Wider den säkularen Zeitgeist

Über christlichen Fundamentalismus und politischen Opportunismus

Ursprüngliche Wortbedeutungen sind meist aussagekräftiger als die durch einen gedankenlosen Sprachgebrauch verfälschten. Wer sein Bekenntnis auf einem festen Fundament aufbaut, ist verlässlicher, als wer dauernd laviert und alles relativiert. Wer seine Ideen von einer traditionellen Wurzel (= radix) herleitet, schützt sich vor dem politischen Opportunismus. Dennoch (oder gar deswegen?) sind die beiden Begriffe «fundamentalistisch» und «radikal» heute negativ besetzt. Toleranz gilt hingegen allgemein als Tugend, obwohl die blosse Duldung Andersdenkender auch als Zeichen der Gleichgültigkeit und Geringschätzung gedeutet werden kann.

Das Fundament ist jener tragende, im ursprünglichen Sinn grundlegende Teil einer Konstruktion, der zwar häufig in der Erde verborgen bleibt, aber die Voraussetzung ihrer Stabilität bildet. Warum und seit wann gelten Individuen und Gruppen, die sich als Fundamentalisten durch ein gemeinsames Fundament definieren, als gefährlich? Der negativen Besetzung des Fundamentalismusbegriffs hat Samuel Huntington mit seinem erstmals 1993 publizierten und eher überschätzten Essay «The Clash of Civilisations» Vorschub geleistet. Der deutsche Friedensforscher Dieter Senghaas forderte dann 1995 mit seinem als Befehl formulierten «Schluss mit der Fundamentalismus-Debatte!» zu Recht eine «Reorientierung des interkulturellen Dialogs».

Ebenfalls im Jahre 1995 hat Bassam Tibi, Islamwissenschafter und Autor der «Schweizer Monatshefte», eine Begriffsanalyse publiziert, in der er die Quintessenz aus seiner Mitwirkung an einer Studie der American Academy of Arts and Sciences zum Thema Fundamentalismus festgehalten hat («Der religiöse Fundamentalismus», 1995). Tibi befürwortet eine vorurteilslose Auseinandersetzung mit dem Fundamentalismus und den Fundamentalisten aller Art, grenzt sich aber deutlich von einer positiven Wertung ab. Er hält es für bedauerlich, «wenn schlecht informierte Skribenten im Namen der Toleranz gegenüber andern Religionen ungewollt auch um Verständnis für den Fundamentalismus werben». Fundamentalisten sind für ihn ganz generell keine Prediger der Gottesliebe, sondern «Verkünder der Eroberung der Macht».

Tibis Verdikt gegen alle Fundamentalismen ist stark von seiner berechtigten Abneigung gegen den Missbrauch der Religion des Islams als Basis einer machtpolitischen Ideologie geprägt. Ist dieser demokratiefeindliche, weltliche Macht- und Vormachtanspruch tatsächlich ein Wesensmerkmal aller Fundamentalismen? Die Auseinandersetzung zwischen religiöser und weltlicher Macht, zwischen Kirche und Staat gehört zu den entscheidenden Themen der Weltgeschichte. Die christlichen Kirchen haben ihren Weg von der zunächst vom Staat angefeindeten, dann tolerierten und bald zur alleinigen Staatsreligion erklärten, später konfessionell gespaltenen und schliesslich mehr oder weniger frei koexistierenden Gemeinschaft durchschritten und durchlitten.

Man kann das konfliktgeladene Verhältnis von Kirche und Staat mit den Worten des Schweizer Staats- und Völkerrechtlers Max Huber umschreiben. In seinem für das Schweizer Jahrbuch der Neuen Helvetischen Gesellschaft 1939 verfassten Aufsatz zum Thema «Sind wir ein christlicher Staat?» stellt er fest, dass ein dauernder Friede zwischen Kirche und Staat nicht möglich sei, «weil das christliche Gewissen durch das staatliche Gesetz nicht gebunden werden kann und weil die staatliche Souveränität vor dem individuellen Gewissen und der Forderung der Kirche nicht kapitulieren kann». Das klingt nicht gerade nach gegenseitiger Toleranzerklärung. Eine solche wäre 1939 angesichts des deutschen Unrechtsstaates ohnehin ein verhängnisvolles Signal gewesen. Max Huber hat keinesfalls zur Versöhnung von Religion und Politik aufgerufen. Im Gegenteil, er hat zwei weltgeschichtliche Potenzen (nicht gesellschaftliche Subsysteme!) klar voneinander abgegrenzt, weil sie je auf einem andern Fundament beruhen. Ähnliche Äusserungen finden sich bei William Johnson in seinen 1952 in den USA publizierten «Reflections on Faith and Freedom»: «Das Christentum basiert auf Prinzipien – auf absoluten.» Und: «Gottes Gesetz ist Liebe, Menschengesetz ist Zwang. Des Christen höchste Verantwortung ist diejenige gegenüber Gottes Gebot und nicht diejenige gegenüber der Regierung und den Gesetzen der Menschen.» Aus dieser Sicht sind auch alle politischen Bemühungen, dem christlichen Liebesgebot durch wohlfahrtsstaatliche Zwangsnormen Nachdruck zu verleihen, höchst fragwürdig.

Wer den Begriff Fundamentalismus gleichsam beim Wort nimmt und damit einen unbedingten Bezug zu einem bestimmten Fundament meint, das sich von andern Fundamenten abgrenzt, ohne diesen die Berechtigung abzusprechen, kann die generelle Gefahrenwarnung vor dem Phänomen des Fundamentalismus nicht mehr aufrechterhalten. Die Feinde einer offenen Gesellschaft sind nicht jene, die ein bestimmtes Bekenntnis gewählt haben, sondern jene, die ihre politische oder religiöse Auffassung allen Mitmenschen notfalls mit Gewalt aufzwingen möchten. Die meisten totalitären Regime verlangen eine Zwangssolidarität zur Brüderlichkeit, die dem totalitären Motto folgt: «Und willst du nicht mein Bruder sein, so schlag ich dir den Schädel ein.» Das steht in klarem Gegensatz zum bereits im Alten Testament verankerten Gebot «Liebe deinen Nächsten, denn er ist wie du», oder zur Feindesliebe, die sich in ihrer Auswirkung als höchst ökonomisches Prinzip entpuppt. Hass ist nämlich nicht nur anstrengend, sondern in fast jeder Beziehung kontraproduktiv und selbstzerstörerisch. Die Bereitschaft, die Allgemeingültigkeit der eigenen Auffassung nötigenfalls mit Gewalt zu erzwingen, ist ihrem Wesen nach autoritär und totalitär, aber nicht fundamentalistisch im religiösen Sinn.

Die Auseinandersetzung zwischen Staatsmacht und Religion, zwischen dem homo politicus und dem homo religiosus gehört zu den ewigen Themen der Menschheitsgeschichte. Der Islam unterscheidet nicht zwischen Religion und Politik, die Unterscheidung «fehlt noch» – wie Tibi schreibt. Die christlichen Kirchen haben hingegen seit dem Urchristentum um diese Unterscheidung gerungen und leider allzuoft und ohne religiöses Fundament mit der weltlichen Macht kooperiert.

Wie nun situiert sich der christliche Fundamentalismus in diesem Kontext? Der Theologe und Sektenforscher Georg Otto Schmid bemüht sich im Lexikon der Evangelischen Informationsstelle «Kirchen, Sekten, Religionen» um eine möglichst objektive Umschreibung des Fundamentalismus. Er schreibt: «Der Fundamentalismus ist eine Methode des Umgangs mit der Tradition und der Welt. Insofern kann sich Fundamentalismus mit verschiedenen Religionen und Weltanschauungen verbinden. Der Evangelikalismus ist eine bestimmte Theologie, ein Entwurf des christlichen Glaubens. Er kann sich mit Fundamentalismus verschiedenen Grades verbinden, muss aber nicht.»

Fundamentalismus und Evangelikalismus werden heute allzuoft miteinander vermengt. Evangelikale Fundamentalisten wie etwa Francis A. Schaeffer («Die grosse Anpassung», 1998) stellen sich zwar klar gegen religiöse Zugeständnisse an den herrschenden Zeitgeist und verurteilen alle Versuche der Anbiederung an sozialistische, feministische, ökologistische und esoterische Strömungen, denen heute in den Landeskirchen viel Beachtung geschenkt wird. Und Schaeffers Buch ist zweifellos auch ein Aufruf zur Kompromisslosigkeit und Radikalität. Wer aber darin jene angebliche Bereitschaft von Fundamentalisten zur Gewalt gegen Andersdenkende wittert, findet dafür keine Belege. Was Fundamentalisten wie Schaeffer gegenüber dem säkularen Zeitgeist, gegenüber dem Unglauben, gegenüber der weitverbreiteten religiösen Indifferenz und Lauheit und gegenüber der Flucht in die Esoterik oder in den Glauben an die Allmacht der Politik fordern, ist nicht Toleranz, sondern Konfrontation. Er unterscheidet dabei drei Typen: lieblose Konfrontation, Nicht-Konfrontation und liebevolle Konfrontation, wobei er nur letztere als biblisch charakterisiert.

Aktive liebevolle Konfrontation ist anspruchsvoller als die heute vorherrschende passive Toleranz. Mit dem aggressiven islamistischen Fundamentalismus, der Terror nicht nur duldet, sondern zu ihm sogar aufruft und ihn nachträglich verherrlicht, hat diese christlich-fundamentalistische Stossrichtung jedoch überhaupt nichts zu tun. Fundamentalismus ist eben noch lange nicht – Fundamentalismus.

«Sie nennen es Gotteslästerung – ich nenne es Aufklärung!»

René Scheu im Gespräch mit Michael Schmidt-Salomon Aufklärer verletzen ständig religiöse Gefühle.
Täten sie dies nicht, würden die Scheiterhaufen weiter glühen. Sagt der Philosoph und Religionskritiker Michael Schmidt-Salomon. Wir haben ihn auf einer seiner Reisen in die Schweiz getroffen.

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
über den «Schweizer Monat»