Wenn’s meiner Grossmutter gefällt, dann ist es gelungen

Der Künstler Olaf Breuning

Wenn’s meiner Grossmutter gefällt, dann ist es gelungen

«Das soll Kunst sein?» Bei Ausstellungen wie «Eros – Rodin und Picasso», «Monets Garten» oder «Paul Klee – Melodie und Rhythmus» stellt kein Besucher mehr diese verstörte Frage. Ein Poster von Rothko schmückt bald jedes zweite Arbeitszimmer, und Glückwünsche werden gerne auf Karten mit einem Motiv von Magritte oder Kandinsky geschrieben. Die klassische Moderne gehört zur ästhetischen Gewohnheit und Gewöhnlichkeit der Gegenwart.

Wie anders ist der Umgang mit zeitgenössischer Kunst! Sie ist hin und wieder gut für einen Skandal, manchmal kann man auch über sie lachen wie über einen Kinderstreich. Doch meist ruft sie nur ein Kopfschütteln hervor: «Das soll Kunst sein?»

Den jungen Schweizer Künstler Olaf Breuning überrascht das nicht: «Diese Kunst holt die Leute nicht ab. Die Klassik war abgeschlossen, etwas Neues noch nicht gefunden, und die Künstler begannen wie Wissenschafter zu experimentieren, um andere, eigene Ausdrucksweisen zu finden. In dieser Selbstfindungsphase hat sich die Kunst in eine Nische zurückgezogen.»

«Sie meinen, sie war zeitweise eine akademische Disziplin wie die Molekularbiologie? Mit dem Unterschied, dass die zeitgenössische Kunst wollte, dass die wissenschaftlichen Ergebnisse ihres Forschungsalltags von Laien verstanden würden?»

«Ein arroganter Anspruch.»

«Und wenn das Publikum selbst den Anspruch hat?»

«Genauso arrogant.»

«Die Veröffentlichungen der Molekularbiologen in den einschlägigen Zeitschriften werden nur von Fachkollegen gelesen; für das breite Publikum müssen die Ergebnisse laiengerecht aufbereitet werden. Muss die zeitgenössische Kunst ähnliches leisten?»

«Kunst braucht einen Zugang, und am einfachsten gelingt dieser über die Ästhetik. ‹Was für schöne Formen, und was für schöne Farben!›, wenn das die Leute sagen, dann wird die Kunst verständlich. Meine Grossmutter mag meine Arbeit mit den Schneemännern, weil sie sie vielleicht an die Schneemänner ihrer Kindheit erinnert. Darauf kommt es an.»

«Wenn sie nun aber im Türrahmen dieses Zugangs stehen bleibt, nicht weitergeht, sind Sie dann nicht enttäuscht?»

«Hauptsache, die Tür zu den Deutungen steht weit offen; Hauptsache, die Oberfläche ist einladend. Wie tief der Betrachter durch die Türen in die weiteren Dimensionen des Bildes tritt, ist seine Sache.»

«Wenn nicht nur Ihre Grossmutter, sondern noch viele andere sich auf der Oberfläche so wohl fühlen, dass sie dort bleiben, fühlen Sie sich dann nicht doch auf die Dauer missverstanden?»

«Eine sehr europäische Frage! Ich lebe in New York und liebe und geniesse den amerikanischen Small Talk. In Amerika gibt es nicht diese ständige Forderung nach tieferer Bedeutung. Mir ist oft auch nicht klar, was ich sagen will. Ich vermittle, was ich wahrnehme, aber das heisst nicht, dass ich das Wahrgenommene verstanden habe. Es ist viel interessanter, wenn meine Bilder nicht verstanden werden.»

«Ist das der Grund, warum Sie so erfolgreich sind und Ihre Bilder sich gut verkaufen?»

«Die Welt des modernen Menschen ist rationalisiert. Er meint, alles rund um sich verstehen zu können. Seine Welt ist ohne Geheimnisse und Mehrdeutigkeiten. Das Fremde an der Kunst, das Deutungsoffene, ist daher gerade das, was er sucht. Daher muss Kunst unverständlich sein.»

Gelungene Kunst, so könnte also eine der vielen möglichen Definitionen lauten, ist die ästhetische Verpackung von etwas, das der Künstler nicht verstanden hat und andere nicht verstehen müssen. Die Kunst von Olaf Breuning? Ein Akt der Befreiung! Humor statt Bedeutungsschwere, Phantastisches statt Zweckmässigkeit.

Olaf Breuning lebt in New York, wohin er 1995, nach Abschluss seiner Ausbildung an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich (HGKZ), gezogen ist. Seine Photoinszenierungen, Videos und Zeichnungen sind international bekannt und werden weltweit ausgestellt. Abbildungen seiner Werke finden sich auf den Seiten 12, 30–35, 41, sowie dem Titelblatt und der Innenklappe.

«Der Entkalker fürs Hirn:
Nicht links, nicht rechts –
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Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
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