Wenn Filme (un-)sicher machen

Man könnte sagen, Bilder durch Worte zu vermitteln, in Sprache zu übersetzen, sei müssig. Sie würden ja gerade durch ihre bildnerischen Qualitäten wie Farbe, Komposition oder Oberfläche unmittelbar, als Bilder eben, wirken. Man könnte auch sagen, Filme, also bewegte und meist vertonte Bilder, in Schrift zu übersetzen sei rundweg unmöglich. Man könnte sich dabei auf […]

Man könnte sagen, Bilder durch Worte zu vermitteln, in Sprache zu übersetzen, sei müssig. Sie würden ja gerade durch ihre bildnerischen Qualitäten wie Farbe, Komposition oder Oberfläche unmittelbar, als Bilder eben, wirken. Man könnte auch sagen, Filme, also bewegte und meist vertonte Bilder, in Schrift zu übersetzen sei rundweg unmöglich. Man könnte sich dabei auf spezifische Eigenheiten des filmischen Mediums, auf die Montage, die oft intuitiv wahrgenommene Choreographie der Bewegung oder die wachtraumähnliche Rezeptionssituation berufen. Schliesslich könnte man Marshall McLuhan zitieren und verkünden: «The medium is the message.» Und hätte bei all dem nichts gewonnen und wäre nur im hohlen Gemeinplatz stecken geblieben.

Man kann jedoch auch, wie es die Schweizer Filmzeitschrift «Cinema» seit nunmehr 52 Ausgaben tut, Filme als Texte begreifen, denen man sich vermittels anderer Texte annähern kann. Vorsichtig und mit der nötigen Selbst-Reflexivität ausgestattet, aber auch listig, provokant, verspielt, insistierend. Mit Essays, Filmbriefen, Momentaufnahmen, erzählenden und wissenschaftlichen Texten, Kurzkritiken, Photostrecken. Eine solche, zudem methodisch breit gestreute Herangehensweise behauptet gar nicht, alle Facetten des Sichtbaren zu reproduzieren. Vielmehr greift sie einzelne Aspekte der visuellen Erfahrung auf, setzt sich aus verschiedenen Blickwinkeln mit ihnen auseinander und widersteht so einer autoritären Präsentation von Film, von Welt, von Wahrnehmung. Nur so, mit einer eklektischen Leidenschaft, die das auf den ersten Blick Disparate zusammenführt, können kaum bemerkte Beziehungen, verborgene Verknüpfungen sichtbar werden – ohne dass das angeblich Unvereinbare etwas von seiner Eigenständigkeit verliert.

Dementsprechend herrscht auf den gut 180 Seiten der aktuellen «Cinema»-Ausgabe auf den ersten Blick ein fröhliches Durcheinander: Derangierte Versicherungsvertreter, (nicht-)schwule Cowboys, vampirische Mediziner, das Sterben im TV, Betrachtungen zum Filmemachen im «Gefängnis Schweiz», leuchtende Notausgänge und bedeutungsschwere Hüte und schwebende Schokokugeln – sie alle bekommen hier ihren Auftritt. Den roten Faden im bunten Cocktail liefert das Generalthema «Sicherheit», vielmehr sein dunkler Zwilling: jene Unsicherheit, die «auf der Suche nach dem Anderen, dem Neuen, dem Überraschenden, dem Ambivalenten» entsteht, wenn Filme die «schützenden Grenzen» der Konvention überwinden, so Veronika Grob in ihrem Editorial.

Diese kreative Verunsicherung sowohl thematisch als auch narrativ, licht- und tontechnisch, unter dem Aspekt Genre ebenso wie unter jenem der Geographie (der «Filmbrief» berichtet von der prekären Lage des palästinensischen Films) zu reflektieren, dies gelingt «Cinema» und seinen Autoren eindrucksvoll. Dass der Begriff «Sicherheit» dabei manchmal sehr weit gedehnt wird, ist als positiv zu werten, ertrinken monothematische Publikationen doch ebenso oft in Redundanz wie solche ohne jegliches Leitmotiv in Beliebigkeit. Bei aller analytischen Verve verwundert es dann doch, dass «Cinema» – das ausser als Filmzeitschrift auch als Jahrbuch des Schweizer Films konzipiert ist – gerade beim «kritischen Überblick» über die Schweizer Filmproduktion 2005/06 nur verhältnismässig uninspirierte, über Inhaltsangaben und Floskeln selten hinausgehende Kurzrezensionen aufzuweisen hat. Und dennoch: mehr «Cinema» bitte – vielleicht im halbjährlichen Erscheinungsrhythmus?

besprochen von Jens Nicklas, Innsbruck

«CINEMA, unabhängige Schweizer Filmzeitschrift», 52. Jahrgang. Marburg: Schüren, 2007.

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
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