Was, wenn ich falsch liege?

Gefahr geht von dem aus, was wir nicht wissen – über einige folgenschwere Annahmen der Risikoforschung.*

Risikomanagement ist eine ernsthafte Sache. Deshalb verlangt das Erstellen einer «Risikobewertung» eine Antwort auf die Frage: «Wie wissen wir, was wir zu wissen glauben?» Es geht also um Epistemologie. Feststellungen, die das Risiko betreffen, lassen sich nicht ohne rigorose Überprüfung ihrer Gültigkeit machen. Es bedarf kritischer Untersuchungen darüber, wie man zu einer Risikobewertung gelangte und wie daraus eine Meinung entstand.

Ökonomie, Finanz- und Versicherungswissenschaft haben bislang, trotz ihrer Mathematikabhängigkeit, bloss unzulängliche Risikobewertungen geliefert – besonders mit der höchst quantitativen Modern Portfolio Theory [wonach es darum geht, eine möglichst hohe Rendite bei möglichst geringem Risiko zu erzielen; Anmerkung der Redaktion]. Sowohl Forscher als auch Praktiker haben sich sehr wenig um die theoretische und praktische Tauglichkeit ihrer Vorgaben gekümmert. Was zudem die Statistik mit ihrer Bestätigungslastigkeit betrifft, fällt sie dem Problem der Induktion zum Opfer – der Beweis der einen Wahrscheinlichkeitsstufe wird als Beweis einer andern angenommen.

Während es nun auf dem Gebiet der Risikostudien und des quantitativen Risikomanagements an angemessener Überprfung fehlt, so bietet die Mainstream- Epistemologie dem Entscheidungsträger in seiner Ungewissheit ebenfalls keine Hilfe (wir haben’s ausprobiert!). Erstens ist diese Epistemologie zu theoretisch und konzentriert sich auf Paradoxa bar jeden praktischen Nutzens für die Entscheidungsträger; ihre Veröffentlichungen scheinen es bloss auf eine Komplizierung dessen abgesehen zu haben, was eine «gerechtfertigte wahre Ansicht» («justified true belief») bildet. Die Veröffentlichungen mögen alle «streng» sein, für uns jedoch folgenlos. Zum zweiten befasst die Mainstream-Epistemologie sich traditionell mehr mit der Frage, ob eine Behauptung wahr und gerechtfertigt sei, als mit derjenigen, ob ihre Unrichtigkeit einen Einfluss oder irgendwelche Folgen haben würde: «Wie gross ist mein Schaden, wenn ich falsch liege?»

Eine Fehlerquote von 1 Prozent mag unter gewissen Umständen erträglich sein, aber nicht, wenn der Ausnahmefall – wie wir sehen werden – die statistischen Eigenschaften beherrscht. Das Problem der Induktion besteht in folgendem: Wie kann ich gestützt auf Gesehenes über Ungesehenes folgerichtig etwas behaupten? In der Philosophie wird dies durch die Ausnahmeerscheinung des «schwarzen Schwans» illus-triert, der bei denen Erstaunen hervorruft, die – gestützt auf ihre Erfahrung – dachten, alle Schwäne seien weiss. In der Logik mag das folgenlos sein: die Farbe eines Vogels wird unser Leben kaum gross ändern. Im Risikomanagement dagegen haben wir es mit «schwarzen Schwänen» zu tun, die Folgen zeitigen. Ferner fördert eine Literatursuche auf dem Gebiet der Wahrscheinlichkeitsphilosophie und -geschichte die niederschmetternde Tatsache zutage, dass das Grossereignis als solches in den Diskussionen überhaupt nicht vorkommt – das Interesse ist ausschliesslich auf casinoartige Spiele gerichtet, denen jeder Bezug zur Wirklichkeit abgeht.

Der vorliegende Aufsatz bespricht zwei mit dem Risikomanagement zusammenhängende epistemologische Probleme und versucht, für diese eine mögliche einfache Lösung aufzuzeigen, die darauf ausgerichtet ist, im Fall seltener Ereignisse den Verlass auf Induktionsschlüsse zu minimieren.

Das erste epistemologische Problem

Im Sommer 1982 erlebten die amerikanischen Banken einen schlechten Monat. Sie verloren mehr Dollars, als sie je verdient hatten, und wären bankrott gegangen, wenn ihre Wertschriftenportefeuilles zu Marktpreisen berechnet worden wären oder sie selbst nicht Hilfe von der Federal Reserve erhalten hätten. Die Verluste rührten von Krediten an «wachsende» interna-tionale Märkte her. Die Spar- und Darlehenskassen («Savings and Loan») blieben verschont, da ihre Kredite nur ans Inland gegangen waren… bis etwa ein Jahrzehnt später ihre Branche verschwand. Dies machte einen durch die Regierung bezahlten Bailout von einigen hundert Milliarden Dollars notwendig (mit der Gründung der Resolution Trust Corporation). So kostete ein einziger Abschwung in den frühen 1990er Jahren mehr, als jemals in den USA im Immobilienkreditgeschäft verdient worden war. Oder um ein britisches Beispiel zu nehmen: nach Jahren komfortabler Prämie-n-einnahmen wurden viele der «Namen» von Lloyds in London plötzlich insolvent, nachdem das, was wie ein Supergeschäft ausgesehen hatte (Investition…

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»