«Wenn man in Frankreich auf die Strasse geht, kann man Dinge verhindern»

Es brauche eine Revolution, und sie sei auch möglich, sagt ein prominenter Anhänger der Gelbwesten.

 

Herr Quadruppani, wie ordnen Sie die Gelbwesten-Bewegung ein?
Für mich handelt es sich um die wichtigste soziale Bewegung Frankreichs seit 1968. Wegen ihrer Dauer, ihrem Beharren, der Form, die sie angenommen hat. Dank des Austauschs an den Kreiseln hat eine enorme Selbstpolitisierung stattgefunden, es war wie eine Volksuniversität. Das ist völlig neu, völlig unerwartet.

Am Samstagnachmittag zu streiken, indem man auf einem Verkehrskreisel grilliert, klingt nicht sehr schwierig. Die aktuellen Proteste in Hongkong sind ungleich kraftvoller.
Das kommt auf den Zeitpunkt drauf an. Jetzt gerade haben die Gelbwesten in der Tat an Kraft verloren. Aber als Hunderttausende von Menschen auf der Strasse und auf den Kreiseln versammelt waren, empfand ich dies nicht als eine schwache Bewegung, im Gegenteil. Der Vergleich mit Hongkong ist schwierig, weil der Kontext ein ganz anderer ist. Was aber interessant ist: Bei den Protesten der Gelbwesten sind viele Regenschirme aufgetaucht, man sieht also, dass sich die verschiedenen Formen von Unruhen gegenseitig inspirieren und unterstützen. Es ist einfach zu kritisieren, dass die Streiks nur am Samstagnachmittag stattfanden. Einerseits stimmt das nicht, es gab auch Personen, die die ganze Woche gestreikt haben. Andererseits konnten gar nicht alle Personen teilnehmen – eine alleinerziehende Mutter mit zwei kleinen Kindern kann nicht streiken.

Warum hat man nicht vor dem Palais Bourbon gestreikt?
Die Kreisel stehen gewissermassen für die Knotenpunkte des Verkehrs, aber auch des Kapitalismus. Indem sie sich des Verkehrs angenommen haben, haben sie auch den modernsten Aspekt des Kapitalismus attackiert: den Transport. Der Kapitalismus von heute funktioniert nur, weil man Waren günstig von einem Ende des Planeten an den anderen bringen kann.

Die Gelbwesten haben keine klaren politischen Forderungen, es vermischen sich ganz unterschiedliche Anliegen.
Es stimmt, dass eine ganze Reihe an Forderungen auf verschiedenen Plattformen publiziert wurden. Was aber zählt, ist die fundamentale Botschaft dieser Bewegung. Einerseits ist das eine Ablehnung der Regierungsweise: Der Entscheid, die Steuer auf Treibstoffe zu erhöhen – als wäre der Klimawandel die Schuld der Autofahrer –, hat das Fass zum Überlaufen gebracht. Die Bevölkerung empfand eine tiefe Ungerechtigkeit und hat sich geweigert, diese Verantwortung auf sich zu nehmen. Diese Verantwortung tragen viel eher die grossen Fabriken. Die Menschen protestierten gegen eine Form der wirtschaftlichen Notwendigkeit, die ihnen gewaltvoll aufgezwungen wurde. Und dann gab es auch die Proteste «Fin du monde, fin du mois»: Durch die Bewegung der Gelbwesten hat man endlich gemerkt, dass es Franzosen gibt, die am Ende des Monats eine von zwei Mahlzeiten auslassen müssen.

Doch indem sie Kreisel blockierten, haben die Gelbwesten andere Bürger auf ihrem Weg zur Arbeit behindert, nicht die Politiker in Paris…
Man kann nicht protestieren, ohne das Funktionieren der Gesellschaft in ihrem Ganzen zu behindern. Wenn es Individuen gibt, die sich daran stören, was geschieht, dann sollen sie sich den anderen anschliessen und ebenfalls streiken. Was ja viele gemacht haben. Es ist kein Zufall, dass die Bewegung gerade am Anfang in der Bevölkerung sehr viel Sympathie genossen hat. Wenn man einen Streik macht, der niemanden stört, dann ist er völlig sinnlos.

Frankreich hat eine lange Tradition der Streiks. Können diese überhaupt noch Wirkung zeigen oder haben sich längst alle daran gewöhnt?
Das ist der einzige Moment, in dem ich stolz bin, Franzose zu sein: Wenn man mir sagt, dass wir eine Tradition des Streikens haben (lacht). Die Maitage von 1968 haben in Frankreich eine institutionelle Form angenommen, die die Staatsmacht zum Erzittern gebracht hat. Seit damals haben die Regierenden Angst vor der Strasse. Wenn man in Frankreich auf die Strasse geht, kann man Dinge verhindern. Ich hoffe, dass dies auch bei zahlreichen anderen…

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»