«Was passiert, wenn die Gelder kurzerhand abgezogen werden?»

Christine Lagarde ist eine der mächtigsten Frauen der internationalen Politik. Doch selbst die Chefin des Internationalen Währungsfonds fragt sich, warum die Liquidität nicht ankommt, wo sie sollte. Ein kurzer Austausch über Risiken und Nebenwirkungen.

Madame Lagarde, der IWF verfolgt die weltweiten Flüsse des Kapitals, das aufgrund der erhöhten Liquidität in historisch beispiellosem Umfang vorhanden ist. Hat die versorgende Geldpolitik zur Bekämpfung der vergangenen Exzesse die Samen für neue Exzesse und neue Crashes gesät? Wo sehen Sie neue Risiken, die durch die Neuverpackungen der alten Risiken entstanden sind?

Wenn wir über Geldpolitik sprechen, gibt es aktuell zweierlei Risiken. Das erste Risiko besteht darin, dass die unkonventionelle Geldpolitik nur bis zu einem bestimmten Punkt funktioniert. Tiefzinsstrategien, wie die Fed, die EZB, die Bank of England und die Bank of Japan sie anwenden, sollten sich auf der untersten Ebene auswirken, wo Kredite gewährt werden. Das heisst, sie sollten der Person nützen, die sich mit genügend Sicherheiten ein Haus kaufen will, oder dem Kleinunternehmen, das sich Geld leiht, um eine neue Infrastruktur aufzubauen. Wir sehen aber nicht, dass der Prozess in dieser Form funktioniert.

Die grosse Frage ist: warum nicht?

Es gibt verschiedene Erklärungsmöglichkeiten. Funktioniert der Prozess nicht, weil die Geldpolitik nicht so kalibriert ist, wie sie sollte? Oder behalten die Banken die zusätzliche Liquidität bei sich, weil sie sich um die sorgen? Oder liegt der Grund darin, dass sich die Leute am Ende der Kette – der Hauskäufer oder der Kleinunternehmer – sagen: Warum sollte ich investieren, wenn alles so riskant ist und ich keine Ahnung habe, wie sich die Dinge in Zukunft entwickeln? Vielleicht handelt es sich um eine Mischung aus allen drei Elementen. Auf jeden Fall stellt das Resultat, nämlich die mangelhafte Effektivität der Geldpolitik, aus meiner Sicht das erste Risiko dar. Das zweite Risiko erwartet uns in Zukunft. Die unkonventionelle Geldpolitik hat die Kapitalflüsse in emerging markets getrieben – fragen Sie in der Türkei, in Brasilien, Mexiko oder Indonesien nach.

Die freuen sich erst mal darüber.

Diese Länder erleben, wie Investitionen zu ihnen fliessen. Manche Investitionen sind langfristig angelegt: das ist gut, denn einige dieser Länder können so ihre Infrastruktur finanzieren. Aber einige der Investitionen sind reine Portfolio-Investitionen – und können sich sehr schnell anderswohin bewegen. Hier lauert also ein weiteres Risiko: Was passiert, wenn diese Gelder kurzerhand abgezogen werden? Wie gehen die betroffenen Länder mit einem plötzlichen massiven Kapitalrückzug um? Wir sehen, dass einige Länder dämpfende Massnahmen ergreifen. Kolumbien oder Chile etwa sind daran, ihre Finanzmärkte zu vertiefen und die finanzielle Infrastruktur auszubauen, um diese Kapitalflüsse einzufangen. Dennoch halte ich den schnellen Kapitalabfluss zusammen mit der Effektivität der Geldpolitik für die aktuell grössten Risiken.

 

 

Das Treffen mit Christine Lagarde

Verglichen mit den Problemen, die Mohamoud Ahmed Nur als Bürgermeister der 2,5-Millionen-Stadt Mogadischu zu lösen habe, sei ihre tägliche Arbeit eigentlich einfach. Christine Lagarde sitzt entspannt im ledernen Sessel in einem zum Medienraum umfunktionierten Saal der Universität St. Gallen und sinniert vor den Journalisten darüber, wie sich der tägliche Gang zur Arbeit wohl anfühle, wenn man permanent mit Morddrohungen konfrontiert sei. Sie selbst hat auch schon Drohungen erhalten – allerdings nur vereinzelte. Dennoch, wenn Lagarde öffentlich auftritt, ist sie umringt von schwarz gekleideten Personenschützern. Auch am St. Gallen Symposium, an dem sie dieses Jahr zum elften Mal teilnahm. Das Thema lautet «Rewarding Courage». Mut besitzt die 57jährige Französin, hat sie doch früh gelernt, sich durchzusetzen: drei jüngere Brüder, erste Geschäftsführerin der Kanzlei Baker & McKenzie, erste Finanzministerin eines G-7-Mitglieds und erste Direktorin des Internationalen Währungsfonds. Von einer der wohl einflussreichsten Frauen der Welt geht eine gleichsam graziöse Machtausstrahlung aus. Sie versteht es, ein Lächeln innert Sekundenbruchteilen in demonstrative Entschlossenheit zu verwandeln, und sie weiss um das Gewicht ihrer Worte. Nein, einfach ist ihre Arbeit nicht. Aber sie hat sie gewollt – und weiss, dass noch vieles auf sie zukommt. (FR)

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