Wider die Gratiskultur

Geistiges Eigentum abschaffen? Das mindert bloss den Wohlstand. Eine Replik.

Mit dem Internet ist auch eine neue Gratiskultur entstanden. Während wir früher für jedes Konsumgut problemlos einen Preis zahlten, nehmen wir heute selbstverständlich an, dass Güter kostenlos zu haben seien. Ist das Privateigentum noch sicher in einer Welt, wo Bücher, Musiktitel, Filme oder Software gratis verfügbar sind? Auch im Zeitalter der digitalen Reproduzierbarkeit von Konsumgüternlohnt es sich, über Sinn und Zweck von Privateigentum nachzudenken. Zwei Argumente machen deutlich, weshalb Privateigentumnach wie vor die Grundlage des selbstbestimmten Wohlstands darstellt. Ich werde dazu etwas ausholen – und die Überlegungendann auf die digitale Welt anwenden.

Argument I: Signalverarbeitung im Markt
Die erste Begründung hat mit der Funktionsweise der Marktwirtschaft zu tun. In einer freien Gesellschaft kann jeder einzelneseine privaten Ziele verfolgen. Er kann frei bestimmen, wie er seine Kreativität einsetzen will. Doch diese vielfältigen, unabhängigen Leistungen schaffen per se keinen Wohlstand. Wertvoll sind diese Schöpfungen nur, wenn sie das Bedürfnis anderer Leute befriedigen, wenn sie also konsumiert werden. Nebenden Produzenten brauchtes Konsumenten und dazwischen eine Vermittlungsinstanz, die die unabhängigen Produzentenleistungen synchronisiertund auf die Bedürfnisse der Konsumenten ausrichtet. In einer offenen Gesellschaft ist es die Marktwirtschaft, die diese vermittelnde Funktion ausübt.

Wir können uns die Marktwirtschaft als ungemein effiziente Signalverarbeitungsmaschine vorstellen. Sie verarbeitet die Kaufentscheidungender Konsumenten und signalisiert den Produzenten Veränderungen der Nachfrage. Gewinnorientierte Produzenten reagieren auf diese Signale und passen ihr Angebot an. Doch damit die Marktwirtschaft zum Laufen kommt, braucht es kaufbereite Konsumenten. Individuen werden aber nur Konsumenten, wenn sie über freie Mittel verfügen. In dieser Hinsicht ist Privateigentumder «Stimmzettel» in der Marktwirtschaft. Mit ihm «stimmen» wirab, zeigen, was uns gefällt (nur nebenbei, für alle Radikaldemokraten:der Markt ist die beste aller möglichen direkten Demokratien).

Je weniger verfügbare Mittel wir besitzen, desto weniger könnenwir «abstimmen», d.h. wir können unsere Bedürfnisse schlechtersignalisieren. Aber je weniger Signale die Produzenten darüberbekommen, welche Bedürfnisse die Konsumenten haben, desto grösser ist das Risiko, dass sie an deren Bedürfnissen verbei produzieren. Wenn aber die Produktion schlechter auf die Bedürfnisseder Bevölkerung ausgerichtet wird, so mindert das deren Wert, und damit sinkt der Wohlstand der Gesellschaft generell.

Aus dieser Einsicht lässt sich ein starkes Argument gegen Umverteilung und gegen die steigende Staatsquote ableiten. Die Staatsquote, die letztlich nichts anderes ausdrückt als staatlich verordneten Zwangskonsum, reduziert ebenso wie die Umverteilungunsere frei verfügbaren Mittel. Damit werden unsere Fähigkeitenbeschränkt, auf dem Markt «abzustimmen», unsere Präferenzen zu signalisieren. Mit wachsender Staatsquote und Umverteilung steigt demnach das Risiko, dass die Wirtschaft anden Bedürfnissen der Bevölkerung vorbeiproduziert.

Allerdings kann die gleiche Überlegung auch als Argument für eine massvolle Umverteilung angeführt werden. Erst mit einer gewissen Umverteilung – so die Überlegung – erhalten die ärmsten Bevölkerungsschichten ihren «Stimmzettel» in der Marktwirtschaft, erst damit werden sie zu Konsumenten und können ihre Präferenzen anzeigen. Dieses Argument entspricht sowohl Gerechtigkeits-als auch Effizienzvorstellungen. Wer dieser Argumentation folgt, muss paradoxerweise das Privateigentum der wohlhabenden Schichten in einem gewissen Mass in Frage stellen. Es wird auf deren Eigentum zugegriffen, um Privateigentum bei den ärmsten Schichten zu schaffen. Unter diesen Umständen kann Umverteilung am Anfang den Markt durchaus beleben, weil dadurch grössere Teile der Bevölkerung in die Lage versetzt werden, als Konsumenten am Markt zu partizipieren. Dank dieses Effekts wächst der gesellschaftliche Wohlstand, die ganze Gesellschaft wird vergleichsweise besser gestellt. Doch wächst die Umverteilung immer weiter, führt dies nicht zu mehr Gerechtigkeit, sondern gefährdet im Gegenteil den erreichten relativen Wohlstand aller. Zwingend ist, dass die Relativierung des Privateigentums auf die Umverteilung beschränkt bleibt und dass die Bestimmung des Masses der Umverteilung nicht willkürlich erfolgt, sondern transparenten Regeln gehorcht, denen auch jene zustimmen, von denen genommen wird.

Argument II: Anreize für die Produzenten
Die zweite Begründung für Privateigentum argumentiert mitden spezifischen Anreizen, die durch Eigentumsrechte…

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»