Was Sie schon immer über Ungleichheit wissen wollten…

… aber nie zu fragen wagten.

Was Sie schon immer über Ungleichheit wissen wollten…
Branko Milanović, fotografiert von Gary Doak / eyevine / laif.

Als Branko Milanović, der weltweit führende Forscher zum Thema Einkommensungleichheit, durch die Halle des Zürcher Flughafens langsam winkend auf uns zuschlendert, ist der jüngste Oxfam-Bericht keine 24 Stunden öffentlich – alle relevanten Medien haben ihn aber schon zitiert. Die Hilfsorganisation ist recht gut darin, jeden Januar, kurz bevor das WEF in Davos eröffnet wird, mit markigen Worten auf die wachsende Vermögensungleichheit in der Welt hinzuweisen. Die Ergebnisse der neusten Studie fassen die Verantwortlichen in diesem Jahr so zusammen: «Während die Superreichen ihr Vermögen in Lichtgeschwindigkeit vermehren, geht es für die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung wirtschaftlich bergab.»

Diese Botschaft, jedes Jahr ähnlich und auch ähnlich eingängig verpackt, ist längst zum Common Sense aller Ungleichheitsdebatten beim Feierabendbier mit Fair-Trade-Erdnüssen geworden – und damit zur kollektiv nachgebeteten Werbebotschaft einer Organisation, die ihr Jahresbudget von 1,1 Mrd. Dollar zu fast 40 Prozent aus öffentlichen Geldern bestreitet.

Die Sache mit der Ungleichheit

Was Oxfam in seinen Berichten darreicht, ist nicht nur sehr populär, sondern auch höchst selektiv, mitunter nicht einmal die halbe Wahrheit zum Stand der Forschung: Über das Zustandekommen der Vermögen wird kein Wort verloren, die sich rasant wandelnde Einkommensverteilung – hin zu mehr Gleichheit – spielt keinerlei Rolle, die damit einhergehenden Kaufkraftveränderungen nicht, der technische Fortschritt nicht. Zu allem Überfluss werden die Themenkomplexe «Ungleichheit» und «soziale Gerechtigkeit» miteinander vermengt – dabei lässt sich vom einen per se nicht auf das andere schliessen: Geringe Ungleichheit ist weder eine notwendige noch eine hinreichende Bedingung für soziale Gerechtigkeit. Erstere ist eine Frage rein statistischer Natur, letztere hat vielfältige philosophische und politische Implikationen.

Einer, der das Vorgehen Oxfams aus wissenschaftlicher Sicht kritisiert, ist Branko Milanović, der sich nun zu uns setzt: «Diese Zahlen sind gut für die PR von Oxfam, aber sie machen keinen Sinn», meint der serbisch-US-amerikanische Ökonom. Die Verknüpfung der globalen Vermögensanalysen der Credit Suisse mit den Armutszahlen der Weltbank bringe zuverlässig aufsehenerregende Resultate – unvergessen etwa die Rede von den acht reichsten Menschen der Welt im Jahr 2016, die so viel privates Nettovermögen wie die ärmere Hälfte der gesamten Menschheit besitzen sollten – sie bilde aber die zugrunde liegenden Entwicklungen unzureichend ab und stelle die Umstände tendenziös dar.

Der Oxfam-Vermögensverteilungs-Irrweg

Die acht reichsten Menschen besassen 2016 so viel wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung? Das klingt für jeden Menschen bei gesundem Verstand intuitiv skandalös. Zwei Einwände, ein kleiner und ein grosser, relativieren die Zahl aber schnell:

Der kleine: Schon 2017 korrigierte Oxfam die Zahl auf 42 und rückwirkend für 2016 auf 54. In der ersten Berechnung war unter anderem die Verschuldung von Studenten an amerikanischen Elitehochschulen in die Kalkulation eingeflossen, was mit Armut doch eher wenig zu tun hat. Diese Korrektur zeigt: Wahrscheinlich weist die Berechnung nicht nur diese aufgrund vergleichsweise klarer Datenlage noch vergleichsweise leicht vermeidbare, sondern noch weitere (methodische) Schwierigkeiten auf. Aber ganz ehrlich: 42 gegen 3 700 000 000? Das ist doch immer noch völlig grotesk?

Nein, eigentlich nicht. Zumindest nicht a priori. Denn hier der zweite Einwand: Sowohl in den Industrieländern wie auch – und vor allem – in Schwellen- und…

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
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