Wessen Haut setzen Sie aufs Spiel, Herr Berset?

Die Pandemie zeigt, wie wenig Verantwortung die heutige Politik für ihre Entscheide trägt.

Viel wird derzeit diskutiert über Sinn und Unsinn der bestehenden und möglichen weiteren Coronamassnahmen des Bundes. Wie viel kostet der Lockdown? Wie viel bringt die Schliessung der Ski­gebiete? Weniger geredet wird ­darüber, wer eigentlich die Konsequenzen dieser Entscheide trägt.

Der ehemalige Börsenhändler, Statistiker und Philosoph Nassim Nicholas Taleb hat ein ganzes Buch über die (In-)Kongruenz von Entscheidkompetenz und persönlichem Risiko geschrieben. Er fordert, dass Entscheidungsträger «Skin in the Game» haben, das heisst von ihren Entscheidungen selber betroffen sein sollten. Ein Investmentbanker, der Gewinne selber ­einstreicht, bei Verlusten aber den Staat zu Hilfe ruft, hat keine «Skin in the Game». Nicht ohne Grund war in den Landsgemeindeorten der Alten Eidgenossenschaft das Stimmrecht an die Wehrpflicht ­geknüpft: Wenn die Männer im Ring beschlossen, in den Krieg zu ziehen, setzten sie damit im wörtlichen Sinn ihre Haut aufs Spiel. Da ist es natürlich leichter, als US-Präsident einen ­Drohnenangriff zu befehlen, bei dem man nichts riskiert ausser ein paar negative Schlagzeilen. Es geht Taleb nicht darum, schlechte Entscheidungen zu bestrafen, sondern darum, schlechte Entscheidungen möglichst zu verhindern, indem die Entscheidungsträger wenigstens einen Teil des Risikos tragen.

Die Pandemie führt uns vor Augen, wie wenig die moderne ­Politik ihre Haut aufs Spiel setzt. Würde sie das Virus ungebremst grassieren lassen, wären es bestimmt nicht die Bundesräte, die schliesslich auf ein Spitalbett verzichten müssten. Und wenn die Politik einschneidende ­Massnahmen ergreift und so Kosten verursacht, sind es schliesslich andere – Unternehmen, Arbeitslose, psychisch Kranke oder künftige Steuerzahler –, die dafür bezahlen. Sieben Bundesräte, 246 Parlamentarier und eine Herde Beamter haben etwas gemeinsam: Niemand von ihnen muss sich Sorgen machen, demnächst auf die Strasse gestellt zu werden. Kaum einer muss einen Coronakredit abstottern und um das Überleben seines Unternehmens kämpfen. Alle beziehen ihr Einkommen vom Staat, der sich auf Kosten kommender Generationen verschulden kann. Berset und Co. kann es wohl sein in ihrer Haut – den Betroffenen ihrer Politik weniger.

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
über den «Schweizer Monat»