Wenn Drachen Walzer tanzen

Eine 25jährige Pianistin zieht von Zürich nach Singapur. Auf der Suche nach ihren kulturellen Wurzeln stellt sie fest: Der Stadtstaat sucht sie ebenfalls. Singapur würde am liebsten Europa und die ganze Schweiz importieren – und verleugnet dabei die eigene Identität. Allein, kann ein Matterhorn aus Styropor wirklich die kulturelle Zukunft sein?

Wenn Drachen Walzer tanzen
Photo by boncafe.com. Rahel Senn is spokesperson for Boncafe International.

Ich bin die Tochter eines Schweizers und einer Singapurerin. Habe mein Leben in der Schweiz verbracht und bin achtsprachig aufgewachsen. Als Kind fühlte ich mich stets missverstanden. Ich war ein Problemkind. Als Teenager bin ich oft ausgerastet. Und heute wäre ich vielleicht drogenabhängig oder Dauergast im Burghölzli, wenn nicht die Musik dazwischengekommen wäre. Ich spüre den Menschen durch die Musik. Ich spüre jedes Lebewesen, jedes Ding durch seinen Puls. Ich teile daher die Meinung mancher Musiker nicht, dass kulturelle Unterschiede in der Musik verschwinden. Musik sei eine universelle Sprache. Blabla. Musik gehe über Grenzen. Blabla. Musik sei für alle da. Blabla. Es macht einen Unterschied, ob ich für ein europäisches oder ein asiatisches Publikum spiele. Es geht dabei um den Puls, der nicht nur jedem Menschen, sondern auch jedem Kontinent eigen ist. Es geht um den Walzer einer Kultur – oder eben den Nichtwalzer einer Kultur.

Im Januar letzten Jahres lag in meinem Zürcher Briefkasten mein Klavierdiplom. Endlich! Jetzt war ich also Pianistin. So viele Jahre hatte ich mich abgerackert für dieses Stück Papier. Geändert hatte sich aber wenig. Nur an die Hochschule zu fahren brauchte ich nicht mehr, ich musste mich nicht mehr in Seminaren langweilen, mich nicht mehr mit Kompositionen beschäftigen, die mehr Mathematik waren als Musik. Ansonsten ging es mir wie den meisten Studienabsolventen: Ich merkte plötzlich, dass ein abgeschlossenes Universitätsstudium nur der Beginn eines noch grösseren Studiums ist, das sich Leben nennt. Mein Leben hat sich seitdem über Kontinente hinweg verschoben. Derzeit bin ich mit meinem Solo-Klavier-Programm «Retour à l’Art brut» in Asien unterwegs, und seit Juli 2011 leite ich das interdisziplinäre Musikdepartement an der staatlich organisierten Raffles Institution in Singapur. Da sich mein Management in Singapur befindet, trete ich hier regelmässig auf. Mir wird immer deutlicher: In Singapur gibt es eine Spannung zwischen mir und meinen Zuhörern, etwas, das die Einheit meiner Seele in erheblichem Masse stört. Eine Spannung, die mir auch im singapurischen Alltag auffällt. Ich spüre den Menschen durch die Musik – vor allem dann, wenn sie innehält.

 

Drachenstaat Singapur

Singapur reitet ganz vorne auf dem Zug der Globalisierung und ist eine der teuersten Städte der Welt. Und alles wird immer teurer. Der kleine Stadtstaat ist – neben Südkorea, Taiwan und Hongkong – einer von vier Drachenstaaten, manchmal auch Tigerstaaten genannt. Die offizielle Definition für einen Drachen- bzw. Tigerstaat lautet: Newly Industrialized Country. Tigerstaat klingt aber aufregender, Drachenstaat fast doppelt so aufregend. Die Asiaten verwenden Tiernamen gerne in ihrer Sprache. Vor allem die der starken Tiere. Singapura – der Name kommt aus dem Sanskrit (singha = Löwe, pura = Stadt) und wurde der Insel gemäss einer Legende wie folgt zuteil: Im 14. Jahrhundert soll der hinduistische Prinz und spätere Herrscher Singapurs, Sang Nila Utama, aus Sumatra auf die Insel geflüchtet sein. Seine Heirat mit einer buddhistischen Prinzessin aus Java hatte zu politischen Unruhen zwischen Sumatra und Java geführt. Damals war Singapur nur ein Dschungel. So kam dem jungen Prinzen bei seiner Ankunft ein Löwe entgegen. Anstatt ihn zu bekämpfen, hatte er dem Tier in die Augen geschaut, und es war wieder gegangen. Nach diesem wundersamen Ereignis gab der Prinz «seiner» Stadt den Namen Löwenstadt – Singapura. Seit 1964 ist der Merlion das Wahrzeichen Singapurs, ein Fabelwesen mit dem Kopf eines Löwen und einem Fischkörper.

Heute ist Singapur  zum grössten Teil von Chinesen bevölkert (76,8 Prozent), 13,8 Prozent sind Malaien und 7,9 Prozent Inder. In der Statistik gibt es 1,4 Prozent «andere». Darunter zählt man die Gastarbeiter, die Ausländer. Und auch die Eurasier, denn von denen gibt es hier so viele, dass sie eine eigene Rasse bilden.  Rassen, die das Land überbevölkern;…

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dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
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