Wenn «sie» kommen, ist es schon zu spät
Bild: Hoffmann und Campe, 2022.

Wenn «sie» kommen, ist es schon zu spät

Kay Dick: Sie. Szenen des Unbehagens.

 

Die literarische Verarbeitung des Totalitarismus brachte noch im 20. Jahrhundert Klassiker hervor, allen voran «Brave New World» von Aldous Huxley sowie «Animal Farm» und «1984» von George Orwell. Darüber hinaus existiert eine Reihe nicht ganz so bekannter Titel, die ebenso drastisch darlegten, was es heisst, in einer Gesellschaft zu leben, in der die Masse alles ist, während bereits die gedankliche Abweichung Gefahr läuft, sanktioniert zu werden. Hierzu zählen «Wir» von Jew­geni Samjatin, «We the Living» und «Anthem» von Ayn Rand sowie «Kallocain» von Karin Boye. All diese Arbeiten entstammen der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts, 1951 läutete Ray Bradburys Science-Fiction-Dystopie «Fahrenheit 451» dann die zweite ein.

Lange war vergessen, dass auch Kay Dick (1915–2001) zur Kritik des Totalitarismus beigetragen hatte. Dies ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert, denn die im deutschsprachigen Raum kaum gelesene englische Schriftstellerin war zwar Orwells Zeitgenossin, hatte mit diesem jedoch weder Sujets geteilt noch war sie in Auseinandersetzungen um den Stalinismus oder um die Blockkonfrontation politisch hervorgetreten. Bekannt war sie vielmehr als sozial provokante Bohémienne und als gefeierter Star des Londoner Literaturlebens, deren Romane in eine gänzlich andere Richtung wiesen. Eine ihrer späten Prosaarbeiten jedoch, die 1977 veröffentlichte Novelle «They», fällt in Dicks Gesamtwerk merklich aus dem Rahmen. Darin wird ein Szenario entworfen, das angesichts der Debatten und Ereignisse der Gegenwart geradezu beklemmend anmutet.

Die neun Episoden spielen in einem totalitär gewordenen England, in dem «sie» walten – wer «sie» sind, was «sie» antreibt und wie «sie» organisiert sind, wird allerdings nicht präzisiert. Bekannt ist lediglich, dass «sie» anfangs noch «Gegenstand für Parodien in der Presse» gewesen waren, bevor sie dann die Macht übernahmen und ihre Willkürherrschaft einsetzte: «Jetzt schrieb niemand mehr über sie. Es war zu gefährlich.» Denn «sie» holen sich nach Belieben missliebige Bücher und Andersdenkende – und zwar im besonderen jene, die der Freiheit künstlerischen Ausdruck verleihen, um ihnen das Augenlicht oder das Gehör zu nehmen. Schon die erste Episode, «Gefahr am Horizont», kündigt den totalen Albtraum an. Aus den Regalen verschwinden nicht etwa politisch missliebige Schriften, sondern Philosophie von John Stuart Mill, Gedichte von Percy Bysshe Shelley und Kurzgeschichten von Katherine Mansfield. «Sie waren sehr gründlich, wenn sie sich erst einmal ein Ziel erwählt hatten», heisst es in der nächsten Episode.

In Grossbritannien war «They» lange vergessen. 2020 wurde die Novelle dort neu aufgelegt, nun liegt sie glücklicherweise auch auf Deutsch vor. Es handelt sich um eine brisante Wiederentdeckung. Ende der 1970er-Jahre, als der ökonomische Wohlstand und die neuen sozialen Bewegungen für fortschreitende gesellschaftliche Liberalisierung sorgten, blieb Kay Dicks Warnung vor der Gefährdung des freien Denkens ungehört. Heute lässt sie nahezu das Blut gefrieren.

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Julia Hänni, Bundesrichterin,
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