Wer die Qual hat, hat die Wahl

Die freie Pensionskassenwahl wird häufig als Allheilmittel für Vorsorgeprobleme in der modernen Arbeitswelt angepriesen. Die Medaille hat aber zwei Seiten. Eine Analyse.

 

Gastronomen können ein Lied davon singen: «Könnte ich bitte das Menü 1 mit Pommes frites statt Bratkartoffeln haben? Und einen Salat dazu anstelle der Suppe?» Statt das Mittagessen wie auf der Speisekarte abgedruckt zu bestellen, wird es auf die persönlichen Vorlieben hin angepasst und optimiert. Genau so, wie wir bei unserer Ferienplanung, unserer Wohnsituation und unserer Freizeitgestaltung jedweden «Mainstream» mit Stolz verpönen. Der dahinterliegende Trend zur Individualisierung macht auch vor der Altersvorsorge keinen Halt: Eine Pensionskasse, die nicht mindestens drei verschiedene Wahlmöglichkeiten für die Beitragssätze der Arbeitnehmer vorsieht, gilt rasch als rückständig; vom Angebot der individuell wählbaren Anlagestrategie im Hochlohnsegment ganz zu schweigen.

Parallel zu dieser Entwicklung hat sich bekanntlich auch unsere Arbeitswelt verändert. Während es vor der Einführung des BVG-Obligatoriums noch gang und gäbe war, dass man sein Arbeitsleben in ein und demselben Betrieb verbrachte, sind derartige Karrieren heute selten. Doch nicht nur das: Neben einem häufigeren Wechsel des Arbeitgebers nimmt auch die Teilzeitbeschäftigung stetig zu. Wie die Schweizerische Arbeitskräfteerhebung (SAKE) des BFS zeigt, arbeiten heute knapp 37 Prozent aller Erwerbstätigen Teilzeit, bei den Frauen ist es gar die Mehrheit. Diese neuen Erwerbskarrieren und Beschäftigungsmodelle treffen auf vergleichsweise alte Strukturen in der Altersvorsorge. Während sich die daraus entstehenden Probleme in der ersten und dritten Säule regulatorisch einfach lösen lassen, greifen die Konsequenzen in der zweiten Säule tiefer. Zum einen nehmen Arbeitnehmer bei einem Wechsel der Vorsorgeeinrichtung in aller Regel nur das angehäufte Sparkapital mit, während beispielsweise Wertschwankungsreserven oder technische Rückstellungen bei der bisherigen Pensionskasse verbleiben – dies auch dann, wenn es der neuen Versicherung des Arbeitnehmers finanziell schlechter geht. Zum anderen leiden insbesondere Teilzeitangestellte und Mehrfachbeschäftigte unter dem Koordinationsabzug. Dieser wird vom Bruttolohn abgezogen, da er durch Leistungen aus der ersten Säule gedeckt ist und der Betrag damit doppelt versichert wäre. Bei einer oder mehreren Teilzeitanstellungen kann dies also zur Folge haben, dass der Betrag von aktuell knapp 25 000 Franken in voller Höhe oder gar mehrfach abgezogen wird und damit kaum mehr Lohnsubstanz verbleibt, die effektiv versichert wird.

Als Lösung für diese Herausforderungen wird in jüngster Zeit vermehrt die freie Pensionskassenwahl vorgebracht.1 Die Idee dahinter: Die Anbindung der Vorsorgeeinrichtung erfolgt neu über den Arbeitnehmer und nicht mehr über den Arbeitgeber. Das heisst, die Versicherten suchen sich wie bei der Krankenkasse oder der Hausratsversicherung eine Lösung auf dem Markt, die zu ihren Bedürfnissen und ihrer individuellen Ausgangslage passt. Der Arbeitgeber verbleibt Finanzierungspartner, wird aber von seinen weiteren Verpflichtungen entbunden. Wenngleich konkrete Umsetzungsvorschläge fehlen, verdient die Lösung Beachtung. Allerdings ist es wie so oft mit angeblichen Wundermitteln: Sie bringen Wirkungen, aber auch Nebenwirkungen mit sich.

Heilungschancen

Auf der Seite der erwünschten Effekte lässt sich tatsächlich die Lösung der vorgenannten Probleme mit den heutigen Regelungen nennen: Wechselt ein Arbeitnehmer seine Stelle, bleibt das Vorsorgekapital inklusive aller Reserven und Rückstellungen einfach bei der gewählten Vorsorgeeinrichtung stehen. Einzig die Finanzierungspflicht geht auf den neuen Arbeitgeber über, der sich je nach Konstellation grosszügiger oder zurückhaltender an den Beiträgen beteiligen kann. Zumindest im Sinne der heutigen BVG-Minimalbestimmungen müsste auch bei dieser Lösung ein Mindestanteil des Arbeitgebers fixiert werden, um ein genügendes Vorsorgeniveau sicherzustellen. Ob Arbeitgeber weiterhin bereit wären, überobligatorisch, das heisst über das gesetzliche Mindestmass hinaus, Beiträge zu leisten, müsste sich zeigen. In Anbetracht der heute – zumindest ausserhalb von Tieflohnbranchen – oftmals stark überobligatorischen Vorsorgepläne stehen die Chancen aber nicht schlecht.

Auch für Personen mit einer oder mehreren Teilzeitstellen würde sich das genannte Problem lösen. Für sie wäre es möglich, eine zentrale Vorsorgelösung zu wählen, die sicherstellt, dass ein entsprechender Anteil der Lohnsumme für die Vorsorge reserviert bleibt. Denkbar wäre gar, Teilzeitstellen von Ehe- oder Lebenspartnern zusammenzufassen, wenn…

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Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»