Wenn Mutterschaft arm macht

Eine Geburt führt oft zu gravierenden Lohneinbussen bei Müttern, was Ungleichheiten über ganze Generationen hinweg verstärkt. Denn: der finanzielle Mangel beeinflusst auch die Entwicklung der Kinder negativ.

Frau Harkness, welche Erklärung gibt es dafür, dass Frauen mit niedrigerem Bildungsstand statistisch gesehen früh Kinder bekommen – selbst wenn sie finanziell nicht gut abgesichert sind oder keinen festen Partner haben?

Das ist eine interessante Einstiegsfrage. Wir wissen zwar nicht sehr viel über ihre Motive, aber ein Teil davon hängt vermutlich damit zusammen, dass hochqualifizierte Frauen die nächste Stufe ihrer Karriere gefährdet sehen, wenn sie ein Kind bekommen.
Elternschaft ist mit Kosten verbunden, und wer beruflich weniger qualifiziert ist, wird sehr wahrscheinlich nicht die gleichen Karriereopfer bringen müssen. Ausserdem ist heutzutage natürlich auch mehr staatliche Unterstützung gegeben: Es gibt ein Netz und Geringqualifizierte können fallen, aber nicht ganz so tief, so dass ihre potentiellen Kosten insgesamt viel geringer sind. Frauen mit hohem Bildungsstand haben natürlich auch bei einer Scheidung mehr zu verlieren: Ihr Einkommen wird viel stärker sinken, als wenn sie schlecht ausgebildet wären.

Trägt denn die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern auch zur Einkommensungleichheit an sich bei?

Ja, sehr viel sogar, und zwar weil die Familienstrukturen sich ändern. In Grossbritannien gibt es heute mehr alleinerziehende erwerbstätige Mütter als Familienväter, die Alleinverdiener sind – und die Armutsquote unter diesen Müttern ist sehr hoch. Ein hohes Mass an finanzieller Unsicherheit ist allerdings, wie wir aus entsprechenden Untersuchungen wissen, nicht nur schlecht für das Familienleben, sondern auch für die kognitive und emo­tionale Entwicklung von Kindern.

Alleinerziehende Frauen dabei zu unterstützen, Arbeit zu finden, würde also mehr zum Abbau der Ungleichheit beitragen, als nur die Lohnlücke zu schliessen?

So ist es. Man kann es nicht laut genug sagen: Die starke Zunahme bei den Alleinerziehenden ist eine der wichtigsten gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten dreissig Jahre – und demografische Prognosen deuten darauf hin, dass sie sich in den nächsten zwanzig Jahren noch verstärken wird. Das hat natürlich enormen Einfluss auf die Chancengleichheit und die soziale Mobilität zwischen den Generationen.

Bevor wir dazu kommen: Wie werden diese Entwicklungen heute von Ungleichheitsstudien berücksichtigt?

Diese Studien konzentrieren sich heute auf die Enden der globalen Einkommensverteilung, aber es ist der Mittelpart, der mit dieser Entwicklung instabil wird – nicht nur bei den Einkommen, sondern auch auf politischer Ebene. Und was ebenfalls vernachlässigt wird, sind Geschlecht und Familienstrukturen. Es wird zwar viel Wert auf die soziale Mobilität zwischen Vätern und Söhnen gelegt, aber nicht darauf, was geschieht, wenn ein Kind bei einem alleinerziehenden Elternteil lebt – was wohlbemerkt bei 40 bis 50 Prozent der Kinder in Grossbritannien der Fall ist, die derzeit volljährig werden. Das ist enorm! Ein Viertel der Kinder wächst durchwegs mit nur einem Elternteil auf, meistens mit der Mutter.

Was bedeutet das für die soziale Mobilität zwischen den Generationen? 

Sie erlahmt. Wenn wir weiterhin nur an Väter und Söhne denken, verpassen wir eine wirklich wichtige Veränderung, die sich unverhältnismässig stark auf den tieferen Bildungsstufen konzentriert. Und sie betrifft uns alle: Wenn in der Schweiz 15 Prozent der Kinder mit einem Elternteil aufwachsen, sind das für die Ungleichheit und ihr Weiterbestehen über die Generationen hinweg immer noch hochrelevante Faktoren.

Denn: Kinder alleinerziehender Eltern schneiden hinsichtlich ihrer kognitiven und emotionalen Entwicklung schlechter ab. Warum ist Ihre Schlussfolgerung die, dass das hauptsächlich auf einen Mangel an finanziellen Ressourcen und nicht auf andere Faktoren wie Erziehungsstil oder eine Trennung der Eltern zurückzuführen ist?

Wenn eine alleinerziehende Mutter ein Kind aufzieht, kann es sein, dass Merkmale wie niedrigerer Bildungsstand und jüngeres Alter es wahrscheinlicher machen, dass das Kind sich auch dann nicht optimal entwickelt, wenn kein finanzieller Stress vorhanden gewesen wäre. Das muss man natürlich mitbedenken. Und ja, Kinder von Alleinerziehenden geht es zum Teil weniger gut, weil das aufgrund ihrer gesamten Lebenssituation sowieso der Fall gewesen wäre. Die zweite Frage ist allerdings, ob finanzieller Stress für sich genommen Auswirkungen auf Kinder hat, und wir haben Daten, die besagen: Ja, das hat er.

Wie lässt sich das belegen?

Wer in Grossbritannien alleinerziehend ist, erzielt unter ansonsten identischen Umständen ein viel niedrigeres Einkommen, als wenn er verpartnert geblieben wäre. Bezüglich der Faktoren, die wir messen können, wissen wir ausserdem, dass es nicht die Familienstruktur an sich ist, die den grössten Einfluss hat. Kinder mit einem Stiefelternteil beispielsweise entwickeln sich nicht besser, als es nur mit einem Elternteil der Fall wäre. Wenn man alleinerziehende Mütter vergleichbaren Frauen in Paaren gegenüberstellt und untersucht, wie oft sie etwa nachts ihr Kleinkind beruhigen, sieht man auch keinerlei Unterschiede im Erziehungsstil. Da ist absolut nichts zu finden. Was wir allerdings sehen, ist ein grosser finanzieller Schock. Und viele Studien haben gezeigt, dass es für Kinder wichtig ist, in finanziell gesicherten Umständen zu leben.

Weiss man heute, wie genau eine finanzielle Mangelsituation die Psyche und den Lebenserfolg von Kindern beeinträchtigt?

Stress, auch finanzieller Art, schadet den neuronalen Strukturen, die für die Kognition verantwortlich sind, Depressionen der Mutter sind ein weiterer Faktor. Auch das Risiko, dass ein Kind selbst depressiv wird, ist viel höher. Konkrete Zusammenhänge wie diese sind relevant, aber es ist wichtig, zur Kenntnis zu nehmen, dass die kognitiven Auswirkungen auch unabhängig von ihnen in erster Linie mit wirtschaftlichen Faktoren korrelieren.

Einem McKinsey-Bericht zufolge liesse sich das globale BIP um 12 Billionen Dollar steigern, indem man die Gleichstellung der Frauen in der Wirtschaft verbessert. Aber beruht das Lohngefälle in westlichen Ländern heute wirklich noch darauf, dass Frauen schlechter
bezahlt werden, oder nicht eher auf Erwerbseinbussen bei Frauen mit Kindern?

Richtig, wenn man sich das Lohngefälle zwischen Männern und Frauen anschaut, geht es im Grunde um Mutterschaft. Ein Kind zu bekommen geht mit einem Rückgang des Einkommens um rund 25 Prozent einher, und zwar hauptsächlich, weil die Löhne sinken. Es gibt aber durchaus Unterschiede. Während es in den USA zwischenzeitlich zwar zu finanziellen Einbussen kommt, wachsen diese im Laufe der Zeit nicht mehr. Wenn also eine Frau im Alter von 30 Jahren Mutter wird, wird sie finanziell «bestraft», ihr Einkommen wächst später aber normal weiter. In Grossbritannien wächst es nicht mehr, sondern flacht fast vollständig ab. Und wenn eine Frau in jungem Alter ein Kind bekommt und ihr Einkommen nicht sehr hoch ist, dann bleibt es nicht nur dabei – es wird schlechter. Motivierend ist das nicht, weder zum Kinderkriegen noch zum Wiedereinsteigen.

«Wenn Ihre eigene Mutter nicht gearbeitet hat, ist es viel wahrscheinlicher, dass Sie selber auch denken, dass Sie nicht arbeiten sollten, wenn Sie Kinder haben.»

Sind diese Einbussen nicht auch teilweise dadurch bedingt, dass viele Frauen Teilzeit arbeiten, sobald sie eine Familie haben?

Frauen in den USA arbeiten sehr oft Vollzeit und es kommt trotzdem zu Einbussen – aber nur vorübergehend. Die Einkommenskurve an sich ändert sich nicht, es handelt sich also um eine «fixe» Einbusse. In Grossbritannien hingegen ist die Zahl der Frauen, die nach der Geburt einer Vollzeitbeschäftigung nachgehen, sehr, sehr gering. Und dieser Verlust von Arbeitserfahrung, entweder weil sie arbeitslos sind oder Teilzeit arbeiten, wirkt sich ausgesprochen negativ auf ihre beruflichen Aussichten aus.

Was hat hier den stärkeren Effekt: dass Mütter bewusst weniger bis gar nicht arbeiten wollen oder dass sie gar keine adäquate Anstellung mehr bekommen?

Das ist nicht so eindeutig. Unter anderem, weil kulturelle Faktoren dabei eine wichtige Rolle spielen. Wenn Ihre eigene Mutter nicht gearbeitet hat, ist es viel wahrscheinlicher, dass Sie selber auch denken, dass Sie nicht arbeiten sollten, sobald Sie Kinder haben – solche generationenübergreifende kulturelle Einstellungen sind tief verwurzelt. Merkwürdigerweise ist es in Grossbritannien aber zugleich auch so, dass gerade die Frauen mit den progressivsten Einstellungen nach einer Geburt den Arbeitsmarkt ganz verlassen. Wir wissen nicht genau, warum, aber wir wissen, dass sie konservativer werden, sobald sie ein Kind bekommen.

Wie wirken sich soziale Infrastruktur und politische Massnahmen auf die Einstellungen von Müttern aus?

Dass überhaupt Kinderbetreuung verfügbar ist, hat natürlich ein enormes Gewicht. Im Falle des Vereinigten Königreichs haben sich ausserdem die Reformen im Rahmen von New Labour in den 2000er Jahren kulturell stark ausgewirkt. Während es in den 1990er Jahren für alleinerziehende Eltern völlig akzeptabel war, von Sozialleistungen zu leben, hat die Zahl der Erwerbstätigen seit der Einführung von Steuergutschriften immens zugenommen. Diese Gutschriften belohnten Arbeit, brachten aber denen, die keinen Job hatten, keine Nachteile – von daher war es ein relativ sanfter Ansatz, um alleinerziehende Eltern zur Arbeit zu bewegen. Diese Veränderung hat sich fortgesetzt: Heute wird es viel eher akzeptiert oder sogar erwartet, dass alleinerziehende Eltern arbeiten. Ich denke also, politische Massnahmen haben sehr viel Einfluss. Heute sollten sie sich aber vor allem damit befassen, wie die Kosten für Kinder – und zwar einschliesslich der Karrierekosten – gleichmässiger aufgeteilt werden können.

Island hat im Jahr 2000 einen obligatorischen Vaterschaftsurlaub eingeführt. Halten Sie das für einen sinnvollen Schritt hin zu einer faireren Aufteilung dieser Kosten?

Ich halte das in vielerlei Hinsicht für eine grossartige Idee. In Grossbritannien haben wir einen geteilten Elternurlaub eingeführt und er wird furchtbar wenig beansprucht. Übrigens erleiden Männer, die in Vaterschaftsurlaub gehen oder sich Zeit nehmen, um für ihre Kinder zu sorgen, ebenfalls finanzielle Einbussen. Das betrifft also nicht nur Frauen – Männer schlagen diesen Weg nur nicht so oft ein.

Wäre nicht ein fakultativer Vaterschaftsurlaub ebenso geeignet? 

Ich vermute, dass er sich nicht etablieren würde – es sei denn, man veranschlagt eine viel höhere finanzielle Entschädigung für diese Zeit. Die Idee, Vätern ein hohes Einkommen dafür zukommen zu lassen, dass sie zu Hause bleiben, während wir schon Mütter nicht immer unterstützen – viele von ihnen fallen aus dem Anspruch auf Mutterschaftsgeld heraus –, scheint allerdings etwas pervers. Darüber hinaus lebt in Grossbritannien jedes zehnte Kind bereits bei der Geburt nur mit einem Elternteil. Es ist also von Anfang an kein Vater da, und ein Vaterschaftsurlaub würde paradoxerweise genau die Familien unterstützen, die sich bereits in einer relativ guten Position befinden, oder sogar bestehende Unterschiede zwischen Frauen verstärken.

Was die Unterschiede zwischen Männern und Frauen angeht: Warum wächst in vielen Ländern das Lohngefälle, sobald mehr Frauen arbeiten? Müsste es nicht genau umgekehrt sein?

Das ist natürlich keine allgemeingültige Regel, aber nehmen Sie zum Beispiel Italien: Dieses Land ist hinsichtlich der Gleichstellung nicht enorm fortschrittlich und weist trotzdem ein sehr geringes Lohngefälle auf. Warum? Weil nur eine ausgewählte Gruppe von Frauen arbeitet, nämlich diejenige mit dem höchsten Bildungsgrad. Wenn man den Rest der weiblichen Bevölkerung effektiv vom Arbeitsmarkt ausschliesst, vergleicht man Frauen mit hohem Bildungsgrad mit der gesamten männlichen Bevölkerung. Aus diesem Grund sind die Lohnunterschiede relativ niedrig, während sie in Finnland – das als «progressiv» gilt – grösser sind. Und zwar gerade weil sehr viele Frauen arbeiten. Entscheidend ist also die Auswahl: Wen vergleicht man mit wem und warum?

Weshalb sehen Sie in wirtschaftlicher Ungleichheit auch die Ursache dafür, dass Männer und Frauen aus der Mittelschicht heute sehr viel seltener heiraten und in instabileren Familienstrukturen leben?

Familienstrukturen waren immer stark mit wirtschaftlichen Chancen verbunden: Während der Rezession beispielsweise stieg der Anteil alleinerziehender Mütter und es wurde weniger geheiratet. Menschen haben eine bestimmte Vorstellung davon, wie es sich anfühlt und in welcher Position sie sich befinden sollten, wenn sie heiraten. Wenn sie sich immer noch bemühen, Essen auf den Tisch zu bringen und ihre Miete zu zahlen, ist das nicht der Fall. Es gibt für die USA sehr viele Untersuchungen, die in diese Richtung zeigen, insbesondere in bezug auf Wohneigentum. In Grossbritannien haben steigende Immobilienpreise einen Übergang in die Ehe möglicherweise erheblich erschwert, da Wohneigentum kulturell Teil eines Gefühls der Zugehörigkeit zur Mittelschicht und, so könnte man sagen, Vorbedingung für eine Ehe ist. Hier hat eine radikale Veränderung stattgefunden: Die Wohneigentumsquoten dieser Menschen sind völlig eingebrochen.

Andererseits ist das Heiraten ja noch keine Garantie für ein stabiles Familienleben.

Natürlich, aber in gewisser Weise ist Heiraten eine Reaktion darauf, dass man sich sicher fühlt. Ich würde es so interpretieren, dass Menschen nicht mehr heiraten, weil ihnen dieses Gefühl fehlt. Was das betrifft, ist in Grossbritannien der Wohnungsmarkt ein besonderes Problem für die Mittelschicht: Wir haben neben einem Wohnungsmangel auch ein ausgesprochen prekäres Mietsystem mit sehr kurzfristigen Mietverträgen, das wirklich nicht zu einer stabilen Wohnsituation beiträgt. Die Hochqualifizierten wohnen immer noch im eigenen Haus, die Nie­drigqualifizierten haben möglicherweise zwar kein Haus, aber mit grösserer Wahrscheinlichkeit Zugang zu Sozialwohnungen oder anderen Arten der Unterbringung. Es ist also genau diese problematische Mitte, die auf Mietwohnungen angewiesen ist und deren Situation instabiler, ich würde sogar sagen, für das
Familienleben ungeeignet wird.

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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