Wenn der Polizeichef nach einem Date fragt

Soziales Gewissen oder gutschweizerisches Rechtsempfinden? Ein diebisches Dilemma auf Sansibar.

Seit ich als Nomadin lebe, bin ich Ausländerin, fast immer und fast überall. Ausländerin zu sein, heisst, sich den Lebensbedingungen anzupassen, die am temporären Wohnort herrschen. Das ist mal einfach, mal schwierig, und manchmal stürzt es einen in ein Dilemma. So wie kürzlich, als mir in einem Restaurant auf Sansibar meine Tasche samt Portemonnaie gestohlen wurde und mir der Restaurantmanager wenig später schrieb, man habe den Dieb gefasst, ich solle mich auf dem Polizei­posten melden. Die Polizei auf Sansibar funktioniert
allerdings nicht wie die Polizei in Zürich. Am besten funktioniert sie, wenn Geld unter dem Tisch durchgeschoben wird.

Auf dem Polizeiposten wurde mir der Dieb vorgeführt. Ich musste bestätigen, dass die Tasche gestohlen wurde. Daraufhin schubste man ihn ins Nebenzimmer, aus dem kurz darauf Hiebe und Schreie zu vernehmen waren. Wobei nicht auszumachen war, ob sie echt oder gespielt waren, um der Ausländerin das «Funktionieren» der Staatsmacht zu demonstrieren. Mir war leicht übel, als ich ins Büro des Polizeichefs geführt wurde, der breitschultrig im FBI-Shirt an seinem Pult sass und mich eindringlich bat, einen Rapport auszufüllen. Ich tat es brav. Schliesslich handelte es sich, wie mir der Polizeichef versicherte, um einen notorischen Dieb, den man endlich vor Gericht bringen wolle. Danach fragte er mich um ein Date.

Tags darauf war die Tasche samt Inhalt wieder da, und die Woche darauf auch der Dieb: Er sprach mich auf der Strasse an und bat mich darum, die Anzeige zurückzuziehen, weil er sonst ins Gefängnis müsse. Die Verhältnisse im Gefängnis auf der Insel sind katastrophal – es ist ein Ort, an den man auch den ärgsten Feind nicht hinwünscht. So traten mein gutschweizerisches Rechtsempfinden und mein soziales Gewissen in einen Zweikampf. Der Gedanke, dass man die Polizei ihre Arbeit tun lassen sollte, wenn sie ihre Arbeit schon mal tut, machte mein inneres Dilemma nicht kleiner. Gelöst ist das Problem noch nicht. Ich habe den Entscheid – in gutafrikanischer Manier – vorerst einmal vertagt.

«Unverzichtbare Lektüre:
eine intellektuelle Zündkerze, die das
Weiterdenken in Gang bringt.»
Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
über den «Schweizer Monat»