Werdet erwachsen!

Werdet erwachsen!

Buch des Monats

 

Die westlichen Gesellschaften infantilisieren. Ablesbar ist das zunächst an der Alltagskultur: Erwachsene Männer bedecken ihr schütteres Haupt mit Base-Caps, an den Füssen tragen sie die Sneaker ihrer Jugend, über dem Bauchansatz spannt sich lustig das Motiv-T-Shirt und ins Büro fahren sie mit einem E-Roller. Dort halten sie dann Power-Point-Präsentationen mit spassigen Animationen. Und in der Mittagspause starren sie auf ihr Smartphone und tippen mit leuchtenden Augen auf den bunten Bildchen der Softwaredesigner herum.

Das alles wäre schon schlimm genug. Doch zur ästhetischen und medialen Infantilisierung gesellt sich die intellektuelle: Alle finden alles ganz toll. Mediokre Leistungen werden hochgejubelt. Alles hat gleich wichtig und wertvoll zu sein. Gefühl siegt über Verstand. Andauernd ist man betroffen und wütend, fühlt sich zurückgesetzt oder diskriminiert. Die Gesellschaft verwandelt sich in einen grossen Kindergeburtstag – und wehe, wenn nicht alle dieselbe Anzahl Smarties bekommen.

In seinem neuen Buch analysiert der Journalist Alexander Kissler diese umfassende Regression westlicher Gesellschaften ebenso gnadenlos wie leidenschaftlich. Als gelernter Literaturwissenschafter wendet sich Kissler dabei zunächst den ideengeschichtlichen Wurzeln dieses Infantilismus zu, etwa dem Philosophen Jean-Jacques Rousseau, der unsere Vorstellung einer gelungenen Kindheit zwar nachhaltig geprägt, diese aber niemals zu einem Ideal für Erwachsene erhoben hat. Anders der amerikanische Autor Ralph Waldo Emerson, der die Kindheit religiös verklärt zum Messias erhob, oder James Matthew Barrie, der Erfinder des Peter Pan – jenes Kindes, das auf seiner Insel Neverland niemals erwachsen wird.

«Die Kunst des Erwachsenenseins», hebt Kissler hervor, «besteht darin, Distanz zu ertragen, abstrahieren zu können, von sich selbst absehen zu können, den Unterschied zwischen drinnen und draussen, Privatheit und Öffentlichkeit, Ich und Nicht-Ich ermessen zu können. Der innerlich erwachsene Mensch ist grundsätzlich in der Lage, sein Leben selbstständig und nach eigenen Vorstellungen zu gestalten, ohne zu erwarten, dass er sich mit diesen Vorstellungen immer durchsetzen wird.»

Doch die Mentalitätsgeschichte der Moderne weist eindeutig in eine andere Richtung. Die Grenze zwischen privat und öffentlich verschwimmt zunehmend, die Einsicht, dass man nicht auf alles, was persönlich wünschenswert ist, auch einen Rechtsanspruch hat, ist immer weniger Menschen zu vermitteln. Der Wohlfahrtsstaat mutiert zunehmend zur Nanny, die den verhätschelten Kindbürger an die Hand durchs Leben nimmt. Passend dazu infantilisiert das Bildungssystem in Form und Inhalt, der öffentliche Raum der Städte mutiert zu einem grossen Spielplatz und die leichte Sprache hält auch dort Einzug, wo sie offiziell gar nicht benutzt wird.

Kisslers Streitschrift ist ein Parforceritt durch die Symptome einer gesamtgesellschaftlichen Regression, eine beherzte Streitschrift gegen die Verkitschung und Infantilisierung öffentlicher Debatten. Alexander Kissler zeigt sich davon überzeugt, dass sich die spätmoderne Gesellschaft aus dem infantilisierenden Zangengriff befreien kann. Die hellsichtige Diagnose hat er mit seinem Buch vorgelegt. Die Therapie muss jeder einzelne für sich beginnen. Fangen wir an.


Alexander Kissler: Die infantile ­Gesellschaft. Wege aus der selbst­verschuldeten Unreife. Hamburg: Harper Collins, 2020.

«Jeden Monat frische Denküberraschungen! Eine gehaltvolle und elegant gestaltete Zeitschrift.»
Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
über den «Schweizer Monat»