Wer versteht, hasst nicht, denn Hass entsteht durch Unwissen
Hass hat es schon immer gegeben. Fortschritt hingegen gab es erst, als die Rede frei wurde. Kränkungen zum rechtlichen Massstab zu erheben, ist intellektueller Protektionismus.
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Ich habe von 1960 bis 1964 an der Princeton University studiert. Ich war ein Jude aus Brooklyn, einem mehrheitlich jüdischen Stadtbezirk von New York City. Princeton war damals eine Besonderheit. Man könnte sagen, es war eine südliche Hochschule im Norden. Ganze 53 Prozent der Studierenden stammten aus den Staaten südlich der sogenannten Mason-Dixon-Linie, welche im Amerikanischen Bürgerkrieg die Trennlinie zwischen den Staaten des Nordens und des Südens markierte. Zudem war Princeton «lilienweiss». Es gab keine schwarzen Studierenden, abgesehen von sieben Afrikanern, allesamt Söhne von Staatsoberhäuptern, und nur einen einzigen Chinesen, ein Physikgenie. Wir waren ein Dutzend Juden, jeder von uns Jahrgangsbester seiner Highschool.
Dort sass ich also, ein jüdischer Junge aus Brooklyn, auf einem antisemitischen Campus. Ältere Studenten riefen mir Schmähungen zu; «kike» war das häufigste Schimpfwort. Man könnte annehmen, ich sei unglücklich gewesen. Doch ich wusste, dass ich an einer Eliteuniversität eine Eliteausbildung erhielt, also härtete ich mich innerlich ab. Zudem kann Hassrede sehr nützlich sein, denn sie verrät einem, wem man besser nicht den Rücken zukehren sollte.
Umschreibung des N-Wortes
In den Sechzigerjahren wusste man, wer was dachte, und alle wussten, dass es alle wussten. Mein Freund Steven Pinker würde sagen, wir verfügten über gemeinsames Wissen darüber, wer welche Überzeugungen vertrat. Heute, angesichts des Niveaus der politischen Korrektheit an Universitäten, ist es schwieriger denn je zu erkennen, wer auf welcher Seite steht. Die eigene Gruppe zu finden, ist besonders dann schwierig geworden, wenn man der dominierenden progressiven Agenda nicht zustimmt. In Princeton nahm ich den Kinderreim «Sticks and stones may break my bones, but names can never harm me» zum ersten Mal ernst. Dort wurde ich zum kompromisslosen Verteidiger der Redefreiheit.
«Kann Hassrede sehr nützlich sein, denn sie verrät einem, wem man besser nicht den Rücken zukehren sollte.»
Mein Bücherregal spiegelte meine Lebenserfahrungen. Dort stand mein erstes Buch «The Shadow University», das ich gemeinsam mit Alan Charles Kors verfasst hatte und das den Aufstieg von Sprachkodizes an amerikanischen Hochschulen untersuchte.
Als Mitglieder der juristischen Fakultät dem Harvard-Rechtsprofessor Randall Kennedy, Autor von «Nigger: The Strange Career of a Troublesome Word», nahelegten, in seinem Buch statt «Nigger» die Umschreibung «the n-word» zu verwenden, lehnte er ab. Es wäre ironisch, erklärte er, ausgerechnet das Wort zu meiden, über das er schreibe.
Mein Freund Steven Pinker wiederum geriet in erhebliche Kontroversen, als er untersuchte, wie biologische Unterschiede zu geschlechtsspezifischen Ungleichverteilungen in Wissenschaft und Technik beitragen. Sowohl die Kontroversen um Kennedy als auch jene um Pinker stehen exemplarisch für die Zunahme von Zensurbemühungen, bei denen der Hassbegriff strategisch instrumentalisiert wird.
Von der Blasphemie zur Hassrede
Gesetze gegen Hassrede verengen den Bereich zulässiger Kritik an dominierenden Ideen. Wenn subjektive Kränkung zum rechtlichen Massstab wird, werden Meinungen nach ihrer Wirkung bewertet, und die Behörden erhalten ein weites Ermessen darüber, was gesagt werden darf. Der Kritiker wird in eine defensive Position und zu immer neuen Rechtfertigungen gedrängt. Das ist eine Form von intellektuellem Protektionismus.
Zensoren sind darauf angewiesen, dass Dissens offen zutage tritt. Deshalb halten sie bisweilen auch an absurden Behauptungen fest, etwa: «Geschlecht existiert nicht, da Männer zu Frauen werden können und umgekehrt.» Wer in einem solchen Moment auf das naheliegende Wissensgebiet der Biologie verweist, wird als hasserfüllt etikettiert. Hass ist zum neuen Wort für Blasphemie geworden. So gilt es als Hassrede, auf eine rund 1,5 Milliarden Jahre alte «Erfindung» hinzuweisen, nämlich auf das Geschlecht.
Der Mechanismus der Zensur ist uralt. Wer einst bezweifelte, dass eine Jungfrau Jesus, den einzigen Sohn des Schöpfers des Universums, geboren habe, galt als blasphemisch. Glücklicherweise sah sich das Christentum im Laufe der Jahrhunderte ausreichend externem Druck ausgesetzt, um Kritik in weit höherem Masse zuzulassen als in früheren Zeiten. Dieser liberale Druck muss aufrechterhalten werden.
Der aufklärerische Pakt
Hass und Zensur bilden ein unaufgeklärtes Gespann. Sie dienen einander als Rechtfertigung. Beide sind unzivilisierte, archaische Reaktionen, die jeweils im Gegenüber ein kurzfristiges Heilmittel sehen. Deshalb sollten wir ihnen einen doppelten, metaphorischen Schlag versetzen. Wir dürfen ihnen nicht mit Zensur oder Hass begegnen. Wir sollten es besser wissen. 1999 habe ich die Organisation FIRE mitgegründet, um das in den Vereinigten Staaten geltende Recht auf freie Meinungsäusserung zu verteidigen und durchzusetzen.
Wer versteht, hasst nicht. Hass ist ein Nebenprodukt von Unwissen. Menschen fürchten häufig, was sie nicht verstehen. Erkenntnis über die menschliche Natur löst Hass auf und mit ihm den Impuls zur Zensur. Wie der grosse russische Schriftsteller Anton Tschechow formulierte: «Der Mensch wird besser, wenn man ihm zeigt, wie er ist.» Die Lösung besteht darin, Unwissen durch Wissen zu ersetzen und Verwirrung durch Klarheit. Prallen richtige und falsche Ideen aufeinander, setzen sich in der Regel die richtigen durch. Wäre es anders, gäbe es kein Justizsystem. Sonnenlicht ist das beste Desinfektionsmittel.
«Wer versteht, hasst nicht. Hass ist ein Nebenprodukt von Unwissen.»
Die Gesellschaft ist nicht durch Dekrete von Königen oder Päpsten rationaler und liberaler geworden, sondern weil sich die Werkzeuge der Vernunft, Logik, Wissenschaft und die Bindung an Tatsachen verbreitet und im Alltag verankert haben. Unsere Aufgabe besteht nun darin, diese Werkzeuge weiter auszudehnen und die Erwartung zu stärken, dass die Regeln wissenschaftlichen Denkens eingehalten werden.
Es ist eine tiefgreifende Ironie, dass Versuche, Hassrede zu zensieren, als Schutz von Minderheiten verkauft werden. Heute sind es die intellektuellen Minderheiten, die tatsächlich unter Druck stehen. Äusserlich soll jeder verschieden sein, im Denken jedoch möglichst gleich.
Indem wir die Prinzipien der Aufklärung verteidigen, versetzen wir der Zensur einen doppelten Schlag. Wir schwächen sie und entziehen ihr zugleich einen ihrer zentralen Vorwände.
Wage es, zu verstehen.