), die sie formulieren». Kurz und gut, Kritiker Frisch wird dekonstruiert, und der Nationalfonds übernimmt die Aufgabe der geistigen Landesverteidigung, die sie zu Frischs Zeit nicht mehr erfüllte. Jetzt wird Frischs Kritik an der Schweiz endlich gerächt.

Damit der Sturz auch wirklich weh tut, legt die Frisch-kritische Forschung die härteste Messlatte an den Grossmeister. Sie bemüht nicht nur die inzwischen etwas abgegriffene Genderforschung, sondern sie deckt den «abwertenden Blick auf aussereuropäische Kulturen» auf, der sich klar in der Schilderung einer Tanzszene in einem Jazzlokal äussert. Über den «Nationaldichter» wird der Rassismusverdacht verhängt, ohne dass das Wort jemals fällt. Und zur Bestätigung wird der andere Grossschriftsteller, nämlich Dürrenmatt, bemüht, der zu Frischs Amerikaberichten gesagt haben soll, das sei «billiges Kino». Jetzt liegt Frisch am postkolonialen Boden, völlig dekonstruiert.

Um jeden Verdacht des Sockelsturzes von sich zu weisen, lässt der Nationalfonds sagen, mit dieser Forschung wolle man Frisch «nicht vom Sockel stossen». In diesem Fall hilft tatsächlich nur noch Derridas Dekonstruktion: Der Sockelsturz ist kein Sockelsturz! (in Anlehnung an Derridas «Die Konstante ist keine Konstante»). Die Schweizer Schriftsteller müssen sich ab jetzt vor der dekonstruktivistischen Gewalt des Nationalfonds fürchten. Nachdem sie von der Pro Helvetia aufgepäppelt worden sind und Erfolge verbucht haben, kommt der Nationalfonds und lässt sie wieder dekonstruieren und am postkolonialen Boden zerschellen.

Forschung ist Sensation ist Skandal ist Erfolg. Oder irgendwie so. Hauptsache Dekonstruktion. Also braucht es den Nationalfonds.

«Unverzichtbare Lektüre:
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Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
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