Wer fühlt, hat recht
Cora Stephan, fotografiert von Hans Scherhaufer_CC BY-SA 3.0 de.

Wer fühlt, hat recht

Zahlen, Daten und Fakten sind kühl und unnahbar. Viel einfacher ist es, auf das eigene Gefühl zu vertrauen. So baut sich heute jeder seine eigene Realität zusammen. Das ist nicht nur antiaufklärerisch, es torpediert auch den Diskurs.

Aufklärung» ist eine Erfindung toter weisser Männer. Schluss damit. Gehen Sie weiter, es gibt hier nichts zu klären! Höchstens zu fühlen. Wer fühlt, hat recht. Und wer betroffen ist, bestimmen die Betroffenen. Noch Fragen?

Na ja, vielleicht habe ja auch ich das bloss gefühlt: dass es einmal eine Zeit gegeben hat, in der Entrüstung nicht als politische Kategorie galt, als es sogar ab und an um Sachfragen ging und als Politiker die Welt mit ihrem Privatleben und ihren Gefühlen verschonten. Asche und Staub: Seit der Wahlkampf auf permanent gestellt ist und Spindoktoren verkünden, dem Wähler sei mit Gefühlen, nicht mit Argumenten zu kommen, sieht man von Sachen und den mit ihnen verbundenen Fragen besser ab.

Selbst der Wetterbericht kommt uns nicht mehr mit kalten Zahlen und harten Fakten. Da draussen mögen drei Grad Celsius gemessen werden, aber «gefühlt» sind es zwei Grad minus. Und das Klima – lediglich eine statistische Sicht auf Wetterdaten der Vergangenheit – hat mittlerweile Subjektstatus und muss geschützt, gerettet, bewahrt werden.1 Eine Zahl retten? Darauf muss man erst mal kommen. Märchenhaft.

«Persönliche Betroffenheit ist weder kompromiss- noch politikfähig.»

Für andere Zahlen gilt das nicht. Hat Angela Merkel einst die durchaus vernünftigen Pläne einer Steuerreform ihres «Professors aus Heidelberg» aufgegeben, weil die Zahlen und Fakten nicht genug Wärme ausstrahlten? Schon möglich. Beinahe hätte sie 2005 die Wahl gegen Gerhard Schröder verloren, der mit einer Kampagne mit dem sinnigen Namen «Wärmestrom» gegen die «Eiskönigin» anging.2 Seither widmet sich Frau Merkel mit nunmehr heissem Herzen nicht mehr innenpolitischen Belangen, sondern der Rettung der Welt. Damit kann man nichts falsch machen.

Seit sie vom «femininen Prinzip» reden gehört und es für sich zu nutzen gelernt haben, versichern Politikerinnen gern, dass Zahlen, Fakten, Daten kalt, also männlich seien. Bei den öffentlichen Debatten um Thilo Sarrazins Buch «Deutschland schafft sich ab» im Jahr 2010 lautete das Hauptargument vieler der beteiligten Frauen, Sarrazins «Hantieren» mit Zahlen und Statistiken sei «unmenschlich» und «gefühlskalt». Für mich war das der Kulminationspunkt des «Betroffenheitskults».3 So führt das, was den Frauen nachgesagt wird – ihre grössere Fähigkeit zu Empathie –, politisch gewendet zu einer Ablehnung all dessen, was Sache ist. Das ist praktisch, denn wenn Zahlen und Daten, wenn faktische Aussagen nichts gelten, kann man sich die Wirklichkeit so zurechtschnitzen, wie es dem eigenen Gefühl entspricht – oder dem, was man der umworbenen Klientel unterstellt.

Halt! Wirklichkeit – ist das nicht ein Konstrukt? Wahrheit – ist die nicht relativ?

In seinem neuen Buch zitiert der britische Publizist Douglas Murray amerikanische Studenten an Universitäten und Colleges ausführlich und mit erschreckenden Botschaften, etwa: Die Wahrheit sei «ein Konstrukt des westlichen Europa» und Objektivität heisse, «unterdrückte Völker zum Schweigen zu bringen».4 In anderen Worten: «Don’t tell me about facts. I don’t need no facts.»5 Jedenfalls nicht dann, wenn man sich als Teil eines unterdrückten Volkes fühlen darf. Oder überhaupt als Opfer. Dann ist alles erlaubt.

In einer Märchenwelt ist nichts unmöglich. Auch nicht, dass ein junges Mädchen die Mächtigen der Welt für ihr Unglück verantwortlich macht und diese sie dafür auch noch beklatschen. Oder dass ein Mensch, der weder männlich noch weiblich ist, was überaus selten vorkommt, darauf bestehen darf, dass amtlicherseits künftig ein «drittes Geschlecht» vorgesehen wird. Das kann man sensibel nennen oder auch übertrieben. Und dass ein Mann nach einer Geschlechtsumwandlung im Leistungssport gegen Frauen konkurriert und gewinnt, wie im Fall der alle Mitspielerinnen überragenden Basketballspielerin Gabrielle Ludwig6, zeigt zwar, dass der Unterschied zwischen Mann und Frau nicht nur den Hormonen geschuldet ist. Aber in die Märchenwelt passt es.

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Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
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