Wenn einer eine Reise tut …

Ökonomische Reflexionen von unterwegs, über die brasilianische Rezession, blühende griechische Brachen und die vergebenen Chancen der Schweiz.

Wenn einer eine Reise tut …
Burkhard Varnholt, zvg.

Schreibtisch-Analysen sind oft eindimensional. Wer fundiert über die Globalisierung debattieren will, der sollte die Welt auch bereisen. Dann zeigt sich: Der Mensch entspricht nirgendwo dem Bild des rationalen Homo oeconomicus. Kultur, Umwelt und Geschichte prägen unser Verhalten genauso. Auf Reisen versuche ich daher, die ökonomischen Analysen mit meinen Eindrücken aus erster Hand zu ergänzen. Ein paar Gedanken fasse ich nachstehend zusammen, beginnend mit solchen, welche mir anlässlich einer Vortragsreise in Brasilien durch den Kopf gingen.

Sao Paolo, Brasilien

Ich referiere über weltwirtschaftliche Perspektiven und muss in Diskussionen immer wieder zur Frage Stellung beziehen: wie ist die Voraussetzung zu beurteilen, dass sich Brasilien aus den Klauen seiner dramatischen Rezession befreien kann?

Das riesige Land mit 200 Millionen Einwohnern illustriert die traurige Binsenwahrheit, dass zu viel Macht korrumpiert. Der Jahrhundert-Raub im grössten brasilianischen Unternehmen, Petrobras, aus dessen Kasse eine prominente Clique über zwanzig Milliarden US-Dollar entwendete, empört quer durch alle gesellschaftlichen Schichten. Dass die Enthüllung in die tiefsten Rezession seit Jahren fällt (15% Inflation, 50%-ige Währungsabwertung, Preiszerfall der wichtigsten Rohstoffexporte, steigende Arbeitslosigkeit, etc.), bildet nicht nur einen Fluch, sondern auch einen Segen. Ohne den Druck dieser Krise würde dem Parlament das politische Kapital fehlen, um nachhaltige Strukturreformen durchzusetzen. Das ist in Brasilien nicht anders als in Europa. Brasilien hat es in den goldenen Jahren versäumt, strukturelle Missstände zu bereinigen. Jetzt zwingt die Krise zum Handeln. Es geht um drei grosse Themenblöcke: a) viele Subventionen müssen gestrichen, b) haushaltspolitische Regelwerke verankert werden, und c) Strukturreformen müssen die öffentliche und unternehmerische «Governance» dramatisch verbessern. Das ist eine Herkules-Aufgabe. Doch mit raschem und entschlossenem Handeln kann sie gelingen. Aus drei Gründen traue ich Brasilien diesen Erfolg zu. Erstens, weil ich an die «innere Stärke» seines Parlaments glaube. Zweitens, weil Brasilien – im Unterschied zu Argentinien oder Venezuela – über einen funktionierenden Staat, eine krisenerfahrene Mittelschicht, eine um fünfzig Prozent abgewertete Währung, eine diversifizierte Wirtschaft sowie eine deutlich besser gebildete junge Generation als noch vor kurzem verfügt. Drittens ist es ein versteckter Segen, dass kein Drittland Brasilien finanziell retten wird. Brasilien muss sich selbst helfen. Deshalb kann ich mir einen nachhaltigen «Turnaround» hier leichter vorstellen als in Griechenland.

Am Rande meiner Vorträge wurde ich oft gefragt, was eigentlich in Europa «los sei»? Zur Beantwortung dieser Frage genügt der Hinweis, dass Europa die Heimat von fünf Prozent der Weltbevölkerung ist, zwanzig Prozent der Weltwirtschaftsleistung produziert und vierzig Prozent aller weltweiten Sozialleistungen bezahlt. Daraus, wie auch aus dem verhängnisvollen Prinzip der faktischen Beistandspflicht gegenüber insolventen Mitgliedstaaten, ergeben sich eine Vielzahl von Verstrickungen, welche sich an der griechischen Schuldenkrise exemplarisch zeigt. Man nickte verständnisvoll, schüttelte den Kopf über die spendablen europäischen Institutionen und war sich einig, dass die europäische Gemeinschaft nicht umhin kommen wird, ihr gemeinsames haushaltspolitisches Regelwerk grundlegend neu zu verhandeln.

Tel Aviv, Israel

Ich bin vier Tage in Tel Aviv und Jerusalem. Israel ist eine ganz besondere Volkswirtschaft. Auf einem konfliktgeprägten historischen Boden ist eine der erfolgreichsten Volkswirtschaften der Welt entstanden. Nirgendwo auf der Welt wird mehr Wagniskapital pro Kopf investiert als hier. Tel Aviv nennt sich auch «The big orange» – eine Anlehnung an den «Big Apple» New York. Der hedonistische Lebensstil dieser Stadt wirkt wie eine Mischung aus New York und Venice Beach. Fast die Hälfte aller im amerikanischen Technologie-Index NASDAQ kotierten Unternehmen stammen von hier.

Das friedliche Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen und Religionen in Tel Aviv befördert den Wunschgedanken, ähnliches möge auch in Ramallah, Beirut oder Damaskus geschehen.

Im persönlichen Gespräch erklärte mir Ehud Barak, Ex-Premierminister, dass Israels Stärke auf drei Pfeilern basiert: der gesellschaftlichen Kohäsion (Solidarität, Bildung, Kultur), seiner militärischen Überlegenheit und der Freundschaft zu Amerika. Die amerikanische Freundschaft opfere Premierminister Netanyahu gegenwärtig ohne Sinn und Verstand seinem kleinkarierten innenpolitischen Kalkül.

Israels unübersehbarer wirtschaftlicher Erfolg zeigt exemplarisch, dass die Bildung eine unserer wichtigsten Investitionen darstellt. In guten wie in dunklen Zeiten hat die jüdisch-israelische Kultur die Bildung immer ganz besonders gefördert. Denn Bildung ist zwar teuer. Aber keine Bildung ist noch viel teurer.

Athen, Griechenland

Im vergangenen Jahr vier Besuche in Athen. Der durchschnittliche Griechenland-Reisende bemerkt von der Schuldenkrise nur wenig. Geschäfte, Restaurants und Cafés bieten ihre Angebote feil, die öffentliche Infrastruktur funktioniert, man sieht keine Menschenschlangen vor Banken.

Warum zeigen uns die Medien dann regelmässig Zerrbilder der gesellschaftlichen Lebenswirklichkeit? Haben wir nicht längst verstanden, dass die griechischen Staatsschulden niemals von einer demokratisch gewählten Regierung beglichen werden können und dass eine Mischung aus Kapitalflucht und hilfloser Politik die Abwärtsspirale nicht aufhalten kann? Das rechtfertigt es aber noch lange nicht, regelmässig Bilder von gesellschaftlicher Tristesse und existentieller Not zu publizieren, wenn über Griechenland berichtet wird.

Ohne die griechische Schuldenkrise beschönigen zu wollen: es ist falsch, das Land medial darauf zu reduzieren. Oftmals entsteht gerade in Brachen etwas Neues. Das kenne ich aus meiner Zürcher Nachbarschaft, wo auf der Brache des ehemaligen Hardturmstadiums oder im Gleisareal nahe dem Bahnhof Hardbrücke engagierte Anwohner attraktive, kulturelle Angebote geschaffen haben. Ähnliches erlebe ich auch in Athen. Nur lese ich fast nie darüber. In vielen leerstehenden Räumen sind Kulturschaffende aus ganz Griechenland und Europa aktiver denn je. Die Athener Party-Szene sei, so wird mir glaubwürdig geschildert, momentan die «angesagteste» in ganz Europa. Im Schatten der Hauptstadt floriert eine Subkultur, die in «geputzten» Städten wie Frankfurt oder London keinen Raum hätte. Immer wieder höre ich in Gesprächen dieselbe persönliche Erfahrung: man hilft sich selbst und seinen Nächsten. Auf einmal erschliesst sich mir der Begriff «Not-Wendigkeit»: Not macht wendig.

Meine Gesprächspartner sind sich einig, dass schwache, staatliche Institutionen und jahrelange, schlechte Politik das Land in die aktuelle Krise geführt haben. Aber: im Unterschied zu Deutschland – wo das Klagen über die Politik Volkssport ist – wird in Griechenland erstaunlich wenig geklagt. Sogar der Flüchtlingsstrom aus Afrika wird weniger mit Angst als mit Empathie kommentiert. Mir geht die Frage durch den Kopf, ob Not nicht nur wendiger, sondern vielleicht auch solidarischer mache und ob Überfluss im Gegensatz dazu nicht manchmal entsolidarisiert?

Ich will die Lage in Griechenland nicht romantisieren. Griechenlands wirtschaftspolitisches Dilemma zeigt exemplarisch, dass die Vergemeinschaftung staatlicher Schulden in Kombination mit schwachen Regeln zur Haushaltsdisziplin einen fatalen Konstruktionsfehler der Eurozone bildet.

Aber in Griechenland fällt Schwermut auf Dauer schwer. Auch ökonomische Grundwerte sind relativ. Geld ist nicht alles. Den Wert von Kultur, Frieden oder auch Gesundheit schätzen wir in Zeiten wirtschaftlicher Not höher als sonst. Dieser Gedanke wird mir in Athen einmal mehr deutlich.

Margharita Peak, Uganda; Addis Abbeba, Äthiopien

Ich trekke mit meiner Familie durch die atemberaubende Schönheit des Ruwenzori-Bergmassivs – das zweithöchste in Afrika. In der gut erreichbaren, unberührten und üppigen Natur dieses alpinen Nationalparks treffen wir in zehn Tagen keinen einzigen Touristen – während sich «nebenan» jährlich 30‘000 Touristen auf den ausgetretenen Pfaden des Kilimanjaro drängeln. Ich denke daran, dass der von der Outdoor-Branche erfolgreich beworbene «Individual-Tourismus» in Wirklichkeit nur ein von Werbern gut gepflegter Mythos ist und geniesse die paradiesische Anmut unserer einsamen Bergbesteigung.

Von Uganda fliege ich, mit Zwischenhalt in Addis Abbeba, nach Shanghai, wo ich ein Referat vor asiatischen Investoren halte.

Am Flughafen von Addis Abbeba fallen mir über ein Dutzend moderne Boeing-Dreamliner von Ethiopian Airways auf. Später lese ich im In-Flight-Magazin, dass Ethiopian Airways – nach der japanischen ANA-Fluggesellschaft – der zweitgrösste Käufer dieses imposanten Flugzeuges sei. Die Globalisierung macht eben auch vor Afrika nicht halt.

Als regelmässiger Afrika-Reisender bemerke ich oft, wie verzerrt im Westen die Vorstellungen über diesen riesigen Kontinent sind. Afrika ist in mancher Hinsicht ein stiller Gewinner der Globalisierung. Aber auch hier liegen Licht und Schatten nah beieinander.

Afrika ist von der Natur reich begütert. Es verfügt über alles, was der Mensch zum Leben braucht: Wasser, Sonne, einen fruchtbaren Boden, Humankapital und Rohstoffe. Doch der Nachteil Afrikas liegt in seinen notorisch schwachen Institutionen, in einem Mangel an Rechtsstaatlichkeit, welcher nachhaltiges Wirtschaften untergräbt. Welche Chancen und Opportunitäten dieser Kontinent in sich birgt!

Shanghai, China

Shanghai überwältigt seine Besucher mit städtebaulichen Eindrücken. Hier wird die deutsche Kolonialarchitektur «The Bund», von 1897, gegenüber der futuristischen Sonderwirtschaftszone Pudong durch imposante Lichtarchitektur zugleich überhöht und überwunden.

Zwei Eindrücke nehme ich von meinem kurzen Aufenthalt mit: der Westen unterschätzt die geopolitische Bedeutung Asiens in der Zukunft. China wird weder wirtschaftlich noch politisch scheitern. Vielmehr wird China die Welt im 21. Jahrhundert ähnlich stark prägen, wie die USA im 20. Jahrhundert. Trotz aller unübersehbaren Missstände erlauben die ausserordentliche Lernfähigkeit seines Systems und seine schiere Grösse China immer wieder, sich «neu zu erfinden».

Um wirtschaftlich und politisch in der Welt den Ton anzugeben, wird China um westliche «Governance-Reformen», insbesondere der Rechtsstaatlichkeit für in- und ausländische Investoren, nicht umhin kommen. Diesen Schritt trauen China im Ausland nur wenige zu. Umso deutlicher wird das Land auch in dieser Hinsicht überraschen.

Zürich, Schweiz

Ein zutiefst unbequemer Gedanke geht mir auf der Rückreise in die Schweiz oft durch den Kopf: Der europäische Stern befindet sich im Sinkflug. Die Europäische Union muss sich, will sie nicht scheitern, dringend reformieren. Das gilt in Bezug auf ihren innen- und aussenpolitischen Anspruch sowie ihre demokratisch-institutionellen Legitimation.

Trotz aller Defizite der EU: Ich befürchte, dass sich die Schweiz mit ihrem europäischen Sonderweg auf einem Holzweg befindet, der ihr schon heute mehr Kosten als Nutzen stiftet. Es fällt mir nicht leicht, dies zu sagen: die Schweiz würde wahrscheinlich aus einem Beitritt zur Europäischen Union (aber nicht der Währungsunion) mehr Nutzen als Schaden ziehen. Der Gedanke basiert auf fünf Überlegungen:

  1. Wir klammern uns an einen Souveränitätsmythos. Die Mitgliedstaaten der EU sind nicht weniger souverän als die Schweiz. Aber die Schweiz vergibt sich durch ihr Abseitsstehen wertvolle Mitspracherechte – und gewinnt dafür nichts. Denn aufgrund des «automatischen Rechtsnachvollzuges» übernimmt sie automatisch EU-Recht. Der bilaterale Weg kostet mehr Souveränität als er stiftet.
  2. Schon heute leistet die Schweiz – und nicht etwa Deutschland – die grössten Pro-Kopf Transfer-Zahlungen in die EU. Diese erstaunliche Statistik ergibt sich, wenn man die öffentlichen Transferzahlungen der Schweiz an die EU in Bezug zu ihrer Bevölkerungsgrösse setzt. Umso mehr erstaunt es, dass die Schweiz aufgrund ihres Sonderweges praktisch keine politischen Rechte im Gegenzug zu ihrem Engagement beanspruchen kann.
  3. Das schmerzhafte Fehlen von Verbündeten. Die politische Isolierung des Schweizer Finanzplatzes wäre für ein Mitglied der EU oder des EWR – das illustrieren die Beispiele Luxemburg oder Liechtenstein– undenkbar.
  4. Die Schweiz unterschätzt ihre Einflussmöglichkeiten in Europa. Heute ist Luxemburg das politisch einflussreichste Land Europas. Kein anderes Land besetzt pro Kopf so viele Schaltstellen der Politik. Warum? Zweisprachigkeit und Kleinheit prädestinieren Luxemburg geradezu, das sprichwörtliche «Zünglein an der Waage» zu spielen, welches politisch zwischen und mit Deutschland und Frankreich vermitteln kann. Der Schweiz könnte innerhalb Europas sehr rasch wäre eine ähnliche, stille Machtfülle zuwachsen, wenn sie nur wollte.
  5. Europa könnte sich «verschweizern». Das Schweizer Modell von Föderalismus, Nicht-Beistandspflicht und Subsidiarität könnte als institutionelles Vorbild für die EU dienen. Wunschdenken? Vielleicht. Aber in der aktuellen politischen Auseinandersetzung hat das Schweizer Modell in Europa – jenseits von links-rechts-Schemata – mehr Anhänger denn je.

Würde die Schweiz Europa mitgestalten, dann wäre das nicht selbstlos, sondern entspräche ihrem ureigenen Interesse. Denn die souveräne Art, die Zukunft zu antizipieren, besteht darin, sie selbst zu gestalten.

«MONAT für MONAT
eine sinnvolle Investition.»
Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
über den «Schweizer Monat»