Detlef Brendel, zvg.

Who is WHO

Staaten passen ihre ernährungspolitischen Entscheidungen den Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation an. Doch die wissenschaftlichen Grundlagen sind fragwürdig.

 

Beim Begriff «Weltgesundheitsorganisation» denkt jeder primär an die Bekämpfung von Krankheiten, von Seuchen, vor allem aber an die Bekämpfung von Unterernährung und deren gesundheitlichen Folgen. Bis einschliesslich der 1970er-Jahre galt einer der Schwerpunkte der Organisation Problemen in der Dritten Welt. Übergewicht war kein Thema. Das ist verständlich, denn Hunger ist global das grösste Gesundheitsrisiko. Rund zehn Prozent der Menschen auf der Welt – von diesen leben rund 98 Prozent in Entwicklungsländern – haben nicht genug zu essen. Immer noch sterben rund drei Millionen Kleinkinder jährlich an Unterernährung. Jedes Jahr werden bis zu 20 Millionen untergewichtige Kinder geboren, weil ihre Mütter mangelernährt sind. Das sind reichliche Aufgaben für eine weltweit tätige Organisation für die Gesundheit.

Speckfalte statt Hungerödem

Inzwischen hat die WHO das Hungerödem allerdings der Speckfalte nachgeordnet. Diese Ausrichtung der WHO geht auf einen Influencer – um die Bezeichnung Wissenschafter zu vermeiden – zurück. Professor Philip James, nach naturwissenschaftlicher und medizinischer Ausbildung zunächst Lehrer an der London School of Hygiene and Tropical Medicine, hatte einen guten Grund, sich als Initiator dieser Entwicklung zu positionieren und ein Netzwerk aufzubauen, das die WHO zur Erfüllungsgehilfin seiner Strategie gemacht hat. Seine Karriere als Ernährungsexperte begann mit einer für das englische Department of Health angefertigten Studie über die Literatur zum Übergewicht bei Frauen, die er 1967 publizierte. In diesem Report definierte er neue Parameter für die BMI-Grenzen: ab 25 Übergewicht, ab 30 Adipositas. Eine solche Definition schafft Märkte. Wenn dieser willkürlich geschaffene Wert, der auch manchen durchtrainierten Sportler zu einem Moppelchen macht und deshalb seit Jahren in der Kritik steht, nur minimal verändert wird, können damit per Definition Millionen Menschen zu behandlungsbedürftigen Fällen werden.

Wissenschafter sind besonders erfolgreich, wenn sie eine attraktive Marktlücke für ihre Arbeit entdecken. Philip James hatte eine dicke Marktlücke erkannt. 1986 gründete er die International Association for the Study of Obesity (IASO). Im gleichen Jahr wurde von der amerikanischen Food and Drug Administration (FDA) mit einem 216seitigen Report und 922 Studien und Literaturangaben Zucker der GRAS-Status («Generally Recognized as Safe») verliehen. Damit wurde Zucker gesundheitliche Unbedenklichkeit attestiert. James konnte dieses Statement der Wissenschaft nicht von seinen geschäftstüchtigen Plänen abbringen. Er brauchte den Zucker für seine Strategie. Weil alle Menschen den Geschmack von Süssem lieben, lässt sich leicht Sucht unterstellen; dass das vermeintliche Suchtmittel optisch Kokain ähnelt, dürfte diese Assoziation noch verstärkt haben. Zucker macht Zucker, also Diabetes. Dies hört sich zunächst überzeugend an, Wandern macht allerdings keine Wanderniere.

1990 gelang es James im WHO-Report 797, erstmals die Empfehlung abzugeben, den Zuckerverzehr auf maximal zehn Prozent der zugeführten Kalorien zu begrenzen. Da viele Experten der Meinung waren, dass die Beschäftigung mit der weltweiten Unterernährung erheblich wichtiger sei als die Konzentration auf das Thema Übergewicht, baute James in den Jahren 1995 und 1996 die International Obesity Task Force (IOTF) auf. Damit war das Koordinatensystem geschaffen worden, um die gesamte Thematik zu dominieren. Die IOTF versuchte, eifrig Daten zu sammeln und sogar in den Entwicklungsländern Übergewicht als aufkeimendes Risiko zu identifizieren.

Ein solches Netzwerk perfektioniert sich selbst. Schüler von James bekamen wichtige Positionen; ein Gefolgsmann wie Tim Lobstein leitet die World Obesity Federation, die Nachfolgeorganisation der IASO und der IOTF. Francesco Branca, ein früherer Schüler von James, wurde Nutrition Director der WHO in Genf. Millionenschwere staatliche Aufträge für Studien wurden an die Institutionen vergeben. Hier wurden dann auch alle zugehörigen Ideen kreiert: von den Nährwertprofilen über Regulierungsmassnahmen und Strafsteuern bis hin zu der viel ­diskutierten Lebensmittelampel.

Cashcow Adipositas

Am 6. März 2005 war in «The Mail on Sunday» zu lesen, dass der Erfinder der Fettepidemie enge Verbindungen zu den Herstellern von Abnehmpräparaten hätte und von diesen generös finanziert worden sei.

«Eine inspirierende und
hochkarätige Lektüre
mit viel Tiefgang.»
Olivier Kessler, Direktor des Liberalen Instituts,
über den «Schweizer Monat»