Wer kooperiert, will profitieren

«Kooperation» ist ein weicher Begriff, den die Linke gern für sich reklamiert. Die Spieltheorie zeigt hingegen: Kooperation braucht keine altruistischen Motive, sie beruht auf Kalkül.

 

Es erstaunt nicht, dass der Begriff «Kooperation» häufig im linken Sprachgebrauch anzutreffen ist. Verbreitet ist die Ansicht, dass soziales Denken und solidarisches Handeln Voraussetzungen für Kooperation sind. Als Weiterführung dieser Annahme wird dann abgeleitet, dass die kapitalistische Wirtschaftsweise, in welcher Wettbewerbs- und Leistungsdenken eine grosse Rolle spielen, kooperatives Verhalten verunmögliche. In ihrem Positionspapier zur Wirtschaftsdemokratie von Dezember 2016 bringt die SP diesen Gegensatz auf den Punkt: «Entgegen der vorherrschenden Wettbewerbsideologie hängt wirtschaftlicher Erfolg/erfolgreiches Wirtschaften entscheidend von der fruchtbaren Kooperation der wirtschaftlich Tätigen ab.» Solche Vorstellungen werden zwar selten konsistent begründet. Sie sind trotzdem wirkmächtig.

Robert Axelrod hat in seinem Werk «The Evolution of Cooperation» gezeigt, dass es für Kooperation keine Ideologie braucht. Vielmehr spiegelt sich in der Kooperation die «Condition humaine»: Wenn Menschen kooperieren, dann erschaffen sie etwas zusammen, was sie allein nicht erschaffen könnten. Das tun sie, wenn es sich lohnt. Basierend auf spieltheoretischen Konzepten konnte Axelrod aufzeigen, dass unter gewissen Umständen Kooperation automatisch entsteht. Die Webseite «The Evolution of Trust» macht auf spielerische Weise Axelrods Ansatz verständlich.

Das Gefangenendilemma

Was sind die Voraussetzungen für Kooperation? Kooperatives Verhalten lässt sich an einem einfachen Spiel illustrieren: Zwei Spieler erhalten je eine Münze, die sie – ohne Möglichkeit zur gegenseitigen Absprache – in eine Maschine werfen können. Wenn der eine Spieler seine Münze einwirft, erhält der andere Spieler drei Münzen zurück. Kooperiert der andere Spieler, indem er seine Münze ebenfalls einwirft, erhält der erste Spieler auch drei Münzen. Kooperieren beide Spieler, haben beide je drei Münzen (sie haben also beide zwei Münzen dazugewonnen). Wenn der andere Spieler allerdings «schummelt» und keine Münze einwirft, stellt er sich besser. Er hat nun insgesamt vier Münzen, während der erste Spieler gar keine mehr hat. Wenn beide Spieler schummeln, haben beide nichts dazugewonnen, sie sitzen weiterhin auf ihrer einen Münze. Diese Spielanordnung entspricht dem Gefangenendilemma: Aus egoistischer Perspektive kann sich ein Spieler auf Kosten des anderen besserstellen. Wenn alle Spieler auf die gleiche Weise denken, verliert die Gesellschaft (d.h. die Gruppe aller Spieler) als Ganze – denn sie «erwirtschaftet» nur zwei Münzen, während es bei beidseitiger Kooperation sechs und bei einseitiger immerhin vier Münzen wären.

«Nur wenn die Belohnung aus der Interaktion grösser ist als die Investition in die Interaktion, kann sich kooperatives Verhalten durchsetzen.»

Interessant wird es nun, wenn dieses Spiel über mehrere Runden gespielt wird. Nun können die Spieler unterschiedliche Strategien anwenden, um ihren Gewinn zu maximieren. Bekannte Strategien für dieses Spiel sind «immer kooperieren», «immer schummeln», eine Strategie, die als «Tit for Tat» bekannt ist, oder eine Strategie, die man als «Groll» bezeichnen kann. Die «Tit for Tat»-Strategie beginnt mit einem kooperativen Zug und repliziert in der Folge den Zug des anderen Spielers. Die grollende Strategie beginnt ebenfalls mit einem kooperativen Zug und kooperiert so lange, bis der andere Spieler schummelt. Danach grollt der Spieler alle folgenden Runden, d.h. er wird nur noch schummeln.

Auf ncase.me/trust/ kann man das nun sehr einfach nachprüfen: Lässt man jede Strategie in einem Turnier über zehn Runden gegen die anderen Strategien spielen, gewinnt die «Tit for Tat»-Strategie mit grossem Abstand vor dem Groller und dem Schummler. Interessant wird es, wenn man eine Population von Spielern mit den erwähnten Strategien sich über mehrere Turniere entwickeln lässt. Eine Population kann beispielsweise aus 15 Spielern, die immer kooperieren, aus fünf Spielern, die immer schummeln, und aus fünf Spielern mit der «Tit for Tat»-Strategie bestehen. Nach jedem Turnier werden die fünf Spieler mit dem geringsten Erfolg eliminiert und durch fünf Spieler ersetzt, die die erfolgreichste Strategie umsetzen. Welche Strategie kann sich in dieser Population über verschiedene Turniere durchsetzen?

Wie du mir, so ich dir

Wieder…

«Unverzichtbare Lektüre:
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Weiterdenken in Gang bringt.»
Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
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