Wetterprognose

Der alte Kontinent zeigt sich so verunsichert und instabil wie selten zuvor. Die Analyse der aktuellen politischen Grosswetterlage Europas gibt wenig Anlass zur Hoffnung.

Haben Sie auf Ihrem Handy auch die App von Meteo Schweiz? Konsultieren Sie sie auch so oft wie ich? Am liebsten mag ich die animierte Niederschlagskarte: Unheimlich, wie sich eine schwere Gewitterzone auf Solothurn zubewegt! Noch zwei Stunden, noch eine Stunde, drohende Wolken über dem Weissenstein, und dann: kein Tröpfli. Na ja, so genau kann man das eben offenbar nicht vorhersagen, denn beim Wetter handelt es sich um verwirbelte, turbulente Strömungen, hochkomplexe Phänomene. Ich will deshalb keineswegs die Meteorologen anklagen, und im grossen und ganzen sind die Prognosen ja auch besser geworden – vor allem dann, wenn es stabile Grosswetterlagen gibt, ausgedehnte, unbewegliche Hochdruckgebiete, wochenlange Bisenlagen. Wenn jedoch Gewitterfronten über Europa hinwegbrausen, dann soll man sich auf alles gefasst machen!

Auch Gesellschaften sind hochkomplex, verwirbelt und turbulent, zumal hier, im Gegensatz zum Wetter, Vorstellungen, Ideen und Ideologien der Menschen auf das reale Geschehen zurückwirken. Dazu kommt, dass der Homo sapiens für seinen Verstand einen hohen Preis bezahlt: Neigung zu Wahnvorstellungen, Irrsinn und Demenz. Wer wagte da vorherzusagen, was morgen sein wird! Doch auch hier gilt: Es gibt relative stabile Grosswetterlagen, in denen über die nähere Zukunft Aussagen mit guter Trefferwahrscheinlichkeit möglich sind, etwa Europa vom Wiener Kongress bis zu den deutschen Einigungskriegen oder die Pax americana zur Zeit des Kalten Krieges.

Davon kann heute keine Rede mehr sein. Wir verzichten darauf, die lange und immer länger werdende Liste der Kriege und Krisen, die uns gegenwärtig heimsuchen, nochmals herunterzubeten. Inzwischen vergeht kaum eine Woche ohne neue Hiobsbotschaften: Terroranschläge, Amokläufe, Flugzeugabstürze, sinkende Flüchtlingsboote, wiederaufflammende Bankenkrisen. Und man hat nicht den Eindruck, dass die politischen Interventionen solchem Ungemach gewachsen sind: Das Fluten der Finanzmärkte mit billigem Geld bringt die Wirtschaft nicht auf Trab; die Sperrung der Balkanroute vermehrt die Flüchtlinge im Mittelmeer; die Ausrufung des Ausnahmezustandes stoppt den Terror nicht; Sanktionen zwingen Putin nicht zum Rückzug, Konzessionen an Grossbritannien verhindern den Brexit nicht. Wenn man in der neueren europäischen Geschichte eine vergleichbare Phase von Verunsicherung und Destabilisierung sucht, stösst man auf die Zeit der Weimarer Republik. Damals haben Tucholsky und andere die Prognose gestellt: Es wird böse enden! Und das tat es dann auch.

An Vorhersagen und Ratschlägen fehlt es nicht

Im Tagesrhythmus melden sich heute Experten und Auguren zu Wort. Ihre Ansichten reichen von schwärzestem Pessimismus über milde Hoffnung bis zum Vertrauen auf die heilende Kraft von Krisen. Doch wer hat recht, wem soll man vertrauen? Kommt einer heute mit einem Rezept, widerspricht ihm sein Kollege morgen schon. Selbst die Ökonomen mit ihren ausgefeilten mathematischen Modellen wirken seit der Finanzkrise noch hilfloser als vorher. Kurz, keiner weiss, wie es weitergeht. Doch da diese Botschaft keine Schlagzeilen macht, müssen die Medienleute so tun, als ob sie es wüssten – im Vertrauen darauf, dass, was heute geschrieben und gesagt wird, morgen schon vergessen ist. Und da auch die Politiker nicht gerne zugeben, mit dem Rücken zur Wand zu stehen, wursteln sie sich eben irgendwie durch.

«Kurz, keiner weiss, wie es weitergeht.»

Mit diesem Bekenntnis zum Nichtwissen habe ich mir nun selbst den Ast abgesägt, auf dem meine Weisheit zu Europa hätte spriessen sollen. Auf Prognosen und Ratschläge jedenfalls werde ich verzichten müssen, Bescheidenheit ist angesagt. Ein Blick zurück auf die Entwicklung der europäischen Integration gibt vielleicht Hinweise auf mehr oder weniger wahrscheinliche Tendenzen. Wenn der Politikwissenschafter im wogenden Auf und Ab der Tagespolitik nach stabilen Elementen sucht, dann wird er am ehesten bei den verfassungsmässig festgelegten Institutionen fündig. Die politischen Institutionen der meisten europäischen Staaten sind zurzeit noch einigermassen intakt und in der Lage, die ihnen zugedachten Funktionen zu erfüllen. Einigermassen. Doch wie ist das mit den Angriffen der polnischen Regierung auf…