Weiter geht’s

Und wie geht’s weiter? Vielleicht ein gutes Jahrhundert ist es her, da machten sich Zeitungen und Zeitschriften ein Be-dürfnis zunutze und veröffentlichten Romane in Fortsetzungen. Berühmte Autoren wie Charles Dickens und Karl May, Alexandre Dumas père und Arthur Conan Doyle schrieben sich die Finger wund und produzierten Woche für Woche neuen Stoff für ihr lesesüchtiges Publikum. Es soll sogar vor langer, langer Zeit einen König gegeben haben, der liess sich durch die Erzählkünste einer jungen Frau derartig fesseln, dass er davon absah, sie umbringen zu lassen wie schon viele andere vor ihr. Schliesslich wollte er immer wieder wissen, wie die gerade begonnene Geschichte weitergehe. Die Dame hiess Scheherazade, ihr Leben verdankte sich den phantastischen Erzählungen aus tausendundeiner Nacht.

Ihre moderne Wiedergängerin, eine Erfindung des Schriftstellers Charles Lewinsky, bleibt namenlos. Sie bewohnt ein Zimmer in einem ehemaligen Hotel, das früher einmal «Palace» hiess. Ihr letzter Kunde – der, dem sie ihre Ge-schichten erzählt – ruft sie Prinzessin, weil man ihn in seinem Milieu den König nennt. Er ist ein ungeduldiger Zuhörer. Immer wieder unterbricht er den Erzählfluss, fragt nach oder gibt Kommentare. Manchmal treibt er die Prinzessin an, weil seine Geschäfte ihm keine Zeit lassen. Auch die Geschichten selbst haben wenig mit den märchenhaften Erzählun-gen aus dem Orient gemein. Da gibt es einen Lebensretter, der seiner Tat nicht froh wird. Oder einen Mann mit zwei Köpfen. Und wenn tatsächlich jemand beim Urlaub in Marokko auf einen Flaschengeist trifft, sieht es zunächst gar nicht so aus, als ob ihm diese Begegnung Glück bringen würde. Was Lewinsky in elf Nächten auf denkbar schmucklose Weise, aber umso eindringlicher erzählen lässt, klingt oft parabelhaft, doch auf eine Moral wartet man vergebens. Manchmal bleibt sogar die Pointe aus. Dennoch liest man fasziniert weiter bis zum Ende, wenn der König eingeschlafen ist und die Prinzessin ihren Palast endlich verlassen kann.

Weniger rätselhaft, aber ebenso spannend geht es zu, wenn Charles Lewinsky in die Rolle eines fleissigen Produzen-ten von Kolportageliteratur schlüpft und einen zünftigen Fortsetzungsroman verfasst. «Doppelpass» heisst das Werk, dessen

50 Kapitel, jedes frisch geliefert, die «Weltwoche» über ein Jahr hinweg abdruckte. Nun liegt der Roman in Buchform vor, und man staunt, wie gut er auch «am Stück» gelesen funktioniert. Ein junger Afrikaner gelangt illegal in die Schweiz, wo ein entfernter Verwandter aus seinem Heimatdorf eine vielversprechende Karriere als Fussballer verfolgt. Der wiederum spielt für einen Verein, dessen Präsident als Politiker erfolgreich an den, wie es sein Berater ausdrückt, «xenophoben Reflex» der Schweizer appelliert. Weitere Rollen werden von der publicitysüchtigen Verlobten des schwarzen Fussballstars, vom rebellischen Sohn des Präsidenten, von einem windigen Reporter und vielen anderen, mit kräftigem Strich gezeichneten Typen eingenommen. Es entwickelt sich eine aberwitzige Handlung, die allerdings ihren Bezug zur politischen Realität nie verliert. In dieser bösen Satire kriegen fast alle ihr Fett ab. Nur wenige Figuren blei-ben unbehelligt vom Spott des Autors, unter ihnen natürlich der bemitleidenswerte Immigrant, der sich am Ende des Romans, reich an Blessuren und Erfahrungen, zurück auf dem Flug nach Guinea befindet.

«Doppelpass» verschlingt man voll Vergnügen an seinen politisch-gesellschaftlichen Bosheiten, der andere Roman hingegen macht eher nachdenklich. Darum habe ich den Fortsetzungsroman nach der Lektüre weiterverschenkt, wäh-rend die Geschichten aus «Zehnundeiner Nacht» gut greifbar im Bücherregal plaziert sind. Denn ich möchte sie unbe-dingt ein zweites Mal lesen.

vorgestellt von Joachim Feldmann, Recklinghausen

Charles Lewinsky: «Zehnundeine Nacht». Zürich: Nagel & Kimche, 2008

Charles Lewinsky: «Doppelpass». Zürich: Nagel & Kimche, 2009

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
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