Wer ist John Galt? Wen interessiert’s?

In jeder «Krise des Kapitalismus» wird Ayn Rands «Atlas Shrugged» aufs neue aus der belletristischen Mottenkiste geholt. Über die literarische Qualität des Bestsellers verrät uns das aber auch nach 60 Jahren noch nichts. Eine Kritik.

Ich bekam mein Exemplar von Atlas Shrugged zum 21. Geburtstag. Soeben hatte ich begonnen, Literatur zu studieren. Mein Vater muss sich gedacht haben: «Ehe der Junge in Adorno-Lesezirkeln verendet, also bevor er das Wort ‹Kulturindustrie› überhaupt buchstabieren lernt, gebe ich ihm ein Antidot mit auf den Weg!» Mein Vater meinte es nur gut mit mir. Er ist Ingenieur und Unternehmer, von Geisteswissenschaften hält er nicht so viel. Und sein Schachzug entbehrt nicht einer gewissen Raffinesse. Er schenkte mir nicht Wohlstand für alle von Ludwig Erhard, das ich damals rasch als simplen Indoktrinationsversuch entlarvt hätte, nein, er schenkte mir einen Roman. Eine Geschichte. Und Geschichten hatten mich doch stets interessiert.

Von Ayn Rand hatte ich nie gehört, der deutsche Titel Wer ist John Galt? klang verdächtig nach Wen interessiertʼs?. Das 1200-Seiten-Brikett lag also monatelang unangetastet neben meinem Bett. Während der wöchentlichen Anrufe daheim fragte mein Vater oft, wie weit ich mit «dem Buch» sei. Er wurde nicht müde zu betonen, dass es bis heute eines der meistverkauften Bücher in den USA und dort sogar das «einflussreichste Buch nach der Bibel» sei. Er dachte wohl, dieser Umstand müsse mich motivieren. Aber weit gefehlt – mittlerweile wusste ich nämlich, wie man «Kulturindustrie» buchstabiert.

Ich habe Atlas Shrugged schliesslich doch gelesen. Einmal die deutsche Übersetzung und dann auszugsweise auch das amerikanische Original. An der Universität kannten mich Kommilitonen und Kollegen bald nur noch unter dem anrüchigen Kosenamen «der Kapitalist». Nur besteht zwischen der Lektüre von Atlas Shrugged und meiner politischen Emanzipation vom linkshegemonialen Kulturwissenschaftskuchen keinerlei Zusammenhang.

Als Sohn kann ich sagen: Der Effort meines Vaters war reine Zeitverschwendung. Und als Literaturwissenschafter füge ich an: Das Lesen von Atlas Shrugged ist nichts anderes. Es liegt nicht an der deutschen Übersetzung, an der in Europa unpopulären Freihandelsideologie, dass Ayn Rand in philosophischen oder literaturwissenschaftlichen Fakultäten nicht auf dem Lehrplan steht. Es liegt daran, dass ihre Bücher einfach schlecht sind.

Der Vorwurf literarischer Bedeutungslosigkeit lässt sich gut am Beispiel von Atlas Shrugged, ihrem bekanntesten Werk, illus­trieren. Worum geht es eigentlich? Die USA als Art-Deco-Dystopie: Der Staat tut das, was er gut kann. Er verstaatlicht. Alles Mögliche. Gewerkschaften und manche Grossunternehmer machen mit der Regierung bei Enteignungen gemeinsame Sache – und viele Erfinder und «Macher» ziehen sich ob dieser bedrohlichen Lage aus dem öffentlichen Leben zurück. Mehr noch: sie verweigern der Gesellschaft, die ihre Unternehmen aussaugt, auch ihren Fortbestand unter den bisherigen Konditionen. Das tun sie, indem sie ihre eigenen Produktionsstätten und Erfindungen zerstören. Raffinerien explodieren, Brücken werden gesprengt, Züge fahren nicht mehr – bald steht das Land still, niemand produziert mehr. Rand liefert mit diesem Plot das – an und für sich hochspannende – denkbare Szenario eines grossangelegten libertären Terrorakts: brachialer Rückzug und Streik der freiheitlichen Arbeit-, Ideen- und Stichwortgeber. Das ist eine originelle Idee. So weit, so gut.

Die Form

Aber Ayn Rand lädt das Ganze mit Mystery, deutlich mehr Cowboy- und Schornsteinromantik und viel Industrialisierungspathos auf. Atlas Shrugged schmeckt deshalb wie eine Mischung aus «Zwei Männer in Betrachtung des Mondes» von Caspar David Friedrich und «Coalbrookdale at Night» von Philipp Jakob Loutherbourg – hinzu kommt eine Prise Leni Riefenstahl.

Dieser krude Mix wäre vielleicht spannend geworden, wenn die Autorin etwas mehr Fingerspitzengefühl für literarisches Schreiben gehabt hätte. Im Vergleich mit Vertretern der US-amerikanischen literarischen Moderne war aber Rand erzählerisch nicht auf der Höhe der Zeit, ja sie bediente sich literarisch eines sehr antiquierten Formen- und Stilfundus. Sympathien hin oder her, das ist eine nüchterne Feststellung. Rein formal bleibt jedes kreative Spiel mit inhaltlichen oder ideologischen Perspektivwechseln aus, die zarten Ansätze eines Spannungsbogens begräbt Ayn Rand unter blechernem Pathos. Die auktoriale Erzählsituation und die damit verbundene starke Leserlenkung ersticken die allermeisten Interpretationsmöglichkeiten des Lesers im Keim. Die auftretenden Charaktere unterscheiden sich im Sprachduktus kaum voneinander, was die subjektive Erfahrbarkeit jedes einzelnen beinahe ausschliesst. Atlas Shrugged ist damit schon formal der Erzählprosa des 18. Jahrhunderts näher als der Literatur des 20. – geradeso, als habe es Dos Passos, Fitzgerald oder Faulkner nie gegeben.

Das Personal: nur Pappkameraden

«Keep it short and simple», diese einfache Regel sollte der Drehbuchautorin Rand bekannt gewesen sein. Simpel mag der Haupterzählstrang sein, kurz ist er sicher nicht: In wenig eleganten Pirouetten folgen wir der Eisenbahnerbin Dagny Taggart in ein Industriellenbett, besuchen mit ihr schwelende Fabrikhallen, in denen wunderliche Maschinen stehen, und finden mit ihr letztlich lauter exilierte Unternehmer in einem «Kapital-Atlantis» im Wald. Dazwischen ergehen sich Dagny und Co. in ausladenden, teils wirren Nullsummendialogen, die stets nur von einer Sache zeugen: der (empirisch gut untersuchten) völligen Empathielosigkeit der Autorin. Diese gilt übrigens nur für den Umgang mit ihrem Personal, denn für monumentale Stahlkon­struktionen, rauchende Schlote und brummelnde Maschinen können sich alle «guten» Charaktere und auch die Autorin seitenlang erwärmen.

Im gesamten Personalinventar findet sich kein einziger Charakter, der über die 1200 Seiten eine Entwicklung irgendeiner Art durchmacht oder sich anderweitig als Identifikationsfigur anbietet. Die «Guten» werden von den «Bösen» geschieden, indem erstere von Beginn an als gestählte Archetypen ihres Geschlechts und ihrer Profession auftreten. Sie lehnen als Unternehmer jeden Staatsauftrag ab, Subventionen ebenso. Ihr ökonomischer Erfolg und die damit immer stärker spürbare «Knechtung» durch den fiktiven US-Staat sind ihre weiteren Gemeinsamkeiten. Die «Guten» sprengen ihre Ketten, indem sie irgendwann auch ihre Fabriken sprengen. Dieser Terrorakt ist nicht nur die nachdrücklichste Absage an Marxens Forderung nach einer Vergemeinschaftung der Produktionsmittel, er stellt in seiner «Widerstandspose» gleichzeitig die einzig mögliche Identifikationsmöglichkeit mit Dagny Taggart, Francisco d’Anconia und Hank Rearden dar. Aber: ist dieser zerstörerische Akt bei genauerem Hinsehen heroisch? Nein. Er ist bloss destruktiv.1

Auch die Antagonisten, die «Bösen», so darf man hier ganz plakativ – aber treffend – sagen, sind ausschliesslich ideologische Pappkameraden, die die Autorin aufbaut, um sie nach und nach genüsslich zu vernichten. Sie erfüllen literarisch keinen Zweck jenseits eines ideologischen Schauprozesses. Dabei ist klar, dass es sich bei ihnen ausnahmslos um Anwälte und Profiteure sozialstaatlicher Umverteilung handelt. Die meisten von ihnen haben körperliche oder sprachliche Defizite – oder sind einfach schwer von Begriff.

«Der Staat ist Mist – nun auch als Roman!» – wem ein solch einfaches politideologisches Commitment reicht, um ein literarisches Werk geniessen zu können, der greife zu. Mir reicht es nicht. Das habe ich meinem Vater lange ebenso wenig mitgeteilt wie meinen Eindruck, es in diesem Buch mit einem eigenartig hermetischen Weltbild zu tun zu haben, das – genau wie dessen handwerklich-literarische Verarbeitung – besser ins 18. als ins 20. oder 21. Jahrhundert passt.

Gesinnungsliteratur

Viele Amerikaner haben es im 20. oder 21. Jahrhundert zu Ende gelesen und sind offenbar begeistert. Muss dann nicht doch etwas dran sein? Nein. Ökonomischer Erfolg sagt nichts über die Qualität eines literarischen Werkes aus2 – ebenso wenig übrigens wie sein Misserfolg. Das Geheimnis des Erfolgs von Atlas Shrugged ist ein anderes: Das Buch ist Gesinnungsliteratur, mithin der mir einzige bekannte Roman, der einen bedingungslosen Laisser-faire-Kapitalismus predigt. Diese Monopolstellung gepaart mit der Eingängigkeit des Romans dank seines vergleichsweise einfachen Aufbaus und seiner simplen Botschaft macht Atlas Shrugged zu einem cleveren Produkt. Es erfüllt zwei hinreichende Bedingungen für langfristigen Erfolg auf dem Buchmarkt.

Gesinnungsliteratur ist Atlas Shrugged deshalb, weil die normativen Moralvorstellungen Ayn Rands aus jeder Zeile des Buches sprudeln – und damit die Leserschaft von der ersten bis zur letzten Seite unwiederbringlich in zwei Teile spalten. In einen Teil, der Rands sozioökonomisch-philosophischen Idealen prinzipiell zustimmt. Und in den, der sie prinzipiell verachtet. Grautöne gibt es in dieser Anlage nicht, Reflexion wird überflüssig, ist gar unerwünscht. Atlas Shrugged hat damit eine grosse ideologische Lobby, keine qualitative.3

Die Lobby dieses Buches wird immer dann aktiv, wenn es realpolitisch gerade einmal nicht gut steht um den Kapitalismus. Und da staatlich drangsalierte Unternehmer, wie sie Rand schildert, in der echten Welt kaum ausgehen, und Wirtschaftskrisen wohl ebenfalls auf absehbare Zeit nicht, ist der Markt für den Romanmonopolisten Atlas Shrugged ein Markt ohne Verfallsdatum. Die Nachfrage danach weitet sich immer dann besonders, wenn Dow Jones oder DAX mal wieder in der Tiefgarage parken. Oder anschaulicher: Was schenken Sie, wenn Sie zu einer Konfirmation eingeladen und gläubig sind? Eine Bibel. Und was schenken Sie als konservativer Amerikaner (ohne religiösen Hintergrund) ihren Enkeln oder Angestellten, wenn mal wieder Krise ist? Genau.

Liberales Vorzeigebuch?

Die Fans von Ayn Rand sind eine mithin ehrbare politische Glaubensgemeinschaft, die in allen gesellschaftlichen Schichten zu Hause ist. Ob sie das Buch alle gelesen haben, sei dahingestellt, eine nähere Auseinandersetzung mit ihrer Philosophie hat jedenfalls schon so manchen selbständig Denkenden abgeschreckt. All jenen, die Atlas Shrugged aber ob seiner Monopolstellung immer noch für den gelungenen liberalen Vorzeigeroman halten, sei hier abschliessend ein genauerer Blick auf die Figur des Eddie Willers ans Herz gelegt. Eddie Willers, das ist der Pappkamerad Marke «einfacher, aber tüchtiger Arbeiter», der von Dagny Taggart und ihren Idealen begeistert ist, ihr aber nicht immer ganz folgen kann. Er sinkt am Ende des Buches entkräftet, einsam und verloren in sich zusammen, nachdem er vergeblich versucht hat, mitten in der Wüste eine funktionsuntüchtige Lokomotive zum Laufen zu bringen. John Galt, immerhin der von Ayn Rand intendierte Held dieser Geschichte, interessieren diese einfachen, tüchtigen Menschen nicht. Während Willers zugrunde geht, malt Galt in seinem Resort verträumt-genüsslich ein Dollarzeichen (!) in den Nachthimmel und blickt über die Industriewüste, die er und die Seinen hinterlassen haben. Sollte das nicht stutzig machen? Ist das nicht jenseits aller Randschen Moralaxiome fragwürdig? Mit Vorzeigeliberalismus jedenfalls hat dieses zynische Gebaren nichts zu tun, war ersterer doch stets ein Versprechen für die Tüchtigen aller Gesellschaftsschichten. In Atlas Shrugged kommt er daher als ein Projekt selbsternannter Eliten, an dem jenseits von unzerstörbaren Genies, reichen Industrieerben und objektivistischen Überzeugungstätern niemand teilhat.

Mein Vater hat das Buch dann auch noch gelesen. Als wir uns kürzlich wieder einmal darüber unterhielten, waren wir uns dann doch noch einig: schöner Stoff, miserable Umsetzung. 

 

 

1 Überdies wird er in Atlas Shrugged irrsinnigerweise von genau jenen begangen, die rein ökonomisch keinerlei Grund dafür hätten: Da die hier betroffenen
Grosskonzerne und ihre Führer traditionell und realiter in Staatsnähe viel besser fahren als auf freien Märkten, ist das Handeln ihrer Besitzer weitgehend unlogisch. Kleine und mittlere Unternehmer hätten nicht nur den grösseren Anreiz zur Emigration gehabt, sie wären auch die besseren Projektionsflächen gewesen.
2 Oder halten Sie Kachelmanns Autobiographie und Fifty Shades of Grey für literarische Meisterwerke?
3 Nahezu alle grossen Feuilletons und ebenfalls die nennenswerten Literaturmagazine der USA haben das Buch bei Erscheinen aufgrund seiner literarischen Mängel verrissen. In die meisten grossen Literaturlexika (wie etwa Kindlers Literaturlexikon) fand Ayn Rand bis heute keinen Eingang.

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
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