Widmers achter Schöpfungstag

Urs Widmer: «Valentin Lustigs Pilgerreise. Bericht eines Spaziergangs durch 33 seiner Gemälde. Mit Briefen des Malers an den Verfasser». Zürich: Diogenes, 2008. Valentin Lustig, hat sich da ein Urs Widmer einfallen lassen, heisse der Malermeister, und am Ende des Buchs gibt’s sogar ein Foto von ihm, zusammen mit dem Dichter, als ob es ihn gäbe. […]

Urs Widmer: «Valentin Lustigs Pilgerreise. Bericht eines Spaziergangs durch 33

seiner Gemälde. Mit Briefen des Malers an den Verfasser». Zürich: Diogenes, 2008.

Valentin Lustig, hat sich da ein Urs Widmer einfallen lassen, heisse der Malermeister, und am Ende des Buchs gibt’s sogar ein Foto von ihm, zusammen mit dem Dichter, als ob es ihn gäbe. Geschenkt; solche Fakes schafft heute doch jeder. Immerhin, von irgendjemand stammen diese arg dem Naiven zuzuckenden Bilder. 33 sind es, eine Schnapszahl natürlich. Ausserdem soll der Maler in albtraumlosen Momenten Briefe geschrieben haben an den Verfasser. Glaub’s, wer will. Die Verantwortung und regelrechte Verfasserschaft übernimmt Widmer aber nur für das sturzbachhaft Wilde, das er für eine Beschreibung der Bilder gehalten haben will. Dabei wird nicht einmal klar, ob die Briefe tatsächlich nach den Bildern geschrieben sind und nicht diese nach jenen gepinselt. Aber sie gehören nun einfach weitläufig und eng zusammen und umtanzen einander mit ernstem Scherz und Schmerz. In seiner Tausendschaft grausliger Märchen beweist der Dichter Kurve um Kurve, dass alles darf, wer alles kann. Ein vergnügliches Achterbahnspazierfährtchen, teuflisch nah am Abgrund der Wirklichkeit. Es führt zu Toten und Noch-nicht-Toten, handelt von Liebe, Krieg und Frost, von Philosophen und anderen Metzgern, Dompteusen und Balletteusen, vom Älterwerden, von Ledas schwierigen Schwänen, von Höhlen, Löchern, Küssen und Juden, von Rumänien, wo dieser Lustig also herkommen soll wie einst Graf Dracula, von nackten Tanten, bunten Schnecken und schwarzen Schrecken, von Hexen und Hebammen. Nichts darf fehlen, nichts fehlt. Immer wieder Damenliebe, mit und ohne Fleischwolf, Fräulein Flora, Madonna Americana, Köchin Schönheit, Madame Lustig. Wie irre erzählt und wütet sich und mäandert und pilgert der Dichter durch alle Welten, Falten und Spalten dieser doch nicht ganz so gemütlichen Malkunst. Der Anblick der gelbfahl verlassenen Schokoladenfabrik im Val Blenio, Schweiz, evoziert gar die allerschlimmste Kinderfurcht: «Es wird nie mehr Schokolade in der Welt geben.» Aber nein, sowenig wie ein Dichter ist auch die schokoladenlose Hölle überall ganz dicht, immer wieder gelingen Fluchten ins Wunderbare und gedeiht dann zwischen Fischen und Vögeln ein jauchzend verblümtes Verwandlungsglück. Gut nur, gibt’s diesen Widmer. Jemand musste ja einmal die Arbeit Gottes fertigmachen.

vorgestellt von Thomas Sprecher, Zürich

«Eine inspirierende und
hochkarätige Lektüre
mit viel Tiefgang.»
Olivier Kessler, Direktor des Liberalen Instituts,
über den «Schweizer Monat»