Weltuntergang: schon wieder verschoben

Oder: Warum Sie als Optimist kein Idiot sind.

Kann es sein, dass 2014 das grässlichste Jahr aller Zeiten war, das bloss durch das noch schlechter gestartete 2015 übertroffen werden könnte? Wer Angst schüren wollte (und will), wusste (und weiss) gar nicht, wo er beginnen sollte (und soll). Von Gaza bis Liberia, von Donezk bis Sindschar, von Damaskus bis Paris, die vier Apokalyptischen Reiter – Eroberung, Krieg, Hungersnot und Tod – rasen überall über den Planeten und lassen nichts als Schutt und Asche übrig. Und ihnen folgen Schulden, Verzweiflung und Hass auf dem Fuss. Gibt es noch Hoffnung für die Menschheit?
Man bedenke, mit wie viel Leid die Welt konfrontiert ist. Ein Glaubenskrieg zwischen dem militanten Islam und seinen Feinden lodert in ganz Eurasien, von Pakistan über den Irak, Syrien, Palästina, Libyen, Somalia, den Südsudan bis nach Nigeria. In der Ukraine hat ein Amateurautokrat vorsätzlich einen Krieg angezettelt. Und in Westafrika hat sich eine bösartige Seuche immer schneller verbreitet.
Wie oft sind einem dieses Jahr Fotos toter Kinder begegnet: über ein ukrainisches Kornfeld verstreut, auf einer irakischen Strasse enthauptet, an einem Strand in Gaza in Stücke gerissen, schwerverletzt in einem syrischen Krankenhaus oder lebendig begraben in Liberia. Auch das Schicksal der Mädchen, die in Nigeria von Boko Haram entführt wurden, ist kaum weniger beklagenswert. Homo homini lupus.
Auch in der Welt des Geldes gibt es jede Menge Anlass zum Heulen: Argentinien kann seine Schulden nicht mehr bezahlen. Die Verschuldung Grossbritanniens hat sich innerhalb von nur vier Jahren verdoppelt. Die Eurozone hängt in einer permanenten Rezession fest und befindet sich bereits wieder am Rand der nächsten Krise. Die Börsenkurse sind volatil.

 

If it bleeds, it leads

Alles wahr. Alles furchtbar. Doch die Welt steckte schon immer voll Greueltaten, Gewalt, Tod und Armut. Ist jüngst wirklich alles schlimmer geworden oder berichten wir Journalisten einfach nur über die Gewitterwolken, die den Silberstreifen am Horizont verdecken? Man darf nicht vergessen, dass die Medien keine faire Zusammenfassung dessen liefern, was in der Welt gerade geschieht. Sie berichten hauptsächlich über die Sachen, die furchtbar schiefgehen. «If it bleeds, it leads», wie es unter angelsächsischen Journalisten so schön heisst. Nach guten Nachrichten kräht kein müder Hahn.
Darum ist es eine gute Idee, stattdessen einmal zusammenzuzählen, was alles richtig läuft – und was richtig laufen könnte. Diese Liste ist nämlich ziemlich lang. Aber sie ist wohl für die «Tagesschau» nicht aufregend genug. Verglichen mit jedem Zeitpunkt des vergangenen halben Jahrhunderts ist die Welt heute im Ganzen wohlhabender, gesünder, glücklicher, klüger, sauberer, freundlicher, freier, sicherer, friedlicher und egalitärer.
Der durchschnittliche Erdenbewohner verdient heute ungefähr dreimal mehr als vor 50 Jahren – inflationsbereinigt. Und diese Zahl wird der gigantischen Verbesserung unseres Lebensstandards noch nicht einmal gerecht, denn sie bezieht nicht mit ein, wie viel besser die Qualität der Dinge geworden ist, die wir für all das zusätzliche Geld kaufen können. Egal, wie reich Sie im Jahr 1964 waren: Sie konnten weder einen Computer, ein Handy, Prozac oder glutenfreies Essen kaufen noch einen Flug mit einer Billigairline buchen oder eine Suchmaschine nutzen. Die Weltwirtschaft wächst weiterhin rasant – schneller, als Grossbritannien während der Industriellen Revolution gewachsen ist.
Der Durchschnittsmensch lebt etwa einen Drittel länger als vor 50 Jahren. Die Chance, dass jemand seine eigenen Kinder begraben muss, ist um zwei Drittel gesunken. (Und die eigenen Kinder sterben zu sehen gehört zu den schrecklichsten Dingen, die ich mir vorstellen kann.) Die Nahrungsmenge, die zur Verfügung steht, ist auf allen Kontinenten stetig gestiegen – und das, obwohl sich die Weltbevölkerung verdoppelt hat! Hungersnöte sind rar geworden. Die Malaria-Sterberate ist seit Beginn dieses Jahrhunderts um gute 30 Prozent gesunken. Es gibt immer weniger HIV-Tote. Egal ob Kinderlähmung, Masern, Gelbfieber, Diphtherie, Cholera oder Typhus: Die Erkrankungen, denen unsere Vorfahren massenhaft zum Opfer fielen, sind mittlerweile sehr selten geworden.
Wir reden uns gerne ein, wir seien arme, unglückliche Würstchen. Aber das ist nicht wahr. In den Siebzigern behauptete eine Studie, dass Leute mit zunehmendem Wohlstand unglücklicher würden. Doch die Forscher stützten sich auf falsche Daten. Inzwischen wissen wir, dass Menschen insgesamt zufriedener mit ­ihrem Leben werden, wenn ihr Wohlstand zunimmt. Diese Korrelation hält Vergleichen zwischen Ländern, innerhalb von Ländern und innerhalb von Lebenszyklen stand. Sowieso sollte jedem klar sein, dass es immer noch besser ist, wohlgenährt, gesund und unglücklich zu sein, als hungrig, krank und unglücklich.
Zugegeben: Die Bildungssysteme gleichen Scherbenhaufen. Alle Welt regt sich darüber auf, anstatt kurz innezuhalten und zu realisieren, dass heute viel mehr Kinder viel länger zur Schule gehen als vor 50 Jahren. Dazu kommt, dass durch ein mysteriöses Phänomen, den Flynn-Effekt, die IQs überall steigen und steigen, v.a. in den Gebieten, die nichts mit Bildung zu tun haben. Schon mal daran gedacht, dass es daran liegen könnte, dass heutigen Kindern qualitativ hochwertigeres Essen zur Verfügung steht und sie in grösserem Wohlstand aufwachsen als früher?
Die Luft ist viel sauberer als in meiner Jugend. Den Smog haben wir weitgehend aus unseren Städten verbannt. Die Flüsse sind sauberer und strotzen vor Fischottern und Eisvögeln. Zwar wird weltweit weiter am ohnehin verschmutzten Ozean herumgepfuscht. Aber immerhin schwimmen darin mehr Wale als noch vor einem halben Jahrhundert. In vielen Ländern nimmt die Bewaldung stark zu. Der Druck, Boden als Ackerland zu nutzen, hat zu schwinden begonnen.

 

Schwindende Gewalt

Wir glauben, dass die Menschheit heute egoistischer sei als früher. Das ist ausgemachter Blödsinn. Wir spenden einen ungleich grösseren Anteil unseres Einkommens für wohltätige Zwecke als unsere Grosseltern. Alle Arten von Gewaltverbrechen sind im Schwinden begriffen – und ja, das schliesst Mord, Terror, Vergewaltigung, Diebstahl und häusliche Gewalt mit ein. Ähnliches lässt sich von Todes- und Körperstrafen und von Tierquälerei sagen. Immer weniger Menschen haben Vorurteile gegenüber Homosexuellen oder Menschen mit anderer Hautfarbe oder dem ­anderen Geschlecht. Selbst die Pädophiliefälle haben nicht zugenommen – sie werden bloss weniger totgeschwiegen als in der «guten alten Zeit».
In meiner Jugend gab es nur ein paar ernsthaft demokratische Länder; der Rest wurde von kommunistischen oder faschistischen Despoten geführt. Heute sind nur noch ein paar von diesen Schiessbudenfiguren übrig geblieben – sie könnten sich alle in einer Bar treffen: der fette Kim, Castros Bruder, Mugabe, eine Handvoll Zentralasiaten, die Burschen aus Venezuela und Bolivien und der alte weissrussische Sack. Putin bemüht sich gerade um eine Aufnahme in den Club. Dafür verirrt sich kein Chinese mehr in die Bar.
Auch das Wetter wird nicht schlimmer. Selbst wenn Sie anderes gelesen haben mögen: Es gibt keine Hinweise darauf, dass Fluten, Zyklone, Tornados, Blizzards und Buschfeuer weltweit zugenommen haben. Dürren sind heute sogar weniger verheerend als früher. Sie glauben das Gegenteil? Das liegt daran, dass die Berichterstattung immer hysterischer geworden ist. Übrigens starben in den letzten Jahren dank der besseren Infrastruktur, Kommunikation und Technologie immer weniger Menschen wegen extremer Wetterlagen (siehe Graphik von Indur M. Goklany).
Global gesehen ist Ihre Chance, wegen einer Dürre, einer Flut oder in einem Sturm zu sterben, stolze 98 Prozent niedriger als in den 1920er Jahren. Wie Steven Pinker zeigt1, ist auch die Zahl der Kriegsopfer gefallen, wenn auch viel unregelmässiger. Die zehn Jahre von 2000 bis 2010 waren von allen Dekaden seit Messbeginn in den Vierzigern jene mit den wenigsten Kriegsopfern. Das wird womöglich nicht so bleiben – in der Tat scheint diese Dekade blutrünstiger als die letzte. Aber auch das kann sich wieder verbessern.

 

Die Ungleichheit schrumpft

Und wie steht es um die berühmt-berüchtigte Ungleichheit? Die Einkommen nähern sich weltweit immer mehr an. Der Grund: die Bürger armer Staaten werden schneller reicher als jene von Industrieländern. Nicht nur können wir diese Entwicklung seit gut zwei Jahrzehnten beobachten. Sie hat sich seit der globalen Rezession sogar noch beschleunigt. Das BIP von Mosambik ist seit 2008 um sechzig Prozent gestiegen; das von Italien ist um sechs Prozent gesunken. Die Zeitungen berichten aus gutem Grund nicht über Mosambik. Dort steht nämlich alles zum Besten.
Natürlich kann auch ich den Weltuntergang herbeireden. Militanter Islam könnte Gemeinschaften auseinanderreissen. Und die europäischen Bürokraten könnten Innovationen noch mehr im Keim ersticken, als sie das heute bereits tun. Wenn ich gefragt werde, worüber ich mich am meisten sorge, antworte ich immer: «Bürokratie und Aberglauben.» Denn die haben frühere Zivilisationen wie die Ming- oder die Abbasiden-Dynastie zu Fall gebracht.
Eine Warnung zum Schluss: Optimisten werden nicht ernst genommen. Wie der Philosoph John Stuart Mill beobachtete: «Nicht derjenige, der hofft, wenn andere verzweifeln, wird von einer grossen Anzahl Menschen als Weiser angesehen werden, sondern der, der verzweifelt, wenn andere hoffen.»

 


1 Steven Pinker: Mythos: Gewalt. In: Schweizer Monat 1014. März 2014. S. 54–58.

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Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
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