Wider die Statisten der Stille

Botho Strauss macht das Schweigen betreten

Im Grenzbereich zwischen kritischer Einsicht ins Zeitgemässe und emphatischer Unzeitgemässheit entstehen mit grosser Regelmässigkeit die Bücher des Botho Strauss. Er liest seine Umgebung, versteht sich besonders auf die Lektüre menschlicher Verhaltensweisen. Seine Prosa besteht aus verbalen Bildskizzen; seine Stücke leisten sich Szenen, die nicht selten inhaltliche Zusammenhänge verweigern. In einem seiner letzten Stücke, «Unerwartete Rückkehr» (2002), teilt einer seiner beharrlich namenlosen Protagonisten eine Erfahrung mit, in der sich auch ein Prinzip der Ästhetik dieses Autors erkennen liesse: «Es gibt keine stabile Zeit. Es gibt diese plötzlichen Überblendungen zwischen einst und jetzt.»

Sie fallen in der Tat auf, diese «plötzlichen Überblendungen» – eben auch im Gedanklichen. Und jene Bücher von Botho Strauss, die nicht Roman, nicht Stück sind, sondern essayistische Gebilde, bestehend aus unterschiedlich langen (und intensiven) Denkphasen in Prosa, Bücher wie «Fragmente der Undeutlichkeit», «Beginnlosigkeit», «Die Fehler des Kopisten» und neuerdings «Der Untenstehende auf Zehenspitzen», bieten gedankliche Überblendungen. Sie reichen von hintergründigen Parodien («Denn alle Lust will Öffentlichkeit», eine Travestie von Nietzsches Mitternachtslied im «Zarathustra»: «Doch alle Lust will Ewigkeit») bis zur sprachlichen Feier gedanklicher Heteronomien («Anhänger der Gegenrevolution, der Gegenreformation, der Gegenkommunikation … Genealogie von Überträgern, die aus dem Rücken leben, aus dem Rücken vorausschauen – und sich irren wie alle anderen»).

Botho Strauss, der dadurch omnipräsent ist, dass er sich rar macht, sorgt sich um das Problem, ob es in unserer Zeit noch so etwas geben könne wie Originalität. Von ihm stammt der Satz: «Nur wo die Sprache Wort für Wort die Probe auf ihrem eigenen Tiefenschwund macht, kann sie etwas Authentisches sagen.» Und dieses «Erproben» scheint für ihn ebenso wichtig wie das Überblenden von Zeit- und Denkebenen. Wiederum in «Unerwartete Rückkehr» heisst es: «Man muss bis zum Äussersten gehen. Man muss seine Grenzen testen.» Persönlich bedeutet das für ihn, die Spannung zu leben zwischen dem ewig «ungefügten» Berlin und dem Behaustsein in der «ansehnlichen Verlorenheit» in der Uckermark, «unter dem ärmsten Himmelsstrich», wo er seine Wahlheimat gefunden hat.

Nach dem Skandalon seines Essays «Anschwellender Bocksgesang» (1993), der zahlreiche Kritiker (vorschnell, wie es sich erwies!) dazu veranlasste, Botho Strauss als ernsthaften Autor zu verabschieden, hat dieser Schriftsteller nicht aufgehört zu provozieren. Inzwischen lesen wir bei ihm, dass Denken weniger mit Mut als mit Anmut zu tun habe. Das bedeutet aber nicht, dass seine punktgenaue Zeitkritik nunmehr weniger streitbare Argumente in die Debatte werfe. Man bedenke dieses Beispiel aus seinem neuen Band: «Der Unterschied zwischen Blut und Boden seinerzeit und Blut und Sperma, wie eine zeitgenössische Belletristik sie verschwendet, besteht darin, dass sich die Ideologie damals ihrer Geschmacklosigkeit nicht bewusst war, das abgefeimte Bewusstsein heute aber die Geschmacklosigkeit selbst verherrlicht.» Waren sich die Hitleristen, so muss man fragen, tatsächlich ihrer «Geschmacklosigkeiten» nicht bewusst? Ein «überblendender» Blick in Goebbels’ Tagebücher lässt an der Antwort auf diese Frage keinen Zweifel.

So ist das eben mit Botho Strauss. Man liest seine essayistischen Elaborate, denkt zunächst: Sehr getroffen!, fragt sich dann aber doch, was diese Sätze eigentlich wollen: «Eine brutalere Zerstörung der Landschaft, als sie mit Windkrafträdern zu spicken und zu verriegeln, hat zuvor keine Phase der Industrialisierung verursacht. Es ist die Auslöschung aller Dichter-Blicke der deutschen Literatur von Hölderlin bis Bobrowski.» Gewiss; nur boten die Hochöfenanlagen in den Industrierevieren der Gründerzeit und später die Kohle- und Atomkraftwerke ja auch keine reinen Augenweiden. Wie also stellt man sich zu dergleichen Thesen?

Zu bedenken ist dieses: Strauss schreibt nicht primär als Kulturkritiker, sondern als Schriftsteller. Nahezu jede seiner Thesen könnte einer seiner Bühnenfiguren zugeordnet werden. Und tatsächlich gewinnt man bei der Lektüre seiner Aphorismen und essayistischen Textstücke den Eindruck, als seien sie einem Stück…

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Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
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