Wider die selbstgefällige Gesellschaft

Die Diskussion über soziale Mobilität müsste auch eine über geographische Mobilität sein. Denn: gesellschaftliche Unbeweglichkeit wird irgendwann auch zum sozialen Risiko. In vielen Wohlfahrtsstaaten ist sie das längst.

In seinem kürzlich erschienenen Buch «The Complacent Class» dokumentiert der Ökonom Tyler Cowen, wie die einst sehr mobilen Amerikaner erstaunlich sesshaft geworden sind. Vorbei ist die Zeit, in der der typische amerikanische Haushalt jederzeit bereit war, sein Haus per Schwertransport den Highway hinab zu verfrachten. Die Häufigkeit der Umzüge von einem Gliedstaat zum anderen hat sich seit dem Jahr 1970 halbiert, die «Millionen von Menschen», die Alexis de Tocqueville noch im 19. Jahrhundert «dem gleichen Horizont entgegen […] in den Westen» marschieren sah, sind laut Cowen heute nicht mehr aufzuspüren. Stattdessen diagnostiziert er eine für die USA ungewöhnliche Ära der geographischen und, daraus abgeleitet, der sozialen Unbeweglichkeit. Keiner verkörpert diese Trägheit besser als die Welle der «Twenty-something»-Studienabbrecher, die sich vermehrt aus dem Arbeitsmarkt zurückgezogen haben und ihre zunehmende Freizeit (allein zwischen 2000 und 2015 gewannen sie vier volle zusätzliche Stunden pro Woche) gänzlich dem Konsum von Videogames im Keller des Elternhauses widmen. Immerhin: junge Frauen schneiden hierbei etwas besser ab.

Italienische Muttersöhnchen und ostdeutsche Wirtschaftsflüchtlinge

In Europa – besonders in seiner südlichen Hälfte – ist die Ära der Immobilität nicht ganz so neu. Der junge US-Amerikaner mag heute regloser sein als früher, vom «cocco di mamma», dem sprichwörtlichen italienischen Muttersöhnchen, ist er noch weit entfernt. Was ist damit gemeint? Schätzungen des Ökonomen Enrico Moretti zufolge wohnen über 80 Prozent der italienischen Männer zwischen 18 und 30 Jahren noch bei ihren Eltern. Die Wohngemeinschaft als erster Schritt der Emanzipation von der Familie bleibt in Italien eine Rarität, die man vorwiegend aus Sitcoms wie «Friends» oder «Girls» kennt.

Bestimmt: die Qualität der angebotenen häuslichen Kost mag in Italien zur Unbeweglichkeit der Sprösslinge beitragen. Aber auch für Moretti, der notabene weit gekommen ist und heute in Berkeley, Kalifornien, lebt und lehrt, stellt sich die mangelnde Wanderlust als Gefahr für die langfristige Sicherung des Wohlstandes heraus. «Idealerweise würden die Faktoren Arbeit und Kapital von Regionen mit tiefer zu solchen mit hoher Produktivität wandern – diese dynamische Neuverteilung der Ressourcen ist eine der Voraussetzungen für das Wachstum der Produktivität einer Volkswirtschaft», hält Moretti in seiner 2012 erschienenen «New Geography of Jobs» fest. In Italien ist davon bis heute kaum eine Spur: Hundertfünfzig Jahre nach der Einheit des Landes klafft die Produktivitätslücke zwischen Norden und Süden nach wie vor weit auseinander. Damit verbunden sind hohe Gefälle bei Arbeitslosenquote und Kriminalität sowie eine steigende regionale Einkommensungleichheit.

Als Gegenbeispiel dazu weist Moretti auf die Erfahrung Deutschlands nach der Wiedervereinigung hin. Die Abwanderung von 1,8 Millionen überwiegend jungen, qualifizierten Menschen aus der DDR und der darauf folgende Geburteneinbruch nach der Wende hinterliessen tiefe Spuren. Ohne Abwanderung hätte die kreative Zerstörung der DDR-Wirtschaft nie stattgefunden: Tausende von Unternehmen mussten schliessen, einzelne Regionen haben seither bis zu 40 Prozent ihrer Einwohner verloren, während die verbliebene Bevölkerung stark gealtert und damit die demographische Zukunft weitgehend festgeschrieben ist. Doch seit ein paar Jahren ist die Nettoabwanderung aus dem Osten zum Erliegen gekommen. Insbesondere die Städte der neuen Bundesländer, von Dresden über Leipzig bis nach Jena, erleben nach schwierigen Jahren eine neue Blüte. Vielleicht ist damit ein neues Gleichgewicht erreicht.

Es werde Tech!

Mobilität und Wandel sind für den einzelnen mit Kosten und Risikobereitschaft verbunden, für die gesamte Volkswirtschaft stellen sie allerdings eine notwendige Bedingung der Wohlstandsgewinnung und -sicherung dar. Zum einen lassen die Richtungen der sich bewegenden Menschen erkennen, welche Orte eine besondere Anziehungskraft haben, welche Orte also aus Sicht der Mobilen besonders gute Standortfaktoren aufweisen. Das ist in der heutigen Dienstleistungsgesellschaft, die nicht mehr auf die Nähe zu natürlichen Ressourcen angewiesen ist, im Vorhinein gar nicht so einfach zu erkennen.

Es gibt kein Silizium im Silicon Valley. Die Landschaft besteht aus vielen bieder aussehenden Bürogebäuden und Autobahnkreuzungen. Das für den dortigen Boom relevante Ökosystem ist weitgehend unsichtbar und genau deshalb schwer nachzuahmen: Es besteht aus dicht verwobenen Netzwerken von Spezialisten, Tüftlern, Investoren und Profiteuren, die von einem steten Zustrom mobiler Abenteurer alimentiert werden – mit komplementären Qualifikationen, bislang fremden Ideen, möglichen anderen, auch kulturell bereichernden Kompetenzen. Kurz: hier herrscht erhöhter Konkurrenzdruck mit all seinen wirtschaftlich positiven Nebeneffekten.

Wie ein solches dynamisches Ökosystem quasi über Nacht entstehen kann, zeigt die Auswanderung von rund einer Million Juden aus der ehemaligen Sowjetunion nach Israel zu Beginn der 1990er Jahre – ein ausserordentliches «natürliches Experiment» in sozialer Mobilität. Die israelische Bevölkerung wuchs damals innerhalb weniger Jahre um 20 Prozent. Zum Vergleich: es wird geschätzt, dass in der gesamten Periode seit dem Fall des Eisernen Vorhanges rund 20 Millionen Menschen von Ost- nach Westeuropa migriert sind, was 8 Prozent der Bevölkerung entspricht. Diese Zuwanderer hätten in ihren Herkunftsorten wohl keine wohlhabende Zukunft gehabt. In Israel (und auch in Westeuropa) hingegen sahen ihre Aussichten besser aus.

Assaf Razin von der Eitan Berglas School of Economics der Universität Tel Aviv hat die sozialen und ökonomischen Auswirkungen dieser Einwanderung systematisch untersucht. Dank des Zuflusses von überdurchschnittlich qualifizierten Fachkräften aus den ehemaligen Sowjetrepubliken avancierte die israelische Wirtschaft quasi über Nacht zum globalen Technologie-Hub. Davon zeugen heute eine ganze Reihe äusserst erfolgreicher, exportorientierter Technologieunternehmen, die von Zuwanderern gegründet wurden. Der wirtschaftliche Boom ist aber auch Folge der enormen sozialen Mobilität dieser neuen Zuwanderung: Gemäss Razins Schätzungen liegt die Wahrscheinlichkeit, dass die zweite Generation der Einwanderer ihre Position in der israelischen Einkommensverteilung relativ zu jener ihrer Eltern verbessern konnte, bei über 60 Prozent. Dies, obschon die erste Generation bereits überdurchschnittlich hohe Einkommen erzielte und somit im Vergleich zur übrigen israelischen Bevölkerung gut positioniert war. Insgesamt war die Wirkung der enormen Zuwanderung auf das allgemeine Lohnniveau in Israel eindeutig positiv.

Das israelische Experiment müsste aber zuvorderst diejenigen interessieren, die Befürworter eines schlanken Staates sind: Die Zuzüger aus der ehemaligen Sowjetunion haben nämlich das politische Gleichgewicht Israels derart verschoben, dass sich die Vertreter des immer weiter ausgebauten Sozialstaates mit einer Reihe von herben Niederlagen konfrontiert sahen. Razin zeigt, dass das Ausmass an staatlicher Umverteilung in Israel seither abgenommen hat – die erfolgreichen Migranten sorgten nicht nur für mehr Wachstum, sondern auf der anderen Seite auch für eine Eindämmung des politischen Aktionismus. Aufgrund der erfolgreichen Integration der Migranten ist obendrein keine Antizuwanderungsstimmung aufgekommen.

Leider bildet die unbändige Adaptationskraft Israels auch weiterhin eine Ausnahme. In weiten Teilen der westlichen Welt wird konsequent daran gearbeitet, die Durchlässigkeit und Mobilität der Gesellschaft zu reduzieren – nicht zuletzt an den nationalen Grenzen. Vermutlich nirgendwo ist dies aber so deutlich zu spüren wie in der Politik der Grossstädte.

Auf dem Weg zur Nullrisikogesellschaft

In einer Dienstleistungsgesellschaft sind grosse urbane Agglomerationen Motoren des Wachstums: Hier entsteht der überwiegende Teil der Wertschöpfung, hier werden die höchsten Löhne bezahlt und hier wird auch der Sozialstaat mit finanziellen Ressourcen versorgt. In der Schweiz entfällt etwa mehr als die Hälfte der Erträge der Unternehmenssteuer auf nur gerade zehn Städte.

Im Zuge der Globalisierung hat die Nachfrage nach Wohnraum in grossstädtischen Lagen stark zugenommen. Das Angebot hat jedoch nicht im gleichen Ausmass reagiert. Im Gegenteil: die Hürden für die Bautätigkeit sind höher geworden, in Europa wie in Nordamerika. Der Grund dafür liegt in der Kumulierung von neuen Ansprüchen: sowohl umweltpolitische und energetische als auch Anliegen der sozialen Durchmischung, des Denkmalschutzes und weitere sorgen nicht dafür, dass die Städte an ihre Infrastrukturgrenzen kommen – sondern dafür, dass sie an ihren Grenzen bleiben. Ausgerechnet in den am schnellsten wachsenden Städten äussern sich die genannten Interessen verschiedener demokratisch mächtiger Bewahrergruppen am lautesten und konsequentesten. Die zwingend daran anschliessende Verknappung von Wohnraum spürt nun vor allem der Mittelstand. Wer einen Platz findet, nimmt ihn zwangsläufig jemand anderem weg. Das Thema Wohnen ist für Städter deshalb in den letzten Jahren zur grössten Sorge avanciert – noch vor der Arbeitslosigkeit oder der Kriminalität. Gleichzeitig weisen Umzugsstatistiken in der Schweiz und weiteren Ländern auf eine sinkende Mobilität der Bewohner in den grösseren Agglomerationen hin.

Die Politik hat die Sorgen erkannt und reagiert. Im Vordergrund steht dabei jedoch meistens nicht die Erweiterung und Erneuerung des Wohnungsbestandes oder der Abbau der zahlreichen Hürden zur Mobilität. Vielmehr wird eine grosszügigere Subventionierung von ausgewählten, wählerstarken Bevölkerungsgruppen (beispielsweise Mittelstandsfamilien) forciert und den ansässigen Mietern und Eigentümern noch mehr Schutz gewährt. So steht beispielsweise Deutschland kurz vor der Einführung einer Mietpreisbremse, was noch vor zehn Jahren undenkbar gewesen wäre. Subventionen wie auch Mietpreisbremsen werden allerdings die Insider/Outsider-Problematik nicht lindern, im Gegenteil. Wir stehen stattdessen vor dem paradoxen Effekt, dass diejenigen, die den Sprung in die Zentren (und damit nicht selten in eine andere soziale Schicht) geschafft haben, hinter sich die erklommenen Leitern der Mobilität hochziehen – um einander nun auf engstem Raum gegenseitig zu bekämpfen.

Wandel ade?

Laut Tyler Cowen haben wir es mit einer neuen, schnell wachsenden, «selbstgefälligen Klasse» zu tun, die jede Quelle von Wandel ausschalten will, nachdem sie selbst davon profitiert hat. Wenn die Jungen ihre Karrierechancen gegen die Playstation im Keller eingetauscht haben oder sich bekochen lassen, hat das nicht zuletzt mit der Haltung einer verunsicherten Babyboomergeneration zu tun, die mittlerweile fast ausschliesslich auf Ruhe und «risikolose» Staatsanleihen setzt. Die Klasse der Bewahrer und Verweigerer, warnt Cowen, setze sich erst allmählich durch, beherrsche aber bereits die politische Diskussion: von den amerikanischen Präsidentschaftswahlen, die von drei Kandidaten um die 70 dominiert wurden, über die hiesigen Nichtreformen der Altersvorsorge bis hin zum überall wachsenden Anteil an gebundenen – sprich «gesicherten» – Staatsausgaben.

Die Rechnung der neuen Unbeweglichkeit wird am Ende die Gesellschaft – und vor allem: die nachfolgende Generation – zahlen. Zunächst in Form kultureller und wirtschaftlicher Stagnation, dann nach und nach mit dem Verlust an Resilienz gegenüber Unerwartetem. Das grösste Risiko entsteht schliesslich immer dann, wenn wir uns erlauben, uns sicher zu fühlen.

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
über den «Schweizer Monat»