Wer hat Angst vor Ayn Rand?

Das Werk der amerikanischen Schriftstellerin Ayn Rand hat in den USA sowohl die Politik als auch die Populärkultur geprägt. Ihre Ideen finden sich im amerikanischen Kongress wie auch bei den Simpsons. Die neue Übersetzung ihres Hauptwerks macht sie nun auch im deutschsprachigen Raum wieder zugänglich.

Auf seinem Blog The Conscience of a Liberal, «Das Gewissen eines…» – man möchte einfügen: im amerikanischen Sinne – «…Liberalen», kommentierte der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman die Renaissance eines Romans aus den Fünfzigerjahren mehrfach mit einem Zitat von John Rogers, einem Drehbuchschreiber: «Es gibt zwei Romane, die das Leben eines vierzehnjährigen Bücherwurms verändern können: Herr der Ringe und Atlas Shrugged. Das eine ist eine kindische Phantasie, die oft eine lebenslange Obsession mit deren unglaubwürdigen 

Helden verursacht, was in einem emotional und sozial verkrüppelten Erwachsenenleben und der Unfähigkeit endet, mit der realen Welt umzugehen. Das andere beinhaltet natürlich Orcs.» Eine solche Obsession entwickelten neben Mitt Romneys Mitstreiter im Präsidentschaftswahlkampf, Paul Ryan, Grössen wie Alan Greenspan, Wikipedia-Gründer Jimmy Wales, diverse Holly­woodstars, aber auch ein deutscher Unternehmer, der die Übersetzung und Neuauflage des Buches privat finanzierte und damit einer deutschsprachigen Leserschaft ermöglicht, selbst zu entscheiden, für wie «kindisch» sie Rands Vision hält.

Die Bestsellerautorin Ayn Rand (1905–1982) feiert in ihren Romanwelten heldenhafte Unternehmer, Ingenieure oder Architekten, die sich dem Dienst an der Gemeinschaft verweigern und, nach den Grundsätzen von Rands Objektivismus, nur ihren eigenen Vorstellungen und Idealen entsprechend leben. Rand, geboren in St. Petersburg als Alisa Rosenbaum, schrieb mit The Fountainhead (1943) und dem tausendseitigen Epos Atlas Shrugged (1957) jene zwei Romane, die laut US-Historikerin Jennifer Burns die «ultimative Einstiegsdroge für die politische Rechte» Amerikas sind. Angefangen hatte Rand als Garderobière und Drehbuchschreiberin in Hollywood, die ihre gesamte Freizeit an der Schreibmaschine verbrachte. Nachdem ihrem Debütroman We the Living (1936) über das Leben im postrevolutionären Russland noch freundliche Kritiken beschieden waren, wurde The Fountainhead, die Geschichte des visionären Architekten Howard Roark, nur durch Mundpropaganda zum Bestseller. Noch 1968 spottete in einem Essay Roman- und Drehbuchautorin Nora Ephron, die Romanhandlung um Roark finde vor allem bei jenen Lesern Anklang, die den Roman nicht verständen. Bei Atlas Shrugged sei die Botschaft zu offensichtlich; besser, man beginne gar nicht erst mit der Lektüre, denn man werde das Buch nicht mehr weglegen können.

Die Botschaft, von der nicht nur Ephron hoffte, sie möge sich gar nicht erst verbreiten, hat bislang nur wenige deutschsprachige Leser erreichen können: Von Atlas wirft die Welt ab, so der Titel der Erstübersetzung, verkauften sich 1959 nach Erscheinen nicht einmal zweitausend Exemplare; eine Neuauflage von 1989 blieb vergriffen. 1997 erschien eine erste Neuübersetzung, Wer ist John Galt?, auf die nun Der Streik aus dem Verlag Kai M. John folgt. Der Streik war ursprünglich auch der Titel, den Ayn Rand ihrem Epos geben wollte, denn ein Streik ist die Ausgangslage der Geschichte: Was, wenn alle kreativen, unternehmerischen Kräfte des Landes einfach streiken? Streiken, ihre Arbeit niederlegen, sich aus der Gesellschaft zurückziehen? In einem Amerika, in dem Unternehmertum, Erfolg und Risikobereitschaft von der Regierung nicht nur gehemmt, sondern notfalls abgestraft wird, tut dies ein innovativer Kopf nach dem anderen. Während Dagny Taggart, Erbin eines Eisenbahnunternehmens, versucht, aller gesetzlichen Blockaden und Winkelzüge zum Trotz ihr Unternehmen neu zu beleben, verschwinden einst ähnlich streitwillige Wirtschaftsleute von der Bildfläche. Sie alle folgen dem Ruf jenes Mannes, nach dem die Zurückgelassenen in ihrer Hilflosigkeit und Resignation fragen: Wer ist John Galt? John Galt ist ein Ingenieur, der einen revolutionären Motor erfindet. Angesichts der gesellschaftlichen Entwicklungen beschliesst er jedoch, «den Motor der Welt anzuhalten» und jenen, die wirtschaftlichen Erfolg verteufeln, vor Augen zu führen, wer von wem abhängig ist, wer schafft und wer parasitiert. Sein Credo ist jenes von Ayn Rand und ihrer Philosophie, dem Objektivismus: «Bei meinem Leben und meiner Liebe zum Leben schwöre ich, dass ich niemals um eines anderen Menschen willen leben werde, noch von einem anderen verlangen werde, um meinetwillen zu leben.» Aus dieser Idee des «rationalen Egoismus» leitet Rand eine Ablehnung aller sozialstaatlichen Institutionen und staatlichen Marktinterventionen, ein Ja zum Laisser-faire-Kapitalismus ab.

Ayn Rands Kritikern widerstrebte – neben dem als hölzern abgetanen Schreibstil und den schablonenhaften Charakteren – vor allem die Kälte und Erbarmungslosigkeit, die ihrer Meinung nach von Rands Ideen ausgingen. In einer vielzitierten Kritik im konservativen Magazin National Review meinte der angesehene Intellektuelle Whittaker Chambers gar, er vernehme von jeder Seite des Romans eine Stimme, die mit schmerzhafter Dringlichkeit befehle: «In die Gaskammer – geh!» Der amerikanische Schriftsteller und kürzlich verstorbene Intellektuelle Gore Vidal doppelte nach und urteilte, Rands Philosophie sei beinahe perfekt in ihrer Amoral. Der Gründer der National Review, William F. Buckley, Jr., urteilte – oder vielmehr: hoffte – in seinem Nachruf auf Ayn Rand 1982, mit ihrem Tod habe sich auch ihre Philosophie erledigt. Buckley ignorierte indes, was die New York Times angesichts der Popularität Rands in der Administration Reagan schon in den Achtzigerjahren nüchtern notierte: Viele von Rands Ideen seien längst konservativer Mainstream geworden. Ironischerweise baute schliesslich auch Buckley in seinem Roman Getting It Right (2003) darauf, dass selbst im 21. Jahrhundert die amerikanischen Leser mit Rand und ihrer Ideenwelt vertraut sind.

Gore Vidal dürfte nicht weit entfernt von der Wahrheit sein, wenn er meint, Atlas Shrugged sei wohl der einzige Roman, den alle Kongressmitglieder gelesen hätten – selbst heute noch. Früher verwies man vor allem auf Unternehmer wie CNN-Gründer Ted Turner, der 1960 die Südstaaten der USA mit Plakaten überziehen liess, welche die berühmte Frage nach John Galt stellten. Als einflussreichster Anhänger galt aber bisweilen Alan Greenspan. Als 25jähriger Berater hatte er bereits Rands innerem Zirkel angehört, liess sich von ihr als «Leichenbestatter» triezen und in stundenlange Diskussionen verwickeln. Ein Gespräch mit Rand, so meinte er später, sei wie ein Schachspiel – man glaube, auf gutem Wege zu sein, werde dann aber plötzlich schachmatt gesetzt. Er verteidigte denn Rands Werk auch gegen Kritiker, die Atlas Shrugged als Hassgeburt bezeichneten. Vielmehr zele­briere der Roman das Leben und die Glückseligkeit: «Gerechtigkeit ist unerbittlich. Kreative Individuen und unbeirrbare Zielstrebigkeit und Rationalität bringen Freude und Erfüllung. Parasiten, die weder ein Ziel haben noch ihren Verstand einsetzen, gehen zu Recht zugrunde», so schrieb er an die New York Times. Über die Jahre sah Rand in Greenspan nicht mehr einen einfachen Anhänger, sondern auch eine Art Mentor, der ihre Kenntnisse der Ökonomie erweitern und ihren Newsletter bereichern konnte. Die Wertschätzung blieb zeitlebens gegenseitig: Als Greenspan 1974 von Präsident Ford als Vorsitzender des Council of Economic Advisers vereidigt wurde, begleiteten ihn neben seiner Mutter auch Ayn Rand und ihr Gatte ins Weisse Haus. Erst in seiner Autobiographie und im Lichte der Finanzkrise distanzierte er sich von seiner intellektuellen Ziehmutter.

Für andere war die jüngste Wirtschaftskrise der USA hingegen Anlass, Rand (wieder) für sich zu entdecken. Bereits im Fe­bruar 2009 bemerkte die Wochenzeitschrift The Economist, dass Ayn Rands Werk eine Renaissance erlebe. Der Amazon-Verkaufsrang von Rands Hauptwerk, so registrierte The Economist, korreliere mit den staatlichen Eingriffen in den Markt. Ob Banken-Bail-out oder Fiskalstimulus: wann immer eine wirtschaftliche Massnahme angekündigt wurde, seien die Verkaufszahlen für Atlas Shrugged gestiegen. 2009 verkaufte sich der Roman über eine halbe Million Mal, nicht zuletzt auch, weil die Anhänger libertärer Ideen eine neue politische Heimat fanden, nämlich die Tea-Party-Bewegung. Der Fernsehberichterstatter Rick Santelli, der mit seiner Tirade über, seiner Meinung nach, verantwortungslose Hausbesitzer der Bewegung 2009 den Startschuss gab, ist von Ayn Rand genauso inspiriert wie jene Teilnehmer der Tea-Party-Demonstrationen, deren Plakate nach John Galt fragten. Rand war und ist für die Tea Party jedoch nicht nur Urheberin dieser beliebten Frage, die Protest und Resignation vereint, sondern auch Ideengeberin für Organisationen, die im Hintergrund tätig sind. Auch das Ayn Rand Institute, gegründet vom Erben Ayn Rands, Leonard Peikoff, hat mittlerweile ein Büro in Washington, D.C., eröffnet, und dessen Direktor Yaron Brook sprach 2011 zu begeisterten Tea-Party-Anhängern an deren Policy Summit, im Januar 2013 war er auf Europatournee, wo Rand noch weitgehend unbekannt ist, und unter anderem auch in Zürich. Die Popularität und Wichtigkeit Rands in der Tea-Party-Bewegung verschaffte der Atheistin schliesslich den Titel der «Schutzheiligen» der Bewegung.

Während die Presse für die Tea Party oft nur Spott übrig hatte, nähren andere Rand-Anhänger eher Ängste, wie sie einst die Autorin zu Lebzeiten provozierte. Der republikanische Kongressabgeordnete und frühere Aspirant auf die Vizepräsidentschaft Paul Ryan hatte für 2012 einen Budgetentwurf vorgelegt, der nur noch als «Ayn-Rand-Budget» kursierte und für viele ein Beleg libertärer Gefühlskälte war. In seinem Plan, die Gesundheitsvorsorge Medicare zu reformieren und die Steuervergünstigungen für Gutverdienende aus der Ära von George W. Bush beizubehalten, glaubte die Newsweek den Geist Ayn Rands zu erkennen: die Armen und Alten schwächen, die Reichen unterstützen. Auch christliche Kreise nahmen Anstoss an Ryans Sparplänen, nicht zuletzt, weil sie den Einfluss einer Atheistin auf die republikanische Partei verurteilten. Tatsächlich kursierte nur kurz nach der Veröffentlichung von Ryans Budgetentwurf ein YouTube-Video des American Values Network, das Konservative daran erinnerte, Rand sei «gegen Gott» gewesen und ihre anhaltende Popularität entsprechend bedenklich. Ryan selbst fühlte sich später gezwungen, nicht nur seinen Budgetentwurf zu überarbeiten, sondern auch seine Verehrung für Rand zu
relativieren.

«Wer hat Angst vor Ayn Rand?», ist man mit Verweis auf Edward Albees Theaterstück versucht zu fragen – und: zu Recht? Ja, meint zumindest Journalist Gary Weiss in seinem Buch Ayn Rand Nation: The Hidden Struggle for America’s Soul (2012). Er spürt darin Personen nach, die lange mit Ayn Rand verbunden waren wie ihre einstige Vertraute und Frau ihres Geliebten, Barbara Branden, sowie jenen, die von Rand ebenso fasziniert wie abge­stossen sind, wie etwa Regisseur Oliver Stone. Fürchten müsse man aber, so Weiss, vor allem jene, die Rands Ideen zu verwirklichen gedenken, so beispielsweise den Direktor des Ayn Rand In­stitutes, der in einem Buch zusammen mit Don Watkins eine Free Market Revolution (2012) anregen möchte, oder den früheren CEO der Bank BB&T, John Allison. Unter dessen Leitung begann BB&T, Universitätskurse zur Ideengeschichte des Kapitalismus zu sponsern, allerdings unter der Bedingung, dass Ayn Rands Werk Berücksichtigung finde. Wegen dieser Einmischung in Lehrinhalte lehnten zahlreiche Hochschulen diese Zuwendung ab, doch andere, etwa die Marshall University in West Virginia oder die University of North Carolina in Charlotte, empfanden es als gute Gelegenheit, ihr Kursangebot zu erweitern.

Gary Weiss warnt vor einem Amerika, das sich Ayn Rands Ethik des rationalen Egoismus verschreibt. Rand-Anhänger wie Julian Assange von Wikileaks oder der CEO der Öko-Supermarktkette WholeFoods, John Mackey, tauchen in diesem Bericht und ähnlichen negativen Berichten nicht auf, genauso wenig wie Rands Rolle als Inspirationsquelle Kreativer. Wie in der Wirtschaftswelt hat Rand auch in der amerikanischen Popkultur einen festen Platz. Wenn der jüngste Sprössling der gelben Trickfilmfamilie Simpsons, die ansonsten stumme Maggie, das erste Mal zu einer Rede ansetzt, schlüpft sie in die Rolle Howard Roarks. Die Kindertagesstätte, der Maggie in einer Folge anvertraut wird, ist denn auch just die Ayn Rand School for Tots, in der eine Frau mit strenger Frisur und verdächtig russischem Akzent die eiserne Fountainhead Diet durchsetzt. Derweil kreierte Steve Ditko, einst Zeichner von Spiderman, mit Mr A einen maskierten Objektivisten, der wiederum den Schöpfer des Kultcomics Watchmen, Alan Moore, inspirierte. Auch in die Welt der Computerspiele ist Rand eingedrungen, namentlich in jene von BioShock, wo «Fountainhead Cabernet Sauvignon» getrunken wird und Plakate «Who is Atlas?» fragen. Und schliesslich liegt ein Buch von Ayn Rand auf dem Schreibtisch einer Hauptfigur der Kultserie Mad Men, und die jugendliche Heldin der beliebten Serie Gilmore Girls versucht ihren Freund davon zu überzeugen, Rands Romanen eine zweite Chance zu geben, während in Woody Allens To Rome with Love (2012) Monica meint, sie würde alles für eine Nacht mit Howard Roark tun. Doch nicht nur fiktive Architekten wie der junge Mann, von dem Woody Allen die schwärmerische Monica träumen lässt, finden sich in Rands Helden wieder, sondern auch reale Stars der Szene wie Zaha Hadid. Im deutschsprachigen Raum finden sich wenige namhafte Rand-Verehrer – die Neuübersetzung von Atlas Shrugged mag dies vielleicht nicht ändern, bringt aber Rands Werk hoffentlich wieder jene Beachtung, die es aufgrund seiner Wirkmacht verdient.

«Unverzichtbare Lektüre:
eine intellektuelle Zündkerze, die das
Weiterdenken in Gang bringt.»
Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
über den «Schweizer Monat»